Blitzgeburt, Schmerzstrategien, Familienkonflikte: Eine Hebamme berichtet
Was im Kreißsaal geschieht, bleibt in der Regel auf den Raum selbst begrenzt. Die Vorarlberger Hebamme Shirin Fedak berichtet von einer Geburt, bei der der Muttermund ungewöhnlich tief stand, von einer Frau, die während der Wehen auf körperliche Selbststimulation zurückgriff, und von Partnern, deren Reaktionen zwischen großer Anteilnahme und demonstrativer Distanz schwankten.
Mehr als 400 Geburten hat Fedak in sechseinhalb Jahren begleitet. Im Gespräch mit VOL.AT beschreibt sie Erfahrungen, die auch im beruflichen Alltag einer Hebamme nicht selbstverständlich sind.
Geburt auf der Toilette
Es ist ein zunächst ruhiger Dienst, als die Rettung eine Frau mit einsetzenden Wehen ankündigt. Bei der Aufnahme wirkt sie angespannt, medizinisch jedoch stabil. Zur Routine gehört eine Harnprobe; die Frau geht auf die Toilette.
Kurz darauf ruft ihr Partner aus dem kleinen Raum: "Ich brauche das Geburtsset." Fedak und eine Kollegin reagieren umgehend. Wenige Minuten später ist das Kind geboren. Vom Eintreffen im Krankenhaus bis zur Entbindung vergehen etwa 15 Minuten.
"Die Harnprobe hat sich damit erledigt", sagt Fedak. Der Fall zeige, wie wenig vorhersehbar Geburten verlaufen können – selbst dann, wenn zunächst nichts auf eine unmittelbare Entbindung hindeutet.
Video: Diese Geschichten kennen sonst nur Hebammen
Wenn körperliche Stimulation Schmerzen lindert
Eine andere Situation blieb dem Team aus fachlichen Gründen in Erinnerung. Während der Wehen griff eine Frau wiederholt auf körperliche Selbststimulation zurück.
"Sie hat gemerkt, dass es ihr hilft", sagt Fedak. Medizinisch sei das erklärbar: Durch gezielte Stimulation können Endorphine ausgeschüttet werden, die schmerzlindernd wirken. Auch Oxytocin, ein Hormon, das im Geburtsverlauf eine zentrale Rolle spielt, werde dadurch beeinflusst.
Während ihrer Ausbildung habe sie von ähnlichen Fällen gehört, sagt Fedak. Im Berufsalltag sei ihr eine solche Situation jedoch erst später begegnet. Für das Team sei maßgeblich gewesen, dass die Gebärende die Wehen kontrolliert verarbeiten konnte und medizinisch keine Auffälligkeiten bestanden.
Die Rolle der Begleitpersonen
Nicht nur die Gebärenden reagieren unterschiedlich auf die Situation. Auch Partner erleben den Kreißsaal auf sehr eigene Weise, sagt Fedak. Manche suchten die Nähe, hielten die Hand oder versuchten, Ruhe zu vermitteln. Andere wirkten angesichts der Dauer und Intensität der Geburt sichtbar überfordert.
Ein Mann habe während einer langwierigen Entbindung ein Tennismatch auf seinem Laptop gestreamt. Ein anderer sei mehrere Stunden kaum ansprechbar gewesen. "Es ist für viele eine absolute Ausnahmesituation", sagt Fedak. Nicht jeder wisse spontan, wie er damit umgehen soll.
Irritierend sei mitunter auch die Unsicherheit im falschen Moment. Während einer vaginalen Untersuchung habe ein Partner gefragt: "Und Schatz, gefällt’s dir?" Die Antwort der Frau fiel deutlich aus. Solche Situationen zeigten, wie unterschiedlich Menschen unter Stress reagieren – und wie groß die Spannbreite zwischen Unterstützung und Überforderung sein kann.
Zwischen Familienkonflikt und medizinischer Grenzsituation
"Zum Abschluss noch eine Horrorgeschichte", sagt Fedak – und meint damit keinen dramatischen Zwischenfall, sondern eine Geburt, die medizinisch an die Grenzen ging. Eine junge Frau hatte mehrere Kinder in kurzen Abständen bekommen, ihr Körper war kaum zur Ruhe gekommen.
"Ich habe den Muttermund durchgehend gesehen, weil er so tief stand", berichtet die Hebamme. Der Beckenboden sei deutlich geschwächt gewesen, der Druck während der Geburt entsprechend hoch. Das Risiko für Verletzungen habe spürbar zugenommen.
Der Fall habe ihr einmal mehr gezeigt, wie wichtig Erholungsphasen zwischen Schwangerschaften sind. Schwangerschaft und Geburt seien körperliche Hochleistungen – und keine Selbstverständlichkeit.
Zwischen solchen medizinisch fordernden Situationen und ganz anderen Konflikten bewege sich ihr Alltag. Manchmal gehe es um Namensstreitigkeiten mit Schwiegermüttern oder Diskussionen im Kreißsaal, wer zuerst das Neugeborene halten dürfe. Dann wieder um Entscheidungen, bei denen jede Minute zählt.
Ihre Geschichte zählt.
Haben Sie etwas erlebt, das andere interessieren könnte? Möchten Sie Ihre Geschichte mit unseren Lesern teilen?
Im vollständigen VOL.AT-Podcast erzählt Shirin Fedak von diesen Spannungsfeldern – zwischen Intimität, Überforderung und professioneller Routine.
Podcast: Hebamme Shirin enthüllt Kreißsaal-Geschichten
(VOL.AT)