AA

Braunbär in Vorarlberg: Warum er immer wieder kommt – und nie bleibt

©VOL.AT/Mayer; Koordinationsgruppe Großraubwild Land Vorarlberg
Ein Tier taucht auf, die Behörden reagieren, die Bevölkerung ist verunsichert. Das Muster kennt Vorarlberg. Aber warum kommen die Bären überhaupt – und warum ist eine dauerhafte Ansiedlung nach aktuellem Forschungsstand ausgeschlossen?

Am Dienstagmorgen, dem 9. Juni 2026, hat eine Wildkamera im Gemeindegebiet von Brand einen Braunbären erfasst. Es ist der erste gesicherte Nachweis eines Bären in Vorarlberg in diesem Jahr. Landeswildökologe Hubert Schatz klassifizierte das Tier anhand der Aufnahmen als vermutlich jüngeres, männliches Individuum. Die Behörden gaben Verhaltensempfehlungen aus, Landesrat Christian Gantner betonte in einer Aussendung: "Es besteht derzeit kein Anlass zur Beunruhigung."

Die Meldung erzählt aber nur einen Bruchteil der Geschichte.

Eine Chronologie: Bären in Vorarlberg seit 2006

Braunbären tauchen in Vorarlberg nicht zum ersten Mal auf. Und ihre Geschichte im Ländle ist eine Geschichte von Wanderern auf der Durchreise – nicht von Einwanderern, die bleiben.

Mai 2006 – "Bruno" im Montafon. Der Bär JJ1, in Deutschland unter dem Namen "Bruno" bekannt, hielt sich im südlichen Vorarlberg auf: in Galgenul, Gargellen und Vergalda. Er stammte aus dem Trentino. Weil er wiederholt in die Nähe von Siedlungen kam und keine Scheu vor Menschen zeigte, stufte ihn die österreichische Bäreneingreiftruppe als gefährlich ein. Nach Fang- und Vergrämungsversuchen wanderte Bruno nach Bayern ab – und wurde dort am 26. Juni 2006 erlegt. Es war der erste Abschuss eines Bären in Deutschland seit 170 Jahren.

Nach JJ1 folgte eine lange Pause. Achtzehn Jahre lang kein gesicherter Nachweis in Vorarlberg.

Mai 2024 – Lech am Arlberg und Rankweil. Im Mai 2024 zeichnete eine Wildkamera in Lech am Arlberg einen Bären auf. Nur eine Woche später, am 26. Mai 2024, entdeckte ein Wanderer frische Trittsiegel im Naherholungsgebiet Rankweil-Übersaxen im Vorderland – einem viel begangenen Gebiet. Landeswildökologe Hubert Schatz bestätigte die Fährte zweifelsfrei. Die Spur verlor sich, ohne dass weitere Auffälligkeiten gemeldet wurden.

9. Juni 2026 – Brand im Brandnertal. Der aktuelle Fund. Erstes gesichertes Bärenjahr 2026 in Vorarlberg.

Woher kommen die Tiere – und warum immer wieder?

Die Antwort liegt rund 200 Kilometer südlich: im Trentino, der autonomen Provinz in Norditalien. Dort wurde der kleine lokale Bärenbestand ab 1999 durch das EU-Förderprojekt "Life Ursus" mit neun aus Slowenien eingebrachten Tieren gestützt. Die Population wuchs seitdem kontinuierlich. Ende 2023 lebten dort rund 98 adulte Braunbären, im Jahr 2024 wurden mindestens 26 Jungtiere registriert – bei neun Todesfällen im selben Zeitraum.

Der wachsende Bestand erzeugt Wanderdruck. Und der entlädt sich fast ausschließlich durch eine Gruppe: junge Männchen.

Landeswildökologen und Bärenforschende sind sich einig: Weibliche Braunbären zeigen eine extreme Standorttreue. Sie verlassen ihre Herkunftsgebiete nicht. Junge Männchen hingegen wandern nach der Trennung von der Mutter – nach ein bis zwei Jahren – weit ab, auf der Suche nach einem eigenen Revier ohne Konkurrenz etablierter Männchen. Die Koordinationsstelle Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs (ÖZ), die das Monitoring in Österreich nach standardisierten SCALP-Kriterien koordiniert, dokumentiert dieses Muster lückenlos.

Das Trentino selbst hat Daten dazu erhoben: Zwischen 2005 und 2024 wurde die Abwanderung von 64 Bären aus der Region dokumentiert. Alle 64 waren männliche Tiere. Kein einziger weiblicher Dispersal wurde in diesem Zeitraum nachgewiesen.

Die Wanderrouten führen über das Südtiroler Ortlermassiv oder über das Schweizer Unterengadin und das Münstertal nach Norden – direkt in Richtung Vorarlberg. Das Brandnertal liegt geografisch in direkter Verlängerung dieser bekannten Ausbreitungspfade. Es bietet mit ausgedehnten Waldflächen und steilen Flanken ideale Rückzugsräume für ein Tier auf der Durchreise.

Warum eine Ansiedlung ausgeschlossen ist – vorerst

Die entscheidende Frage stellen viele falsch. Nicht: "Wird der Bär bleiben?" – sondern: "Könnte er?"

Die Antwort der Wissenschaft ist eindeutig. Da weibliche Bären keine Fernwanderungen unternehmen, ist eine natürliche Fortpflanzung im nördlichen Alpenbogen biologisch ausgeschlossen – solange keine Weibchen zuwandern. Und damit rechnen Fachleute selbst im optimistischsten Szenario frühestens in zehn bis zwanzig Jahren.

