Was viele für "nicht normal" halten – und öfter vorkommt, als man denkt
Was im Schlafzimmer wirklich passiert, bleibt oft unausgesprochen – aus Scham, Unsicherheit oder Angst.
In Folge 3 von "Let’s Talk About Sex – Vorarlberg Edition" spricht Sexualberaterin Bettina Schwung offen über Fantasien, Fetische und die Frage, die sich viele heimlich stellen: Bin ich eigentlich noch normal?
Video: Das sind die geheimen Fetische der Vorarlberger
"Das Feld der Sexualität ist riesig"
"Es kommen tatsächlich ganz viele Menschen in die Praxis, um sich ihren Normalstempel abzuholen", sagt Sexualberaterin Bettina Schwung. Die Unsicherheit sei groß – und oft völlig unnötig.
Denn: Was viele als "komisch" empfinden, sei in Wahrheit weit verbreitet. "Das Feld der Sexualität ist riesig und da hat ganz viel Verschiedenes Platz."
Die wichtigste Regel bleibt dabei simpel: "Es muss immer in beiderseitigem Einverständnis sein, was praktiziert wird."
Was ist ein Fetisch?
Ein Begriff sorgt dabei besonders oft für Verwirrung: Fetisch. Für viele klingt das sofort nach Extremfällen oder ausgefallenen Praktiken. Die Realität ist deutlich unspektakulärer. "Ein Fetisch ist etwas, das wirklich gebraucht wird, um eine hohe sexuelle Erregung zu erzeugen", erklärt Schwung. Der Unterschied zur Vorliebe: Die ist optional – der Fetisch nicht.
Podcast: "Bin ich eigentlich normal?"
"Fußfetisch einer der häufigsten Fetische"
Klassiker gibt es in Schwungs Praxisalltag durchaus. "Fußfetisch ist schon einer der häufigsten Fetische", sagt Schwung. Für die einen völlig unverständlich, für andere zentraler Bestandteil ihrer Sexualität.
Daneben spielen sogenannte Materialfetische eine große Rolle: Latex, Leder oder Gummi. "Das hat eine große Bandbreite", so die Expertin. Für manche reicht es, das Material zu berühren – andere wollen komplett darin eingehüllt sein.
Und dann gibt es noch die simplen Varianten, die kaum jemand als Fetisch erkennen würde: "Es kann auch sein, dass jemand unbedingt rote Schuhe braucht." Kein großes Drama, kein aufwendiges Setting – aber entscheidend für die Erregung.
Dominanz, Kontrolle – und der Reiz des Machtspiels
Ein weiterer Bereich, der häufig vorkommt: Dominanz und Unterwerfung. Auch hier gilt: Für manche ist es ein nettes Extra, für andere essenziell. "Dann ist es nicht nur: Ja, ist schon mal nett", sagt Schwung, "sondern wirklich notwendig, um die Erregung zu steigern."
Wenn es spezieller wird
Neben den bekannteren Formen gibt es auch Fetische, die deutlich stärker mit Scham belegt sind – vor allem dann, wenn es um Körperausscheidungen geht. Gemeint sind etwa Praktiken rund um Urin oder Kot. "Viele finden das sehr speziell", sagt Schwung offen. Für manche ist allein die Vorstellung ein klares No-Go, andere wiederum integrieren genau solche Elemente bewusst in ihre Sexualität.
In der Schwungs Praxis sei das kein Massenphänomen, aber auch kein völliges Randthema. Entscheidend bleibt auch hier: Alles basiert auf Freiwilligkeit und Einverständnis.
Warum Scham so oft mitspielt
Gerade bei Fetischen ist die Hemmschwelle besonders hoch. Der Grund liegt laut Schwung auf der Hand: "Man kommt oft zuerst mit dem Gedanken in Berührung, dass es nicht normal ist."
Dieses Gefühl setzt sich fest – lange bevor man lernt, damit umzugehen. Erst mit der Zeit entsteht Akzeptanz für die eigenen Wünsche. Dabei wäre der Zugang eigentlich ein pragmatischer: "Wenn ich niemandem schade und alle Beteiligten einverstanden sind, ist nichts dabei."
Wann ein Fetisch kritisch wird
Grenzen gibt es trotzdem. Problematisch wird es, wenn ein Fetisch so dominant wird, dass ohne ihn gar nichts mehr funktioniert. "Wenn es nur noch diesen einen Weg gibt, um in Erregung zu kommen, sollte man sich das genauer anschauen", sagt Schwung.
Oder wenn Leid entsteht – bei sich selbst oder anderen. Dann geht es nicht mehr um "normal oder nicht", sondern um einen gesunden Umgang damit.
Und jetzt? Weniger Grübeln, mehr reden
Am Ende bleibt eine klare Botschaft: Der Druck, "normal" sein zu müssen, ist oft das eigentliche Problem.
Schwung wünscht sich, "dass sich mehr Leute trauen, darüber zu sprechen" – und sich weniger von gesellschaftlichen Bildern verunsichern lassen.
(VOL.AT)