"Auswirkungen sind oft sehr gravierend" – Digitale Gewalt trifft weit über das Netz hinaus
Der Fall rund um das Ex-Ehepaar Ulmen-Fernandes sorgt derzeit für Aufmerksamkeit. Schauspielerin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen demnach vor, über Jahre hinweg unter ihrem Namen Profile in sozialen Netzwerken angelegt zu haben.
Die Deutsche wurde Opfer sogenannter "digitaler Gewalt". Über die Fake-Profile in ihrem Namen soll ihr Ex-Mann mit anderen Männern intime Gespräche geführt haben. Auch gefälschte pornografische Inhalte, sogenannte Deepfakes, soll er verschickt haben.
Digitale Gewalt oft unterschätzt
"In unserer Beratungspraxis spielen Fake-Profile, Cyberstalking und digitale Gewalt eine immer größere Rolle", informiert Angelika Wehinger, Leiterin des Gewaltschutzzentrums Vorarlberg. Viele Klientinnen erleben laut ihr neben klassischer Gewalt auch Übergriffe, die nur digital ausgeübt werden.
Cyberstalking ermögliche es den Tätern, "rund um die Uhr zu überwachen, zu bedrohen oder Druck auszuüben – ohne physisch präsent sein zu müssen". Digitale Gewalt sei damit zeit- und ortsunabhängig und erreiche oft eine große Öffentlichkeit.
Digitale Gewalt könnte die "Offline-Gewalt" verstärken oder ersetzen. "Manchmal geht es darum, Macht auch nach einer Trennung aufrechtzuerhalten, oder Täter weichen auf digitale Mittel aus, wenn sie keinen direkten Zugang zur Betroffenen haben", weiß Wehinger. Man müsse die Cyber-Gewalt immer im Kontext der gesamten Gewaltsituation betrachten: "Wir unterstützen Betroffene darin, die digitalen Übergriffe zu erkennen, zu dokumentieren und Strategien zu entwickeln, um sich zu schützen – sowohl online als auch offline."
Kontrolle, Druck und öffentliche Bloßstellung
"Häufig beginnt es mit Kontrolle", erklärt Wehinger. "Der (Ex-)Partner nutzt gemeinsame Accounts, Geräte oder auch die Technik im Zuhause, um Frauen zu überwachen – etwa durch Tracking, Spyware oder Smart-Home-Systeme." Betroffene berichten auch von unzähligen Anrufen oder Nachrichten, die massiven Druck erzeugen.
Gleichzeitig finde die Gewalt oft sehr öffentlich statt. Mit Fake-Profilen werden Betroffene im Internet bloßgestellt oder schlechtgemacht. "Besonders belastend ist es, wenn intime Fotos oder Videos angedroht oder tatsächlich veröffentlicht werden", so die Expertin. "In manchen Fällen gehen Täter noch weiter und erstellen Fake-Profile, über die sie im Namen der Betroffenen sogar sexuelle Dienstleistungen anbieten."
Eines betont Angelika Wehinger: "Diese Form der Gewalt ist stark geschlechtsspezifisch. Sie trifft überwiegend Frauen und ist häufig sexualisiert. Täter nutzen gezielt gesellschaftliche Vorurteile und Rollenbilder, um Frauen zu beschämen und unter Druck zu setzen."
Nach Erfahrung des Gewaltschutzzentrums ziehen Täter oft andere Menschen in ihre Gewalt hinein. "Indem sie auf in der Gesellschaft verbreitete frauenfeindliche Einstellungen setzen", so Wehinger. Über soziale Medien erreiche man viele Menschen. Diese machen bewusst oder unbewusst mit: indem sie Inhalte weiterverbreiten, kommentieren oder die Betroffene beschimpfen.
Es gebe kaum Rückzugsräume für digitale Gewalt und die "enorme Reichweite" der Demütigungen. "Wir sehen auch, dass sich die Formen ständig weiterentwickeln, weil sich die technischen Möglichkeiten so schnell verändern. Das macht es für Betroffene und Unterstützungseinrichtungen zusätzlich herausfordernd", gibt sie zu verstehen.
Massive Folgen für Betroffene
Die Auswirkungen seien oft "sehr gravierend". Sie gehen über den digitalen Raum hinaus. "Sie betreffen das ganze Leben der Betroffenen", so Wehinger.
Betroffene bekommen das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle mehr über die eigene Situation zu haben. "Besonders belastend ist die Androhung oder Veröffentlichung von intimen Bildern, weil jederzeit die Befürchtung mitschwingt: ‚Vielleicht ist das Bild jetzt überall.‘"
"Für manche wird schon ein Klingelton zum Trigger – jedes Mal, wenn das Handy klingelt, entsteht Anspannung oder Panik", sagt die Leiterin des Gewaltschutzzentrums. Das führe oft dazu, dass Betroffene sich nicht zur Wehr setzen. "Ein weiterer zentraler Punkt ist Scham, vor allem im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt." Sozialer Rückzug macht es schwerer, sich Hilfe zu holen.
"Auch das Vertrauen in andere Menschen kann stark erschüttert werden", verdeutlicht sie. Man wisse nicht, wer etwas gesehen habe oder Bescheid wisse. Psychische und körperliche Folgen können massiv sein: ständige Wachsamkeit, Schlafstörungen oder Essprobleme. "In besonders schweren Fällen berichten Betroffene auch von suizidalen Gedanken – vor allem dann, wenn Beschämung und Kontrollverlust zusammenkommen."
