Bregenzer Theater Kosmos wagt mit Erfolg neues Stück über die Liebe
Das Uraufführungspublikum bejubelte die Akteure und im Besonderen den Autor und die Theaterleiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig, die für ihre letzte Spielzeit an der Bregenzer Bühne einen Stückauftrag an Bernhard Studlar vergaben. Der Wiener entschied sich mit "Halten, Bleiben, Leben" für ein großes, aber riskantes Thema.
Die Realisierung der Stücke "Nacht ohne Sterne", "Lohn der Nacht" oder "Warten auf Tränengas" ist nicht nur Beleg für die Positionierung des 1996 gegründeten Bregenzer Theaters Kosmos als Ur- und Erstaufführungsbühne, sie weist Bernhard Studlar auch als Dramatiker aus, der sich Themen mit politischer Brisanz annimmt und der die in der Bühnenliteratur oft erörterte Kapitalismuskritik so zu behandeln versteht, dass sie noch interessiert. Aber er kann auch anders: Für einen neuen Stückauftrag des Leitungsduos wagte sich der Wiener Autor an eines der zentralen und wohl auch ältesten Themen der Literatur überhaupt – die Liebe.
Freie Hand beim Inhalt
Beim Inhalt habe man ihm freie Hand gelassen, erzählt Studlar im Gespräch mit der APA. Je mehr er am Text gearbeitet hatte, umso eindeutiger kristallisierte sich ein Thema heraus, das er nun mit einiger Lebenserfahrung als naheliegend erachtet: "Ja, es ist die Liebe, aber das Stück hat nichts Autobiografisches, obwohl autofiktionales Schreiben seit einiger Zeit sehr beliebt ist. Mich hat interessiert, welche Momente es sind, die eine Beziehung an die Kippe bringen und wie es gelingt, dann doch zusammenzubleiben."
In "Halten, Bleiben, Leben" gibt es drei Paare in unterschiedlichen Lebensphasen. Den Untertitel "Fragmente einer Liebe" hätte es nicht gebraucht, um rasch dahinter zu kommen, dass es ein und dasselbe Paar ist, das von drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern verkörpert wird. Das erste Kennenlernen ist dem Zufall geschuldet. Ihr Leben wäre anders verlaufen, wenn zwei Personen nicht zur selben Zeit an einer Haltestelle auf den Bus gewartet hätten. Es wäre auch anders verlaufen, wenn die junge Frau bei einem der nächsten Treffen nicht initiativ geworden wäre, indem sie die Option Bus oder Wohnung vorschlägt. Man bleibt dort, freut sich über die Geburt des Kindes, ärgert sich im mitunter nervigen Alltag, überdenkt den beruflichen Werdegang, wird mit Krankheit, dem Älterwerden und Sehnsüchten konfrontiert.
Analyse einer Paarbeziehung
Bernhard Studlar ist in seiner Analyse einer Paarbeziehung kein Max Frisch, der in seinem zum Klassiker gewordenen Stück "Biografie: Ein Spiel" erkundet, ob man beim Versuch, sein Leben zu optimieren, nicht doch in den Verhaltensmustern hängen bleibt. Bei Studlar geschieht nichts Außergewöhnliches – oder doch? Sein Stücktitel "Halten, Bleiben, Leben" findet die schönste Entsprechung in der Tatsache, dass seine Figuren es immer wieder schaffen, einander Halt zu geben, sowohl in eindeutigen Konfliktsituationen als auch in ganz kleinen Momenten.
Viel mehr ist es nicht, aber der Autor legt es so dar, dass es die gesamte Stückdauer zu faszinieren vermag. Die Fallhöhe beim Thema Liebe ist groß, aber es entsteht kein Pathos, nichts Banales, es zeigt sich ein feiner Humor, der – wie schön! – auch der Tatsache geschuldet ist, dass es hier keine klischeehaften Geschlechterrollen gibt.
Zitatenschatz über die Liebe erweitert
Bühnenbildner Stefan Pfeistlinger und Regisseur Augustin Jagg waren sich darin einig, dass es gelingen kann, den Text im leeren, dunklen Raum mit einigen Gassen für die Auf- und Abtritte zur Wirkung zu bringen. Die Behutsamkeit in den Dialogen der Schauspielpaare Julia Reisser, Hannes Kainz, Michaela Vogel, Gabriel Marrer sowie Sabine Lorenz und Hubert Dragaschnig hätte es ermöglicht, dem Geschehen zum Teil mit geschlossenen Augen folgen zu können.
Nichts will man sich aber entgehen lassen, keinen Augenblick, keine zarte Berührung, keine der exzellenten Verwebungen der verschiedenen Zeitebenen und auch nicht die akzentuierten Kostüme von Nicole Wehinger. Die etwas geringere Bühnenpräsenz des jungen Paares schmälert das ausgesprochen gelungene Gesamtbild nicht, in dem Bernhard Studlar den über die Jahrhunderte gewachsenen Zitatenschatz über die Liebe mit einer Frage erweitert: "Wenn ich einmal nicht mehr wissen sollte, wer du bist, kannst du mich bitte trotzdem weiter genau so anlächeln?"
(APA)