Der Seilbagger, der Liebherr veränderte

Das Liebherr-Werk Nenzing hätte sich um ein Haar völlig anders entwickelt und würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit noch heute Schiffskrane bauen. Wäre da nicht dieser Hydroseilbagger gewesen, der vierzig Jahre nach seinem Bau in einer Kiesgrube bei Bonn (Deutschland) wiederentdeckt wurde.

Der Urvater der Nenzinger Baumaschinenproduktion mit der Seriennummer 181001 kehrte im Februar 2018 zu seiner Geburtsstätte zurück. Bis zur Pensionierung des damaligen Geschäftsführers Manfred Brandl Ende August 2019 wurde der HS 870 restauriert und dessen Vorname ziert seither diesen historischen Seilbagger.

Die Heimkehr des HS 870

Dass er diese Maschine eines Tages wiedersehen würde, hätte Manfred Brandl nie geglaubt. Dabei verbindet die beiden eine Geschichte, die Liebherr veränderte. Denn das Liebherr-Werk Nenzing (Österreich), das Manfred Brandl als Produktionsmitarbeiter betrat und nach vier Jahrzehnten als Geschäftsführer verließ, hätte sich um ein Haar völlig anders entwickelt und würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit noch heute Schiffskrane bauen. Wäre da nicht dieser Hydroseilbagger gewesen, der vierzig Jahre nach seinem Bau in einer Kiesgrube bei Bonn (Deutschland) rostig, aber standhaft Tag für Tag Hebearbeiten erledigte. 2014 entdeckteman ihn. Der damalige Verkaufsleiter für Seilbagger und Raupenkrane für die Region Deutschland inspizierte ihn persönlich und berichtete seinen Kollegen in Nenzing das Unglaubliche: Er hatte den Urvater der Nenzinger Baumaschinenproduktion vor sich – den Prototypen des Seilbaggers HS 870mit der Seriennummer 181001. Für Manfred Brandl sollte dieses Wiedersehen ein unvergessliches werden.

Neuland in den Alpen

In den Jahren 1979 und 1980 ahnten weder Manfred Brandl noch seine Kollegen, dass ihre Arbeit für immer als Wendepunkt in die Geschichte von Liebherr eingehen würde. Alles begann damit, dass der deutsche Baumaschinenhersteller Menck in Konkurs ging. Zur gleichen Zeit traten verschiedene Bauunternehmer an Hans Liebherr mit der Bitte heran, zu prüfen, ob sein Unternehmen nicht auch Seilbagger bauen könnte. Der Firmengründer kaufte die Konstruktionspläne des insolventen Herstellers und nach reiflicher Überlegung fiel die Entscheidung, einen Seilbagger in Nenzing zu bauen. Und Manfred Brandl wurde Teil der Gruppe, die den HS 870 baute. Er erinnert sich, dass der Prototyp zu Beginn nicht bei allen beliebt war. Allen Gegenstimmen zum Trotz, ein Seilbagger sollte es werden und zwar nicht nur eine Menck-Maschine unter neuem Namen. Nein, der erste Liebherr-Seilbagger sollte einen diesel-hydraulischen Antrieb und eine elektronische Steuerung haben. Eine Weltneuheit, die auf der Bauma 1980 präsentiert wurde. An den Prototyp waren nicht nur hohe Anforderungen hinsichtlich Verarbeitungsqualität und Funktionalität gestellt worden. „Auf der Bauma, wo alle namhaften Baumaschinenhersteller der Welt ihre Produkte präsentieren, weckte unser HS 870 großes Interesse bei den fachkundigen Messebesuchern. Er war eine Weltsensation.“ Anschließend wurde der Prototyp direkt an seinen neuen Besitzer Bilfinger Berger übergeben und begann seinen aktiven Einsatz auf unterschiedlichsten Baustellen und bei verschiedensten Besitzern in ganz Europa. Bis man ihn in Bonn wiederentdeckte und nach Nenzing zurückbrachte, um ihn zu restaurieren.

Der Urvater braucht mehr als nur neuen Lack

Das war im Februar 2018 und Jürgen Grass (Leiter Montage) gibt uns einen Einblick in den Zustand des Seilbaggers und welche Arbeit in ihn gesteckt wurde: „Der Motor und die Hydraulik funktionierten immer noch einwandfrei. Aber der Zahn der Zeit hat natürlich auch an unserem ersten Seilbagger seine Spuren hinterlassen. In den 40 Jahren, in denen er im Einsatz war, wurde ja auch nicht gerade zimperlich mit der Maschine umgegangen.“ Eines war klar: Wenn man diesen Teil Liebherr-Geschichte retten wollte, brauchte es mehr als nur einen neuen Anstrich. Ein Team aus Monteuren, Schlossern, Ingenieuren und Lehrlingen machte sich ans Werk. Der Unterwagen war in schlechtem Zustand und nahm viel Zeit in Anspruch, der gesamte Fahrantrieb musste komplett restauriert werden. Die Stahlverkleidung hatte erheblich unter den vielen Jahren im Einsatz gelitten und wurde von Lehrlingen komplett neu gebaut. Ventile wurden erneuert, Hydraulikschläuche ersetzt und alte Pumpen und Motoren in ihre Einzelteile zerlegt, gereinigt und neu montiert. Neben originalen Ersatzteilen fand zuletzt sogar Hightech aus dem 21. Jahrhundert ihren Weg in den HS 870: „Für die Scheinwerferabdeckungen waren auch nach langem Suchen keine Ersatzteile mehr zu finden, diese haben wir dann im 3DDrucker originalgetreu hergestellt,“ sagt Jürgen Grass. Für ihn ist der restaurierte HS 870 ein Beispiel dafür, was Erfindergeist und Teamarbeit erreichen können. Über 700 Stunden Arbeit haben sie am Ende in die Restaurierung gesteckt. „Vor allem für diese jungen Mitarbeiter war das alles sehr spannend. Sie konnten hautnah erleben, wie unsere HS-Baureihe einst angefangen hat. Heute sind unsere Seilbagger alle digital, 1980 war alles noch analog.“ Die ganze Geschichte mit allen Randnotizen und Anekdoten inkl. Video und unterschiedlichsten Bildern finden Sie unter: www.liebherr.com/stories

Wie kam Liebherr nach Nenzing?

Im Liebherr-Werk Ehingen (Deutschland) wurde Anfang der 1970er-Jahre der Platz für den Bau vonmaritimen Kranen zu eng. Firmengründer Hans Liebherr machte sich auf die Suche nach einem neuen Standort. Er wusste, wenn zu viele Produkte an einem zu kleinen Standort gebaut werden, bleibt kein Raum mehr für Weiterentwicklung. Im Dreiländereck Deutschland Österreich- Schweiz fand sich nach einiger Suche der passende Ort. Das Liebherr-Werk Nenzing wurde 1976 gegründet. 1977, im Jahr, in dem der erste Star-Wars-Film in die Kinos kam, startete die Produktion. Die Belegschaft zählte weniger als 100 Menschen und die waren stolz darauf, in den Alpen die Schiffsund Offshore-Krane der Firmengruppe zu bauen.

Liebherr-Werk Nenzing GmbH
Dr.-Hans-Liebherr-Straße 1
6710 Nenzing
Tel. +43 50809 41-0
info.lwn@liebherr.com

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