"Nicht zuletzt kann digitale Gewalt auch existenzielle Auswirkungen haben: Wenn Lügen oder diffamierende Inhalte online verbreitet werden, kann das den Arbeitsplatz, die finanzielle Situation und die gesamte Lebensgrundlage gefährden."
Was können Betroffene im Ernstfall tun?
Betroffene sollten rasch handeln und sich Unterstützung holen:
- Beweise sichern (Screenshots, Links, Nachrichten)
- Inhalte melden und löschen lassen
- Beratungsstellen kontaktieren
- Anzeige bei der Polizei erstatten
Angelika Wehinger beschreibt den detaillierten Ablauf im Gewaltschutzzentrum:
"Wir erstellen gemeinsam individuelle Sicherheitspläne, erarbeiten Gegenstrategien und schätzen die Gefährdung ein. Bei komplexen digitalen Fällen arbeiten wir mit IT-Expertinnen zusammen.
Ein erster Schritt ist, sich einen Überblick zu verschaffen: Welche Übergriffe haben wann und über welche Geräte oder Kanäle stattgefunden? Dies ist wesentlich dafür, welche Gegenstrategien hilfreich sein können. Beweise wie Nachrichten, Screenshots oder Profile sollten jedenfalls gesichert werden.
Anschließend geht es darum, die eigene Sicherheit online und offline zu stärken – etwa durch sichere Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung, das Prüfen der Geräte auf verdächtige Zugriffe oder das Blockieren und Melden von Täter*innen. Außerdem kann es hilfreich sein, das persönliche Umfeld wie den Arbeitsplatz oder Freundeskreis über die Gewalt zu informieren, damit sie vorbereitet sind und Schaden oder unerwartete Reaktionen möglichst gering bleiben.
Alle Maßnahmen werden an die individuelle Situation angepasst. Manchmal ist es sicherer, Veränderungen vorsichtig umzusetzen, um keine Eskalation zu provozieren. Deshalb sollten Betroffene diese Schritte nicht allein gehen, sondern sich professionell begleiten lassen. So kann die Sicherheit Schritt für Schritt wieder erhöht werden."
Beratungsstellen bieten Unterstützung und Begleitung
- Vorarlberg
- ifs Gewaltberatung +43 5 1755 515, gewaltberatung@ifs.at
- ifs Gewaltschutzzentrum +43 5 1755 535, office.vorarlberg@gewaltschutzzentrum.at
- ifs Frauennotwohnung +43 5 1755 577, frauennotwohnung@ifs.at
- femail Fraueninformationszentrum Vorarlberg: +43 5522 31 002, info@femail.at
- Österreichweit
- Beratungsstelle #GegenHassimNetz (ZARA) +43 1 929 13 99, beratung@zara.or.at
- Meldestelle Internetkriminalität des BMI: against-cybercrime@bmi.gv.at
- Im Notfall und bei Straftaten
- Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle
Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen?
Im Gewaltschutzzentrum erfahren Betroffene, wie sie sich rechtlich zur Wehr setzen können. Strafrechtliche und zivilrechtliche Möglichkeiten werden abgeklärt.
Wehinger erklärt: Betroffene können gegen die Verbreitung von Inhalten aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich vorgehen und Anzeige erstatten. Das können intime Fotos, Nachrichten oder private Details sein, die in sozialen Netzwerken, Foren, auf Plattformen oder Webseiten geteilt werden.
"Welche Schritte genau möglich sind, hängt dabei von der Art der Cybergewalthandlung ab, da diese sehr vielfältig sein kann", weiß die Leiterin des Gewaltschutzzentrums.
Zivilrechtlich können Eingriffe in die Privatsphäre über einstweilige Verfügungen unterbunden werden. So kann eine weitere Verbreitung von Bildern oder persönlichen Daten verhindert werden.
"Da es sich oft um sehr komplexe Sachverhalte handelt, ist es besonders wichtig, Beweise sorgfältig zu sichern", meint Wehinger. "Screenshots von Postings, Nachrichten oder Profilen sollten nicht gelöscht werden, da dies rechtliche Schritte erleichtern kann."
Maßnahmen werden ganz auf die Situation der Betroffenen abgestimmt. "Manchmal kann es sinnvoll sein, mit rechtlichen Schritten noch zuzuwarten, um durch vorschnelle Maßnahmen nicht die Gefährdung zu erhöhen", gibt Angelika Wehinger zu verstehen.
Auch polizeilich relevant
Ein eigenes Gesetz für Fake-Profile oder Deepfakes gibt es in Österreich nicht. Je nach Fall greifen etwa Bestimmungen zu Stalking, Cybermobbing oder Datenmissbrauch. Auch zivilrechtliche Schritte wie Schadenersatz sind möglich. Seit 1. Jänner 2024 werden Deepfakes in Österreich systematisch erfasst.
Elf Prozent der Anzeigen entfielen laut der aktuellsten Kriminalstatistik auf Internetdelikte. 2024 gab es bei der Polizei in Vorarlberg 436 Fälle von Cybercrime, 164 Fälle von Erpressung im Internet und 114 Fälle von sexualbezogenen Darstellungen. Ein eigenes Cybercrime-Trainingszentrum soll eingerichtet werden.
Anfrage von VOL.AT zu dieser Thematik an den Landesvolksanwalt und an die Pressestelle der Polizei laufen. Antworten werden bei Gelegenheit ergänzt.
(VOL.AT)