Gemeinsam Leben verbessern

Sabine Klotz ist Obfrau des Vereins Chay Ya Austria und setzt sich für ein besseres Leben der nepalesischen Bevölkerung ein. Im Mittelpunkt stehen vor allem Projekte, um Mädchen und Frauen zu stärken. Ihren Ausgleich findet die Bizauerin in der Natur und im Winter beim Snowboarden.

Nepal hat eine vielseitige Naturlandschaft und beeindruckt mit den vier Großregionen um das Himalaja-Gebirge. Das war auch der Grund, warum sich Sabine Klotz in das Land verliebte, als sie vor rund 15 Jahren das erste Mal dorthin reiste. Gleichzeitig ist es eines der ärmsten Länder der Welt, mit Menschen, vor allem Frauen, die auf sich alleine gestellt sind. Deshalb entschloss sich die heute 38-Jährige, damals den Verein Chay Ya Austria zu gründen. „Chay Ya“ ist tibetisch und bedeutet „Packen wir es an!“ Inspiriert von den nepalesischen Eindrücken studierte die Bizauerin Internationale Entwicklung in Wien und setzt sich seither mit dem Verein, ihrer ganzen Familie und zahlreichen Freiwilligen für eine gerechtere Welt ein. Medizinische Versorgung, Bildung, Ernährungssicherheit und Chancengleichheit für Frauen und Mädchen in Nepal stehen dabei im Fokus. „Alle Projekte werden immer mit unserer nepalesischen Schwestern-NGO Chay Ya Nepal, den lokalen Staats- und Regierungsträgern und der Bevölkerung vor Ort durchgeführt“, erklärt Sabine Klotz.

Frauen und Mädchen stärken. Alle Projekte von Chay Ya Austria richten sich nach den internationalen Nachhaltigkeits-Prinzipien, immer mit dem Ziel, dass sie selbstständig im Zielland weitergeführt werden können. Die Bio-Modellfarm in Ghunsa, Solukhumbu ist eines dieser Vorzeigeprojekte, das in Zusammenarbeit mit der Organisation „Roots for Life“ entstanden ist. „Frauenbildung ist für uns ein ganz großes Thema, weil sie in dem traditionell patriarchalen System in Nepal einen niedrigeren sozialen Stellenwert als bei Männern hat. Deshalb haben viele Mädchen und Frauen auch keinen Zugang zu Bildung, Medizin, Nahrung oder Einkommen. Mit den Bio-Modellfarmen wirken wir dem entgegen“, erzählt Sabine Klotz, selbst Mutter einer vierjährigen Tochter. Die meist besser ausgebildeten Männer aus den Dörfern sind oft beruflich in den Nachbarländern tätig, während die Frauen und Kinder zu Hause bleiben. Deshalb geben die Mitglieder von Chay Ya den Frauen im Dorf Trainings zu nachhaltigem Gemüseanbau, das Wissen über Produktionsketten sowie den Verkauf von Produkten weiter und bringen ihnen das Verhandeln mit Politikern bei. „Ganz nebenbei lernen die Frauen lesen und schreiben, haben ein Bankkonto, gehen wählen und sind auf diesem Weg plötzlich diejenigen, die das Geld nach Hause bringen und wichtige Entscheidungen treffen – ganz unabhängig von ihren Männern.“

Frauengesundheit. Verhütung gebe es im ländlichen Nepal fast keine. Frauen arbeiten umgehend nach der Geburt wieder und haben die Kinder immer dabei. „In manchen tibetisch-stämmigen Bergdörfern leben die Menschen mit Polyandrie. Das bedeutet, dass Frauen mehrere Männer, meist Brüder, heiraten damit ihr Land nicht aufgeteilt wird. Die Kinder haben dementsprechend mindestens drei bis fünf Väter, die ihnen so aber auch Handwerk und Kenntnisse weitergeben“, berichtet Sabine Klotz. Ein weiteres wichtiges Frauen-Projekt ist die Wissensvermittlung in der Menstruationshygiene. Wie Sabine Klotz erklärt, gehen viele Frauen in Nepal nicht zur Schule, wenn sie die Menstruation haben. Das heißt, ein großer Teil der Mädchen verpassen jahrelang fünf Tage pro Monat den Schulunterricht. „Aus diesem Grund haben wir ihnen beigebracht, sogenannte Menstruation-Pads zu nähen. Die waschen sie aus, kochen sie im Wasser ab und hängen sie an die Wäscheleine zum Trocknen. Inzwischen sind daraus auch Näherinnen-Jobs entstanden, weil sie die Menstruation-Pads verkaufen.“

Rückhalt aus der Familie. Sabine Klotz ist selbst insgesamt fünf Monate pro Jahr in Nepal vor Ort. „Meine Tochter Tara war schon mit sechs Monaten ihr erstes Mal mit dabei. Als Obfrau mache ich die finanzielle Kontrolle und das Projektmonitoring“, sagt sie. Seit über 11 Jahren leitet sie den Verein selbst, hat dabei lange nichts verdient und landete fast im Burnout. Mittlerweile habe sie aber eine Mitarbeiterin, ein Einkommen und auch ihre Familie und ihr Lebensgefährte Hannes unterstützen sie. Wenn Tara ins Schulalter kommt, werde sie von Sabines Eltern, die beide pensionierte Lehrer:innen sind, zuhause unterrichtet und in Nepal die Internationale Schule besuchen. Auf die Frage, wie sie das alles unter einen Hut bekomme, gibt sie zu: „Ich schlafe extrem wenig und bin meistens echt erledigt. Es ist eine Herausforderung als alleinerziehende Mutter, aber zwischendurch nehme ich mir auch bewusst Zeit für mich allein heraus.“ Sie macht täglich Yoga für den mentalen Ausgleich, verbringt viel Zeit in der Natur, im Garten und ist im Winter begeisterte Freeriderin.

Weibliche Vorbilder. Über ihre Tochter erzählt Sabine Klotz: „Tara heißt Stern auf Nepali und ist mit ihrem vollen Namen Tara Ronja Rosalia nach einem meiner Vorbilder Rosa Luxemburg benannt. Sie spricht bereits etwas Englisch und Nepali, wobei ich ihr mit den ganzen Reisen und dem vielen Arbeiten sicher viel abverlange.“ Rosa Luxemburg war bekannt für ihr demokratisch-sozialistisches Denken und Handeln in Europa und wurde 1919 von Angehörigen der damaligen Preußischen Armee umgebracht. Ein zweites weibliches Vorbild für Sabine Klotz ist die indische Freiheitskämpferin Phoolan Devi. Sie war Menschenrechtlerin, wurde als Heldin der Armen gefeiert und wurde Parlamentsabgeordnete. 2001 kam sie bei einem Attentat ums Leben.

„Für Kinder und vor allem Mädchen ist es wichtig, Rollenbilder von starken Frauen in der Familie vorzuleben, sonst ändert sich in den Systemstrukturen nie etwas“, ist Sabine Klotz überzeugt. Für Vorarlberg wünsche sie sich deshalb mehr Möglichkeiten der Kinderbetreuung und Anreize für Frauen, früher wieder voll in den Beruf zurückzugehen. „Wenn Mütter nur in Teilzeit arbeiten können, fehlen ihnen später Versicherungszeiten, folglich haben sie eine niedrigere Pension.“ Es brauche strukturelle Änderungen im Bildungssystem und mehr Motivation der Mädchen, dass sie beruflich in jeder Sparte alles erreichen können, was sie wollen.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • ADMIN AT
  • Jetzt im Fokus 3
  • Gemeinsam Leben verbessern
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.