"Es regnete Leichen" - 20 Jahre nach Flugzeugkollision in Überlingen

Das Unglück jährt sich zum 20. Mal.
Das Unglück jährt sich zum 20. Mal. ©dpa/Stefan Puchner/Dirk Diestel
Zum 20. Jahrestag der Flugzeugkollision von Überlingen am 1. Juli 2002 will die Stadt der Opfer mit deren Hinterbliebenen aus Russland gedenken.
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Es ist ein lauer Sommerabend am Bodensee, der sich Hans-Peter Walser ins Gedächtnis gebrannt hat. "Ich saß mit meiner Frau und einem befreundeten Paar auf dem Balkon - und dann kam gegen kurz nach halb zwölf nur die Info Flugzeugabsturz, mehr nicht", sagt der damalige Polizeidirektor in Friedrichshafen. "Abstürze von Kleinflugzeugen hatten wir in der Region ja bedauerlicherweise immer wieder gehabt." Das Ausmaß des Unglücks in Überlingen am 1. Juli 2002 kann Walser später im Polizeifahrzeug auf dem Weg zum Einsatzort erahnen. "Da habe ich über Funk gehört, wie einer gesagt hat: "Es regnet Leichen vom Himmel.""

Tragödie über dem Bodensee

Überlingen. Erst im Laufe der Nacht wird die Dimension der Tragödie deutlich. In mehr als elf Kilometern Höhe ist über dem Bodensee ein Passagierflugzeug mit einer Frachtmaschine zusammengestoßen. Alle 71 Insassen sterben, Wrackteile und Leichen fallen in der Region Überlingen auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern vom Himmel. "Als wir die Information zur Kollision definitiv von der Schweizer Flugsicherung Skyguide hatten, war klar, dass das nach menschlichem Ermessen niemand überlebt haben kann", sagt Walser.

Technische Mängel und menschliche Fehler

Das Unglaubliche in dem Unglück: Die Stadt Überlingen, ihre Ortsteile und der Bodensee als wichtige Trinkwasserquelle bleiben verschont, am Boden gibt es keine Verletzten. Viele Anwohner helfen stattdessen den Suchkräften, versorgen sie zum Beispiel mit Essen und Trinken.

Später stellt sich heraus, dass technische Mängel und menschliche Fehler bei Skyguide das Unglück verursacht haben. Im Zürcher Kontrollzentrum sitzt in diesem Moment ein Fluglotse, der allein für den Luftraum über Süddeutschland zuständig ist und dessen Radar und Telefon wegen Wartungsarbeiten nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Dass ein Unglück droht, bemerkt der Mann zu spät. Der Lotse, der den Fehler machte, wird 2004 von einem Hinterbliebenen erstochen. Der Russe hatte bei dem Absturz Frau und Kinder verloren.

Dutzende Schulkinder unter Todesopfern

In den Tagen nach der Kollision suchen mehr als 1000 Einsatzkräfte nach den Todesopfern, darunter mehrere Dutzend Schulkinder. Sie stammen aus der Stadt Ufa in der russischen Teilrepublik Baschkortostan - und wollten zwei Wochen Urlaub in Spanien machen. Noch bevor alle Toten gefunden und identifiziert sind, reist eine russische Delegation an den Bodensee - auch um an einem der größten Wrackteile zu trauern. Zur Betreuung der Hinterbliebenen melden sich zahlreiche Menschen aus Überlingen und Umgebung freiwillig. Die Begegnung mit den Angehörigen prägt einige von ihnen so sehr, dass sie später den Verein "Brücke nach Ufa" gründen, um den Austausch nach Russland aufrechtzuerhalten.

20. Jahrestag

Kurz vor dem 20. Jahrestag des Unglücks ist es schwieriger denn je, die Kontakte nach Russland zu halten. Wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine entwickelt sich auch um die geplante Gedenkveranstaltung zur Flugzeugkollision in Überlingen eine politische Diskussion. Das Gedenken sei dadurch "unter anderen Gesichtspunkten zu beurteilen", sagt ein Sprecher des baden-württembergischen Staatsministeriums. Die Hinterbliebenen seien zwar willkommen, "allerdings organisieren und bezahlen wir nicht die Anreisen, wie auch bei vergangenen Gedenkveranstaltungen".

Schweigeminute am Bodensee

Russische Staatsvertreter seien zum Gedenken am Bodensee mit Schweigeminute und Kranzniederlegung nicht eingeladen, teilt die Stadt Überlingen als Veranstalter mit. Die Hinterbliebenen heiße man aber willkommen. Der Wunsch nach einem Gedenken sei "angesichts der dramatischen Ereignisse damals wichtig und nachvollziehbar".

Wie viele der russischen Hinterbliebenen beim Gedenken dabei sein werden, blieb bis zuletzt unklar. Zwar habe das deutsche Konsulat in Jekaterinburg zugesagt, dass die nötigen Visa erteilt würden, sagte die Vorsitzende des Vereins "Brücke nach Ufa", Nadja Wintermeyer. Für viele Angehörige der Opfer, die der Verein in der Vergangenheit zum Gedenken eingeladen hatte, sei die Reise wegen der eingeschränkten Flugverbindungen nach Russland aber sehr teuer und aufwendig.

Hatte der Verein zunächst mit rund 40 Angehörigen aus Russland beim Gedenken gerechnet, war kurzzeitig sogar unklar, ob überhaupt Hinterbliebene von dort anreisen können. Zwei russische Familien würden voraussichtlich erst im Laufe des Freitags in Deutschland landen, sagte Wintermeyer. Die ersten Pässe mit den nötigen Visa seien erst am Donnerstag zugestellt worden. "Diese Kurzfristigkeit hätte nicht sein müssen."

Der Verein wolle den Hinterbliebenen aber verbunden bleiben. Das bleibe "auch angesichts des völkerrechtswidrigen russischen Angriffs auf die Ukraine weiterhin wichtig", betonte eine Sprecherin der Stadt.

Auch Polizeidirektor Hans-Peter Walser, seit Ende 2003 im Ruhestand, haben die Begegnungen mit den russischen Hinterbliebenen geprägt. "Von denen kann man lernen, was Dankbarkeit heißt und wie man sie zeigt", sagt der heute 78-Jährige. Bei der Beschreibung eines Treffens mit Elternvertretern aus Baschkortostan kämpft er mit den Tränen - selbst 20 Jahre später. "Das war so ergreifend. Das waren sehr berührende Begegnungen." Das Gedenken am 20. Jahrestag wolle er nutzen, um zu einigen Hinterbliebenen wieder Kontakt aufzunehmen, sagt Walser. "Dieses verständnisvolle Miteinander darf nicht in die Brüche gehen."

(dpa)

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