Es sind oft die Schiedsrichter, die im Fußball im Mittelpunkt stehen. Ein strittiger Elfmeter, eine Rote Karte oder eine hitzige Derby-Szene reichen, um Diskussionen auszulösen.
Deutlich weniger sichtbar ist jene Person, die den Unparteiischen selbst genau auf die Finger schaut: der Schiedsrichter-Beobachter. Einer von ihnen ist Thomas Gangl. Der ehemalige Bundesliga-Referee begleitet seit 2020 Spiele im Auftrag des Vorarlberger Schiedsrichter-Kollegiums und bewertet dabei jene Männer, die Woche für Woche selbst Entscheidungen treffen müssen.
Rund eine halbe Stunde vor Spielbeginn trifft Gangl am Sportplatz ein. Der 53-Jährige begrüßt das Schiedsrichter-Team kurz in der Kabine. "Die Schiedsrichter wissen meist, dass ein Beobachter da ist."
Danach folgt ein kurzer Austausch: Sind alle da? Passt organisatorisch alles? Gibt es Probleme? Anschließend sucht sich Gangl einen Platz mit möglichst gutem Überblick über das Spielfeld. Dort beginnt seine eigentliche Arbeit.
Der Mann mit dem Notizblock
Während Zuschauer dem Ball folgen, richtet sich Gangls Blick fast ausschließlich auf den Schiedsrichter. Gangl beobachtet genau, wie sich der Schiedsrichter bewegt, kommuniziert und das Spiel leitet. "Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf dem Schiedsrichter", sagt er. Die Assistenten werden zwar ebenfalls beobachtet, stehen aber weniger im Fokus.
Vor sich hat der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter einen Block voller Notizen. Gelbe Karten, Rote Karten, Elfmeter, nahezu jede wichtige Szene landet auf seinem Zettel. Besonders wichtig ist die Positionierung. "Der Schiedsrichter sollte Ball und Assistenten immer im Blick haben und möglichst in einer Dreiecksposition stehen."
Nicht jede Situation lässt sich jedoch eindeutig beurteilen. Vor allem im Amateurfußball seien Beobachtungen manchmal schwierig. "Wenn auf der anderen Spielfeldseite etwas passiert, gibt es keine TV-Bilder oder Zeitlupen wie in der Bundesliga", sagt Gangl. Gerade bei Abseitssituationen müsse man deshalb vorsichtig sein. "Ich kann das nur bewerten, wenn ich wirklich auf gleicher Höhe sitze."
Vom Bundesliga-Schiedsrichter zum Coach
Dass Gangl heute Spiele beobachtet, ist kein Zufall. 26 Jahre war der Dornbirner selbst Schiedsrichter, zehn davon in der österreichischen Bundesliga. 2009 leitete er das ÖFB-Cup-Finale zwischen Admira Wacker und Austria Wien.
Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn wollte Gangl dem Schiedsrichterwesen erhalten bleiben. "Es war für mich der logische Schritt", sagt er. Besonders wichtig sei ihm dabei die Arbeit mit jungen Schiedsrichtern. "Ich möchte ihnen meine Erfahrung weitergeben." Genau deshalb versteht sich Gangl weniger als Kontrolleur, sondern vielmehr als Coach.
Die Arbeit beginnt nach dem Abpfiff
Während Spieler und Zuschauer das Spiel längst verarbeitet haben, beginnt für Gangl der entscheidende Teil seiner Aufgabe. Etwa zehn Minuten nach Spielende betritt er erneut die Kabine des Schiedsrichter-Teams. Dort folgt die Nachbesprechung.
"Das Wichtigste ist das Gespräch danach", betont Gangl. Zuerst sollen die Schiedsrichter ihre eigene Leistung einschätzen. Danach geht der Beobachter die wichtigsten Szenen durch: Was war gut? Wo gibt es Verbesserungspotenzial? Welche Entscheidungen waren richtig, welche vielleicht nicht?
Am nächsten Tag schreibt Gangl seinen offiziellen Beobachtungsbericht. Dieser landet beim Beobachtungsreferenten des VFV, Matthias Winsauer, und anschließend beim Schiedsrichter-Team.
Dort wird auch die Note festgelegt. Ausgangspunkt ist die Bewertung 8,4. Je nach Leistung kann sie steigen oder sinken. Fehlende Gelbe Karten, übersehene Platzverweise fließen in die Bewertung ein. Die Noten entscheiden letztlich darüber, welche Spiele ein Schiedsrichter künftig leiten darf.
Für Gangl ist das jedoch nur ein Teil seiner Aufgabe. "Im Vordergrund steht, dass ich jungen Schiedsrichtern etwas beibringen will." Deshalb sitzt er Woche für Woche wieder am Spielfeldrand, als Beobachter der Schiedsrichter.
(VOL.AT)