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47 Jahre danach: Als ein 18-jähriger Vorarlberger 18 Tage in einer Zelle vergessen wurde

Strobel/VN Archiv
Strobel/VN Archiv
Ein junger Mann aus Bregenz verschwindet spurlos – und niemand kann Antworten geben, wo er ist. Was im April 1979 passiert, sorgt weltweit für Entsetzen. Ein damals junger Reporter erinnert sich an eine Geschichte, die ihn bis heute nicht loslässt.

Es ist April 1979, als ein Fall Vorarlberg erschüttert – und weit über die Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt. Ein 18-Jähriger wird nach einem Unfall in eine Arrestzelle gebracht. Danach verliert sich seine Spur. Einer, der damals hautnah an dem Fall dran war, erinnert sich heute an die Ereignisse. Alfons J. Kopf war damals Reporter und schildert VOL.AT zum Jahrestag seine Eindrücke.

Ein Zufallsfoto – und der Beginn einer unglaublichen Geschichte

Als Kopf am Tag nach dem Unfall auf der L202 ein Foto vom Unfallauto macht, ahnt er nicht, welche Geschichte dahintersteckt. "Ich habe damals einfach ein Foto gemacht – ohne zu wissen, was daraus noch wird", sagt er heute. Erst später wird ihm bewusst, dass er damit den Beginn eines Falls dokumentiert hat, der ihn lange beschäftigen wird.

"Alle waren völlig durcheinander"

Nach dem Unfall werden Fahrer und Beifahrer zum Gendarmerieposten gebracht. In der Folge wird einer der Beteiligten in den Arrest gebracht – eigentlich nur vorübergehend. Doch durch mehrere Einsätze und fehlende Abstimmung gerät der junge Mann in Vergessenheit. Für Kopf ist genau diese Verkettung entscheidend. Er erinnert sich an eine unübersichtliche Situation, in der vieles gleichzeitig passiert ist. "Alle waren völlig durcheinander", sagt er rückblickend.

Erste Berichte über den Fall sorgten 1979 für großes Aufsehen in den Vorarlberger Nachrichten. ©VN Archiv/VOL.AT

Ein Ort, der vieles erklärt

Der Arrest befindet sich nicht direkt im Postengebäude, sondern in einem Keller auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Für Kopf ist dieser Ort bis heute zentral für das Verständnis des Falls. "Das war ein richtiger Gemeindekotter, wie ein mittelalterliches Verlies", sagt er. Im Nachhinein war er vor Ort und konnte sich ein Bild machen. Dicke Mauern, eine Stahltür und ein kleines Fenster sorgen dafür, dass Geräusche kaum nach außen dringen. Wer das Gebäude kennt, könne sich vorstellen, warum Hilferufe nicht gehört wurden.

In diesem Haus, dem Gemeindeamt von Höchst, befand sich ehemals der Kotter; gegenüber, wo heute eine Bank und ein Fastfood-Restaurant sind, zählten diese damals zum Polizeiposten. ©Strobel/VOL.AT
Die Öffnungen an der Seite des Gebäudes erinnern noch an das "Verlies". ©Strobel/VOL.AT

Über Tage unentdeckt

Der 18-Jährige bleibt über Tage hinweg unentdeckt. Ohne Wasser, ohne Nahrung und ohne Licht. "Am Anfang hat er gedacht, das gehört so", sagt Kopf. Erst als sich sein Zustand verschlechtert, wird klar, dass etwas nicht stimmt – doch da ist er bereits zu geschwächt, um sich bemerkbar zu machen.

Die damalige Berichterstattung sprach von einem "vergessenen Häftling". ©VN Archiv/VOL.AT

Zufällige Entdeckung

Der junge Mann wird schließlich zufällig entdeckt und überlebt. Für Kopf ist dieser Moment bis heute präsent – weniger wegen der Entdeckung selbst, sondern wegen dem, was danach folgte. "Die Gemeinde war aus dem Häuschen, die Polizisten sind verständlicherweise untergetaucht", erinnert er sich. Innerhalb kürzester Zeit wird klar, dass hier nicht nur ein Fehler passiert ist, sondern mehrere Dinge gleichzeitig schiefgelaufen sind. Für viele sei es kaum vorstellbar gewesen, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Auch für den Reporter selbst verändert sich in diesem Moment der Blick auf den Fall. Aus einer Geschichte wird ein Ereignis, das ihn nachhaltig beschäftigt.

Im November 1979 war der Prozess in vollem Gange. ©VN Archiv/VOL.AT

Die Berichterstattung nimmt rasch Fahrt auf. Kopf spricht mit der Mutter von Andreas Mihavecz, ist stetig mit Behörden und der Rettung in Kontakt. Der Fall wird öffentlich diskutiert, Fragen nach Verantwortung und Abläufen stehen im Raum. Für Kopf ist vor allem die Wucht der Reaktionen in Erinnerung geblieben. "Man hat gemerkt, dass das die Leute beschäftigt", sagt er. Es sei nicht nur um einen einzelnen Vorfall gegangen, sondern um ein grundlegendes Vertrauen in Abläufe und Behörden.

Die Pressekonferenz zum Fall Mihavecz. ©Vorrlberger Landesrepositorium/VOL.AT

Konsequenzen im Arrestwesen

Die Ereignisse führen zu juristischen Konsequenzen und zu Änderungen im Arrestwesen. Für Kopf steht dabei weniger das Verfahren im Mittelpunkt, sondern die grundsätzliche Frage, wie es dazu kommen konnte. "Man hat sich immer wieder gefragt: Wie kann so etwas passieren?", sagt er. Der Fall zeigt aus seiner Sicht, wie schnell eine Verkettung aus Zeitdruck, fehlender Kommunikation und falschen Annahmen entstehen kann.

VOL.AT hat im Zuge der Recherchen versucht, Andreas Mihavecz ausfindig zu machen. Auch vor Ort in Bregenz wurde nachgefragt. Ehemalige Nachbarn konnten jedoch keine Auskunft mehr geben – wo er heute lebt, wie es ihm geht oder ob er über den Fall sprechen möchte, sie würden sich allerdings an ihn erinnern.

Auch Jahrzehnte später bleibt der Fall präsent. Für den ehemaligen Reporter Kopf zählt er zu den prägendsten Ereignissen seiner Laufbahn. Die Geschichte habe ihn nie ganz losgelassen. "Man fragt sich bis heute, wie so etwas passieren konnte", sagt er.

(VOL.AT)

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