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Europas Kokainflut: Das Netzwerk des Balkan-Kartells

Europas Kokainkrieg: Wie das Balkan-Kartell den Drogenmarkt erobert (Symbolbild)
Europas Kokainkrieg: Wie das Balkan-Kartell den Drogenmarkt erobert (Symbolbild) ©CANVA
Ein weitverzweigtes Netzwerk aus dem ehemaligen Jugoslawien dominiert weite Teile des europäischen Kokainmarktes. Ermittler sprechen von einer "weißen Flut" – und sehen die organisierte Kriminalität auf dem Balkan als wachsende Bedrohung.

Von den Wirren des Jugoslawien-Kriegs in den 1990er-Jahren bis zu tonnenschweren Kokainlieferungen über den Atlantik: Das sogenannte Balkan-Kartell hat sich zu einem zentralen Akteur des europäischen Drogenhandels entwickelt. Europäische Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Gruppen aus Montenegro, Serbien und Bosnien mittlerweile rund 30 Prozent des Kokainmarkts kontrollieren wie unter ander "Der Spiegel" berichtet.

Schmuggel statt Schüsse: Der Wandel einer Gewaltökonomie

Ausgangspunkt war das Machtvakuum nach dem Zerfall Jugoslawiens. Ex-Paramilitärs, Schmuggler und Gangster nutzten das Chaos der 1990er, um in den Schwarzhandel mit Zigaretten und später Drogen einzusteigen. Mit dem Ende der Balkankriege verlagerte sich der Fokus auf globalen Kokainhandel – zuerst über Netzwerke in Südamerika, dann mit professionellen Logistikrouten über die Weltmeere.

Anders als lateinamerikanische Kartelle, die oft hierarchisch und territorial operieren, ist das Balkan-Kartell ein loses, aber effektives Geflecht mobiler Zellen. Diese Gruppen agieren konspirativ, technisch versiert und zunehmend gewaltbereit – insbesondere im brutalen Clan-Konflikt zwischen den rivalisierenden montenegrinischen Gruppen Škaljari und Kavač.

Die Kotor-Fehde: Europas blutigster Mafia-Krieg

Seit 2014 führen die beiden Clans aus der Küstenstadt Kotor einen blutigen Krieg, der bereits über 50 Todesopfer forderte – darunter auch Morde in Wien, Athen und Istanbul. Auslöser war ein gescheiterter Kokain-Deal in Spanien. Danach zerbrach die einstige Allianz, aus der bis dahin gemeinsam Kokain aus Südamerika nach Europa geschleust wurde.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen Figuren wie Radoje Zvicer, Anführer des Kavač-Clans und international gesucht, sowie der 2022 in Istanbul erschossene Škaljari-Chef Jovan Vukotić. Beide galten als strategische Lenker ihrer Gruppen und sollen gezielt Auftragsmorde befohlen haben. Ihre Stellvertreter – wie Igor Dedović oder der serbische Hooligan Veljko Belivuk – werden mit brutalen Exekutionen in Verbindung gebracht.

Die Macht der Meere: Maritime Logistik aus Montenegro

Zentral für den Erfolg der Balkan-Schmuggler ist ihr Zugang zur internationalen Seefahrt. Tausende montenegrinische Seeleute arbeiten weltweit auf Frachtschiffen – ein Umstand, den kriminelle Gruppen gezielt ausnutzten. Reedereien wie MSC, die enge Verbindungen in die Region haben, wurden mehrfach Opfer von Infiltration. Bei der spektakulären Beschlagnahme von 18 Tonnen Kokain auf der "MSC Gayane" im Jahr 2019 waren fünf Montenegriner und ein Serbe unter der Crew – einige wurden später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Die Schmuggelmethoden sind vielfältig: Rip-on/Rip-off in Häfen, Verstecke in Containerladungen, Umverladungen auf hoher See oder Tarnungen mit Industriegütern wie Granitblöcken oder Fischfutter. Dabei passt sich das Kartell laufend an – kleinere Liefermengen, geteilte Routen und neue Anlaufhäfen sollen die Behörden täuschen.

Kryptohandys als Achillesferse

Ein entscheidender Schlag gegen das Kartell gelang durch die Entschlüsselung von Kommunikationsdiensten wie Sky ECC und EncroChat. Ermittler konnten so millionenfach Nachrichten mitlesen, Morde rekonstruieren und Strukturen sichtbar machen. In Serbien etwa halfen Sky-Daten, die Taten der Belivuk-Bande nachzuweisen. In Montenegro wurden Justizvertreter wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Mafia angeklagt.

Allein durch die Sky-Auswertungen wurden europaweit über 90 Tonnen Drogen beschlagnahmt und Hunderte Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Chats offenbarten nicht nur interne Befehle, sondern auch mutmaßliche Verstrickungen von Politik, Polizei und Justiz mit dem organisierten Verbrechen.

Internationale Fahndung und politische Brisanz

Zentrale Figuren wie Zvicer oder der Montenegriner Goran Gogić, mutmaßlicher Logistik-Koordinator, sind auf internationalen Fahndungslisten. Gogić wurde in den USA wegen des Verdachts angeklagt, über 20 Tonnen Kokain verschifft zu haben – ihm droht lebenslange Haft. Weitere Verfahren laufen in Griechenland, Serbien, Belgien und Spanien. In Montenegro steht derzeit auch die frühere Präsidentin des Obersten Gerichts wegen Korruptionsverdachts vor Gericht – ein beispielloser Fall.

Ermittler setzen zunehmend auf internationale Kooperation: Gemeinsame Taskforces, koordinierte Razzien und transatlantische Ermittlungsgruppen sollen das Geflecht zerschlagen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Gewalt und Einschüchterung – wie sie in Lateinamerika Alltag sind – auch in Europa zunehmen könnten.

(VOL.AT)

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