Funken, Masken, Jöri: So entstand der Fasching im Ländle
Der älteste bekannte Hinweis auf den Fasching in Vorarlberg ist über 670 Jahre alt – und er beginnt mit einem Verbot. Am 4. März 1344 untersagte der Stadtrat von Feldkirch jegliche "Mascaraden, Mummereyen und Frewdenspill". Offenbar hatte die Fastnacht schon damals das Zeug zum Ärgernis – und zum Volksfest. Es ist der erste Beleg dafür, dass sich die Menschen im Ländle gerne verkleideten, feierten, tanzten – und damit regelmäßig die Obrigkeit auf den Plan riefen.
Auch in den folgenden Jahrhunderten taucht der Fasching immer wieder in offiziellen Quellen auf – fast immer dann, wenn er gestört wurde oder zu entgleiten drohte. 1560 etwa musste in Bludenz die "althergebrachte Fasnat" wegen der Pest abgesagt werden. Allein die Wortwahl zeigt: Der Brauch war bereits tief verwurzelt.
Besonders eindrucksvoll ist ein Bericht aus Bregenz aus dem Jahr 1573: Rund 200 Männer und Frauen sollen sich damals auf dem zugefrorenen Bodensee versammelt haben, um dort – ausgerechnet am Faschingsdienstag – eine wilde Schneeballschlacht auszutragen. Wenige Tage später zog eine Gruppe weiß verhüllter Gestalten als Totengeister zum Kloster Mehrerau. Die Narren erhielten dort Speis und Trank – eine symbolische Gabe für die "Seelen der Verstorbenen". Aus diesem Geisterzug entwickelte sich der legendäre "Fasnachtsritt", der erst im 18. Jahrhundert endgültig untersagt wurde.
Funken, Butzen, Jöri: Bräuche mit Geschichte
Der Fasching in Vorarlberg ist mehr als nur eine närrische Zeit – er ist ein vielschichtiges kulturelles Erbe. Besonders das Funkenfeuer gilt bis heute als Herzstück der Fasnat. Schon im 17. Jahrhundert wurden in vielen Orten große Holzhaufen angezündet – angeblich, um den Winter auszutreiben. Die Kirche sah das anders: 1765 etwa bezeichnete ein Bludenzer Vogteiverwalter das Spektakel als "heidnischen Missbrauch" und forderte ein Verbot. Genützt hat es wenig – der Funken brennt noch immer, mittlerweile als offiziell geschütztes Brauchtum.
Bilder aus dem Jahr 1987 in Dornbirn:
Ein Faschingswagen der Haselstauder Zunft aus dem Jahr 1987. Der FPÖ-Politiker Grabher Meier wurde damals mit 200 km/h geblitzt - die Zunft nahm das als Anlass für ihren Wagen.
Ebenfalls alt ist die Tradition der Masken und Verkleidungen. Bereits im 16. Jahrhundert ist von "Fasnachtsbutzen" die Rede – eine Bezeichnung für Geistergestalten mit Masken. In Bludenz wiederum tauchte ab dem 18. Jahrhundert das Wort "Jöri" auf – ein spöttischer Ausdruck für tölpelhafte Narren, vermutlich abgeleitet vom Namen Georg. Der Begriff wurde so geläufig, dass ein Beamter 1736 schrieb, er könne seine Amtsgeschäfte erst wieder führen, "wenn die Faschings-Jöri vorbei sei".
Besonders spannend: Das sogenannte "Schemenlaufen" – also das Tragen geschnitzter Holzmasken, wie man es aus Tirol kennt – war auch in Vorarlberg verbreitet. 1791 ordnete die Regierung in Innsbruck an, das Treiben in Bludenz und im Montafon zu unterbinden. Der Grund: zu laut, zu wild, zu unkontrollierbar.
Zucht und Zunft: Als die Obrigkeit eingriff
Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich ein wiederkehrendes Muster: Die Bevölkerung lebte den Fasching, die Obrigkeit versuchte, ihn zu zähmen. Besonders deutlich wird das 1664 in Bludenz: Dort entschied das Stadtgericht, dass die Fasnat nur noch im Rahmen einer Zunft stattfinden dürfe. So entstand die Funkenzunft Bludenz – eine organisierte Narrenvereinigung, die bis heute aktiv ist.
Bilder aus dem Jahr 1977:
Ebenfalls ein Faschingswagen der Haselstauder Zunft mit dem Titel "Energieproblem 1977". Auf dem Wagen steht: "Bruno braucht keinen Rasierapparat - die Motten fressen ihm den Bart. Die Motten sind jetzt satt - und der Bruno ist a...glatt."
Solche "Fasnatzünfte" sollten das wilde Treiben in geregelte Bahnen lenken – und taten das auch. Maskenbälle, Umzüge, Funkengeld-Ordnung: Der Fasching wurde formeller, aber nicht weniger lebendig. Ab dem 19. Jahrhundert, im Zuge der Säkularisierung, gewann er an gesellschaftlicher Akzeptanz. In Bludenz etwa erschien 1896 die erste lokale Faschingszeitung mit dem Titel "Hächla".
Gleichzeitig hielten neue Einflüsse Einzug: Die Guggamusik – lärmende Blaskapellen aus der Schweiz – ist heute aus vielen Umzügen nicht mehr wegzudenken. Auch das Bratenstehlen am "gumpigen" Donnerstag, ursprünglich ein subversiver Akt gegen kirchliche Fastenregeln, wird heute mit Augenzwinkern gefeiert.
Bilder aus dem Jahr 1979:
Ein Faschingswagen mit dem Thema "Ufo" - auf dem Umzug in Dornbirn 1979.
Faschingsumzug 1997:
Bilder aus dem Jahr 1997:
(VOL.AT)