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Früher Sex? Was die Zahlen zeigen – und wie Eltern richtig reagieren

Mirjam Mayer (VOL.AT) mirjam.mayer@russmedia.com
Viele Eltern haben das Gefühl, dass Jugendliche heute früher mit Sexualität beginnen als noch vor einer Generation. Studien zeichnen jedoch ein anderes Bild – und werfen neue Fragen auf. Was die aktuellen Zahlen tatsächlich zeigen, warum Wahrnehmung und Realität auseinandergehen und wie Eltern souverän reagieren können.

Irgendwann merkt man, dass das eigene Kind kein Kind mehr ist. Gespräche werden knapper, Türen bleiben öfter geschlossen, das Smartphone scheint wichtiger als alles andere. Und dann steht eine Frage im Raum, die viele Eltern beschäftigt – oft unausgesprochen: Beginnt das Sexualleben heute wirklich früher als früher?

Die Sorge speist sich aus dem, was sichtbar geworden ist. In sozialen Medien, Serien und Musikvideos scheint Sexualität allgegenwärtig. Nähe wird öffentlich, Intimität kommentiert, Beziehungen erscheinen schneller, direkter, körperlicher. Wer das beobachtet, könnte leicht zu dem Schluss kommen, dass auch die Realität sich beschleunigt hat.

Doch die Daten zeichnen ein anderes Bild.

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Internationale Schulstudien wie die WHO-Studie Health Behaviour in School-aged Children sowie die deutsche Jugendsexualitätsstudie zeigen seit Jahren keine Entwicklung zu einem früheren Sexualbeginn. Das durchschnittliche Alter beim ersten Geschlechtsverkehr liegt weiterhin im späten Jugendalter. Ein beschleunigter Trend lässt sich in den Langzeitdaten nicht erkennen.

Die jüngste Erhebungswelle der deutschen Jugendsexualitätsstudie aus dem Jahr 2025 deutet sogar auf eine leichte Verschiebung nach hinten hin. Während 2019 noch eine Mehrheit der Jugendlichen mit 17 Jahren sexuelle Erfahrungen angab, liegt dieser Wert inzwischen eher bei 18 oder 19 Jahren.

Österreich verfügt über keine eigenständige, regelmäßig durchgeführte nationale Jugendsexualitätsstudie. Internationale Vergleichsdaten zeigen hierzulande jedoch keine gegenteilige Entwicklung. Auch ein Blick auf die Geburtenstatistik passt zu diesem Befund: Geburten von Frauen unter 20 Jahren sind laut Statistik Austria deutlich zurückgegangen. Anfang der 2010er-Jahre lag ihr Anteil noch bei rund zwei bis drei Prozent aller Geburten, zuletzt bei etwa einem Prozent. 2023 wurden rund 1.000 Kinder von unter 20-Jährigen geboren; bei unter 18-Jährigen bewegte sich die Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich.

Die Statistik widerspricht der Angst. Doch sie beantwortet nicht die eigentliche Frage, die viele Eltern umtreibt: nicht wann es beginnt, sondern wie man damit umgeht. Denn selbst wenn sich das Einstiegsalter nicht vorverlagert hat, bleibt Unsicherheit – im Gespräch, im Schweigen, im richtigen Moment.

Dr. Marco und Dr. Sara Furtner führen in Dornbirn eine psychologische Gemeinschaftspraxis. ©zVg

Zwischen Realität und Wahrnehmung

"Der Eindruck entsteht vor allem durch die stärkere Präsenz von Sexualität in sozialen Medien", sagen die Klinischen Psychologen Dr. Sara und Dr. Marco Furtner aus Dornbirn. In ihrer Praxis begegnen sie regelmäßig Jugendlichen – und deren Eltern.

Dass sich das Einstiegsalter kaum verändert hat, deckt sich mit ihrer Erfahrung. "Verschiedene Umfragen aus Österreich und Deutschland zeigen seit Jahren ein relativ stabiles Durchschnittsalter beim ersten Geschlechtsverkehr." Jugendliche kämen zwar früher mit sexuellen Inhalten in Kontakt, aber nicht zwingend früher mit eigenen Erfahrungen.

Aus ihrer Arbeit berichten sie vielmehr von bewussten Entscheidungen. "Emotionale Reife spielt eine zentrale Rolle. Viele Jugendliche wünschen sich eine vertrauensvolle und zuverlässige Beziehung und ein Gefühl von Sicherheit, bevor sie sexuelle Erfahrungen machen." Das erste Mal werde häufig sogar geplant.

In Gesprächen mit Eltern zeigen sich wiederkehrende Unsicherheiten. "Häufig herrscht die Sorge, dass Offenheit Sexualität fördern könnte", so Furtner. Gleichzeitig werde das Thema in manchen Familien als schambesetztes Tabu behandelt.

Beides könne kontraproduktiv sein. "Manche Eltern unterschätzen, wie reflektiert Jugendliche mit dem Thema umgehen." Offene Gespräche bedeuteten nicht Ermutigung, sondern Orientierung.

Soziale Vergleiche spielten dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. "Soziale Vergleiche können erheblichen Druck erzeugen, insbesondere im Freundeskreis und in den Peer-Groups." Digitale Medien verstärkten diesen Eindruck, weil dort häufig idealisierte Bilder von Beziehungen und Körpern vermittelt würden. Gleichzeitig böten sie aber auch Chancen für Aufklärung und Austausch.

Eltern müssten kein perfektes Aufklärungsgespräch vorbereiten, sagen die Psychologen. "Wichtiger sind kleine, wiederkehrende Gespräche. Eine einfache, klare Sprache und Offenheit für Fragen sind entscheidend."

Sexualität sei kein einmaliges Ereignis, sondern Teil einer Entwicklung – so wie Freundschaften, Selbstbild und Selbstständigkeit. Und diese Entwicklung verlaufe in vielen Fällen ruhiger, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt.

Wenn Gesprächsbedarf besteht

Eltern, die sich unsicher fühlen oder konkrete Fragen haben, können sich an schulische Vertrauenspersonen oder an regionale Beratungsstellen wenden. Neben Angeboten an Schulen stehen in Vorarlberg unter anderem das aha – Jugendinformationszentrum, amazoneBeratung sowie ifs-Beratungsstellen zur Verfügung.

Zur Datenlage

Die genannten Ergebnisse beruhen auf internationalen Schulstudien wie der WHO-Studie Health Behaviour in School-aged Children (HBSC, Erhebungen 2018 und 2022), auf Daten von Statistik Austria zur Geburtenentwicklung, auf der deutschen Jugendsexualitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2019) sowie auf der jüngsten Erhebungswelle des deutschen Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (2025).

Österreich verfügt über keine eigenständige, regelmäßig durchgeführte nationale Jugendsexualitätsstudie. Aussagen ergeben sich daher aus der Zusammenführung mehrerer Datenquellen mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden und Altersgrenzen.

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