Die Frau der 1000 Handschriften

Christina Jackel ist Expertin für mittelalterliche Handschriften und wissenschaftliche Bibliothekarin in der Stiftsbibliothek Klosterneuburg. Mit ihren viel beachteten Untersuchungen macht sie Handschriften und Texte der Wissenschaft zugänglich und erhält dafür nun vom Land Vorarlberg den Wissenschaftspreis 2022.

Wer ist die Frau, die sich am liebsten mit Handschriften aus dem Mittelalter beschäftigt und den verrückten spätmittelalterlichen Reiseroman „Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville“ zu ihren liebs­ten Texten zählt? Alles beginnt mit Umberto Ecos „Name der Rose“. Ein Buch, das die gebürtige Höchsterin bis heute nicht loslässt. Der Roman, der von Schriftstellern gerne als Universalkunstwerk bezeichnet wird, löste damals eine regelrechte Mittelalter-Manie aus, die auch an Christina Jackel nicht vorübergeht. Gar nicht auszudenken, dass sie sich Jahre später selbst damit beschäftigen wird, ein Bibliothekslabyrinth zu entschlüsseln, wenn auch unter weit beschaulicheren Umständen. Das was die Wissenschatlerin mit viel Leidenschaft und Geduld betreibt, nennt sich Grundlagenforschung. Damit hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, alte Quellen und Texte zu finden, zu identifizieren und darüber zu forschen. Sie leistet so nicht nur einen Beitrag dafür, die Geschichte besser zu verstehen – zu sehen, wie und mit welchem Hintergrund sich unsere Gesellschaft, unsere Wissenschaft oder unsere Literatur bis heute entwickelt haben – sondern hilft dabei, aktuelle Fragestellungen differenzierter zu betrachten. Denn wie sagt man so schön: Aus der Geschichte lernt man.

Jetzt oder nie.

Die Liebhaberin mittelalterlicher Werke widmete sich aber nicht immer der Wissenschaft, sondern erstmal einem anderen Handwerk. Weil sich das Germanistikstudium in Wien aufgrund systemischer Hürden in die Länge zieht, beschließt die junge Studentin, eine Tischlerlehre in Vorarlberg zu beginnen und arbeitet nach Lehrabschluss mehrere Jahre im Ausstellungs- und Bühnenbau in Wien. Nach dem Motto „jetzt oder nie“ fasst die junge Mutter in der Karenz den Entschluss, ihr Studium der Germanistik wieder aufzunehmen und entdeckt bei einer Exkursion in die Stiftsbibliothek Klosterneuburg, eine Leidenschaft für alte Werke. Heute ist die ambitionierte Wissenschaftlerin selbst Expertin am Stift und kennt die Bibliothek wie ihre Westentasche.

Ihr neuestes Forschungsprojekt, das sie zusammen mit einer befreundeten Wissenschaftlerin initiiert hat, widmet sich der Erforschung des ehemaligen Frauenstifts in Klosterneuburg, dessen Bibliothek nach der Auflösung ins benachbarte Chorherrenstift wanderte. Ein Team aus ExpertInnen hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zugehörigkeit wieder eindeutig zu klären. Die Handschriftenforschung ist dabei essenziell, gibt sie nicht nur Aufschluss über die zeitliche Einordung, sondern auch über die Frauen, die in diesem Kloster lebten – Alltag, Aufgaben und ihr geistliches Leben.

Aber wie wird man denn Handschriftenforscherin und welche Voraussetzungen muss man erfüllen? Sorgfalt, Geduld und eine ganze Reihe wissenschaftlicher Kenntnisse muss man schon mitbringen, um sich wie Christina Jackel in dieser besonderen Wissenschaft einen Namen zu machen.

Leidenschaft und Magie.

Auch wenn die Digitalisierung viele Bücher leichter zugänglich macht, ist die Forscherin am meisten davon berührt, das originale Schriftstück hunderte Jahre nach Entstehung selbst in Händen halten zu dürfen. Erstaunlich, in welch guter Verfassung die Schriftstücke nach so langer Zeit noch sind, erzählt die Expertin. Darin zu schmökern, zu lesen und die Werke zu analysieren ist für die Wissenschaftlerin das, was ihre Arbeit ausmacht und antreibt. So hat sie bereits Hunderte Bücher und Texte in ihrem Original gelesen und untersucht. Die Leidenschaft fürs Mittelalter begleitet sie bis in ihren Alltag. Christina legt großen Wert auf handschriftliche Notizen und ist hin und wieder gerne auf Mittelaltermärkten unterwegs. Die Märkte, die ihr eingangs wie eine unliebsame Inszenierung vorkamen, nutzt sie heute, um ihr Wissen und ihre Faszination als Vortragende im wissenschaftlichen Begleitprogramm weiterzugeben. Außerdem ist die Vorarlbergerin teil des KochKulturMuseums, das sich mit der Kulinarik des Mittelalters beschäftigt. Statt Predigten und Poesie werden mittelalterliche Rezepte oder gar ganze Hochzeitmenüs übersetzt und nachgekocht. Mit allen Sinnen ist man dann in einer Zeit, die lange vorbei und doch so präsent ist. Letztlich sehen wir es an den Zeichen der Zeit, wie sehr die Vergangenheit uns bewegt und bestimmt und wie wertvoll ­Erinnerungen sind. Besonders für ­Christina, die als Exilvorarlbergerin neben dem Dialekt, dem Bodensee, der Obstblüte, eines an Vorarlberg ganz besonders vermisst: das Eis vom Schallert in Höchst.

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