Vorarlberg ist, in der Fachsprache des Österreichzentrums Bär, Wolf, Luchs, ein reiner Transitraum. Junge Männchen durchqueren das Land. Sie suchen kein Zuhause hier. Sie suchen ein Revier irgendwo – weiter nördlich, weiter westlich, weiter weg.

Der Gesamtbestand an Braunbären in Österreich wird derzeit auf lediglich zwei bis vier Individuen geschätzt, so das Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs. Die ursprüngliche Population im Bereich der nördlichen Kalkalpen – Grenzregion Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark – gilt seit 2011 als erloschen. Der letzte dort nachgewiesene Bär namens "Moritz" verschwand in jenem Jahr. Ein wesentlicher Grund für das Scheitern dieser kleinen Population war das unauffällige Verschwinden junger Tiere, vermutlich infolge illegaler Abschüsse oder hoher Mortalität auf Verkehrswegen.

Was ist das überhaupt für ein Tier?

Der Europäische Braunbär (Ursus arctos arctos) ist das schwerste Landsäugetier Europas. Ausgewachsene Männchen erreichen eine Körperlänge von bis zu drei Metern und ein Gewicht von 120 bis 350 Kilogramm, Weibchen sind deutlich kleiner. Die durchschnittliche Lebenserwartung in freier Wildbahn liegt bei 21 bis 25 Jahren.

Entgegen dem Klischee ist der Braunbär kein gefährlicher Jäger, sondern ein opportunistischer Allesfresser. Siebzig bis achtzig Prozent seiner Nahrung in Mitteleuropa bestehen aus pflanzlichen Komponenten: Kräutern, Gräsern, Wurzeln, Waldfrüchten, Nüssen. Ergänzt wird der Speiseplan durch Insekten, Aas und – seltener – aktiv erbeutete Wirbeltiere.

Gegenüber Menschen verhalten sich gesunde Braunbären von Natur aus scheu. Sie weichen menschlichen Präsenzen frühzeitig aus. Gefährliche Begegnungen sind seltene Ausnahmeereignisse und entstehen laut Fachliteratur des Bundesamts für Naturschutz fast ausschließlich in spezifischen Situationen: bei Überraschungsbegegnungen auf kurze Distanz, bei der Verteidigung von Jungtieren durch eine Bärin, in der Nähe einer beanspruchten Futterquelle – oder wenn freilaufende Hunde einen Bären aufscheuchen und ihn anschließend zum Halter führen.

Der rechtliche Rahmen: Ein Abschuss wäre komplizierter als gedacht

Dass ein Bär im Brandnertal einfach abgeschossen werden könnte, wenn er auffällig wird – diese Annahme stimmt nicht mehr. Das hat ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 11. Juli 2024 klargestellt (Rechtssache C-601/22).

Der EuGH entschied: Eine Abschussgenehmigung für eine Tierart, die in den Anhängen II und IV der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gelistet ist – also auch für den Braunbären – ist europarechtlich unzulässig, solange die betroffene Population keinen günstigen Erhaltungszustand aufweist. In Österreich ist der Erhaltungszustand des Braunbären offiziell als "ungünstig-schlecht" eingestuft. Das bedeutet: Jede vereinfachte Abschussverordnung, egal ob per Bescheid, Landesgesetz oder Sofortverordnung einer Bezirkshauptmannschaft, steht auf wackeligem europäischem Boden.

Für Verordnungen dieser Art gibt es in Vorarlberg Präzedenzfälle – allerdings beim Wolf, nicht beim Bären. Auf Basis einer Gesetzesnovelle von 2022 erließ die Bezirkshauptmannschaft Bregenz im Sommer 2024 eine Sofortverordnung, nach der am 7. August 2024 im Mellental ein Schadwolf erlegt wurde. Ob dieses Vorgehen nach dem EuGH-Urteil für Bären übertragbar wäre, ist rechtlich offen – und politisch brisant.

Die Verhaltenstypologie des behördlichen Managements unterscheidet klar: Ein unauffälliger Bär wie jener im Brandnertal löst keinerlei Interventionspflicht aus. Erst ein sogenannter Problembär – der wiederholt Nahrung nahe Siedlungen sucht, Nutztiere reißt oder Schutzvorrichtungen überwindet – würde Vergrämungsmaßnahmen auslösen. Ein Abschuss käme nur als absolute ultima ratio in Frage: wenn alle milderen Mittel versagt haben und eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht.

Was Wanderer, Landwirtinnen und Landwirte sowie Imkerinnen und Imker jetzt tun sollten

Die Behörden empfehlen für das betroffene Gebiet:

  • Markierte Wege nicht verlassen, Hunde an der Leine führen
  • Nutztiere über Nacht einstallen, Stalltüren geschlossen halten
  • Bienenstöcke mit Elektrozäunen sichern
  • Abfälle, Kompost und leicht zugängliches Tierfutter wegschließen – ein Bär, der einmal leicht zugängliche Nahrung bei Menschen findet, verliert seine Scheu und kehrt wieder.

Bei einer Begegnung gilt: Ruhe bewahren, mit deutlicher Stimme auf sich aufmerksam machen, langsam zurückziehen. Dem Bären keinesfalls nähern. Ihm immer einen Fluchtweg offen lassen.

Sichtungen melden

Sichtungen oder Spuren bitte umgehend melden:

  • Nächstgelegene Polizeidienststelle
  • Bezirkshauptmannschaft Bludenz
  • Landeswildökologe Hubert Schatz: Tel. 0664 6255311 / hubert.schatz@vorarlberg.at

(VOL.AT)

  • ADMIN AT
  • Vorarlberg
  • Braunbär in Vorarlberg: Warum er immer wieder kommt – und nie bleibt