Ausnahmezustand am Bodensee: Hunderte auf dem Eis, die Gefahr fährt mit
Die Vorarlberger auf dem Bodensee sind sich bei einem einig: Endlich wieder ein zugefrorener See seit zehn Jahren. "Mein Opa hat mir damals schon erzählt, dass sie in den 60er-Jahren mit dem Auto über den zugefrorenen See nach Lindau gefahren sind", erzählt Felix Pfeiffer aus Höchst. Derart weit kommt man aktuell zwar nicht auf dem Eis – doch fürs Schlittschuhfahren ist genügend Platz am Rohrspitz.
Sein Freund Sebastian Blum erinnert sich ebenfalls an seine Kindheit, in der der 20-Jährige mit der Familie öfter auf dem zugefrorenen See war. Damals sei dies noch jährlich möglich gewesen, klingt der Höchster wehmütig.
VOL.AT trifft auf freudige und frierende Vorarlberger auf dem Eis:
"Kann es nicht in Worte fassen"
Die letzten Jahre war es dann nicht mehr möglich. Das haben viele diese Woche ausgenutzt. "Das war echt ein Erlebnis", meint Yvonne Feßler aus Gaissau strahlend. "Das war jetzt ganz – ich kann es gar nicht in Worte fassen – einfach lässig." Dem stimmt auch Anna Maria Lenz zu: "Es ist etwas ganz Besonderes, das man nur alle paar Jahre machen kann."
Die meisten Winterbegeisterten erzählen, dass sich vor allem am Feiertag, am 6. Jänner, unzählige Winterbegeisterte am Rohrspitz in Fußach tummelten. Auch am Mittwoch beim Lokalaugenschein von VOL.AT war einiges los. VOL.AT trifft auf vor Kälte rote Gesichter und Hände, aber strahlende Augen.
Zerbrechliche Angelegenheit
Doch die aktuellen Schlagzeilen von Unfällen am Eis und auch Warnschilder und Rettungsbretter am Bruggerloch zeigen: Das Eis trügt und bringt nicht alle Besucher nur zum Strahlen. Jonas Russ erzählt, dass er am Dienstag am Rohrspitz beobachtet hat, wie jemand eingebrochen ist.
Er empfindet dies jedoch nicht als schlimm – das Wasser reicht dort lediglich bis zum Knie. Und er habe ohnehin Wechselklamotten dabei, falls er nass werde, meint der 20-Jährige. Der Lustenauer spielt mit seiner Freundin Fabienne Köck Eishockey am Eis und zeigt VOL.AT auch Videos vom Feiertag und wie viel am Rohrspitz los war.
Eishockey auf dem See
Am Rohrspitz schlägt Eishockey-Crack Samuel Prutti (SC Hohenems) den Puck übers Natureis. Der Eishockeyspieler hat die präparierte Eisfläche gegen den See eingetauscht – trotz schlechterer Spielverhältnisse mit Unebenheiten und Schnee. Wegen des Naturerlebnisses, erklärt er. "Es war lässig und kalt." Dies bestätigt auch Anna Maria Lenz: "Aber es macht einfach viel mehr Spaß im Freien."
Einsatzkräfte warnen: "Tragfähigkeit ist unberechenbar!"
Vorarlberger Einsatzkräfte warnen jedoch vor den Gefahren am Eis. So berichtet Thomas Ender, der mit seiner Tochter Olivia Fröwis am Bruggerloch rodelt, von einem Besuch der Polizei am Nachmittag. "Die Polizei hat uns halt darauf aufmerksam gemacht, dass es schon gefährlich sein kann, gerade auch, wenn Kinder sich daran gewöhnen", so der Vater. Er nehme seine Tochter selbst an die Hand und verlasse den sicheren Bereich am Rand nicht.
"Trotz der scheinbar stabilen Oberfläche bleibt die Tragfähigkeit jedoch unberechenbar, weshalb weiterhin dringend vor dem Betreten gewarnt wird", warnt ebenfalls die Höchster Feuerwehr.
Übung auf dem Eis
Für den Ernstfall hat sich ebenfalls die Feuerwehr Höchst bereits vorbereitet und diese Tage auf der Eisfläche geübt. "Am Bruggerloch, an dem die Übung stattgefunden hat, hat die Gemeinde spezielle Rettungsbretter bereitgestellt", heißt es vonseiten der Feuerwehr Höchst.
Ähnlich geht Anna Maria Lenz, die mit Kindern am Eis ist, die Sache an: "Wir haben uns langsam einmal mit den Schuhen vorangetastet." Die anderen Besucher auf dem Eis gaben ihr dann Sicherheit: "Und als ich dann gesehen habe, dass alle fahren und da nichts passiert, haben wir unseren Weg durchgebahnt."
Olivia kann die Fische unterm Eis nicht sehen
Einigen der Eisbesucher scheint diese Gefahr bewusst zu sein, wie sich beim Gespräch mit VOL.AT zeigt. Ein erster Check muss auch für Jonas Russ sein: "Ja, also wir laufen zuerst mal auf dem Eis, schauen uns das Eis an. Es wird schon halten."
Thomas Ender bringt es auf den Punkt: "Wir fürchten uns nicht. Aber man muss natürlich wachsam sein." Seine Tochter fühlt sich am Rand des Bruggerlochs ebenfalls wohl: "Das Eis ist relativ dick. Wenn man den Schnee entfernt, kann man nicht mal das Wasser oder die Fische sehen."
Heim auf die Couch
Die Sonne geht langsam unter, und die Rodler am Bruggerloch gehen nach Hause, und der Rohrspitz fängt an, sich zu leeren. Yvonne Feßler aus Gaissau zum Beispiel sehnt sich nach ihrer Couch. Sie zeigt ihre Hände und meint, sie habe "Gefrierbrand". Trotzdem ist sie glücklich über das Erlebnis in der Natur. Sie und die anderen, die VOL.AT trifft, gehen alle unfallfrei nach Hause.
Die zwei Höchster nehmen blaue Flecken als Erinnerung mit. Martin Schneider packt seine Schlittschuhe auf sein Fahrrad, um über das Eis zurückzufahren. Dies sei nicht gefährlicher als auf der vereisten Straße, erklärt er. Es ist ein seltener Wintermoment, den viele noch schnell auskosten wollten – denn schon bald könnte das Eis durch steigende Temperaturen wieder Geschichte sein.
(VOL.AT)