"Gott wird eines Tages richten": Bruder spricht über Tod von Ex-Austria Stürmer Dwamena
Der jüngere Bruder von Dwamena äußert sich nun zu seinem Tod und drückt seine Enttäuschung über die Witwe seines Bruders aus.
Unerfüllter Traum des kleinen Bruders
Samuel Dwamena, 20 Jahre alt, radelt auf einem zu kleinen Fahrrad über den Sandplatz neben dem Adjringrandor Astroturf, einem Fußballfeld im Nordosten der ghanaischen Hauptstadt Accra. Sein Lächeln ist freundlich, doch er hält sich zurück, während er grüßt. Er ist gekleidet in Turnschuhe, Jeans, eine Kappe und ein T-Shirt des FC Bayern München, einem seiner Lieblingsclubs, wobei er auch eine starke Vorliebe für Chelsea hat. Er träumte davon, seinen Bruder eines Tages im Trikot der Blues spielen zu sehen.
Tragisches Ende
Aber dieser Traum bleibt unerfüllt. Sein Bruder, Raphael Dwamena, im Alter von 28 Jahren verstorben, brach während eines Fußballmatches in Albanien im November zusammen und starb kurz darauf im Rettungswagen. Raphael war ein ehemaliger Stürmer von Austria Lustenau und achtmaliger Spieler der ghanaischen Nationalmannschaft, einst als Stern am Fußballhimmel gefeiert – sein Leben und seine Karriere nahmen jedoch ein tragisches Ende.
"Ich musste ihm beim Sterben zusehen"
Seit dem tragischen Ereignis im November sieht Samuel die Welt mit anderen Augen. "Ich musste am Handy meinem Bruder beim Sterben zusehen", teilt er mit, während er auf der Tribüne neben dem Platz ist, auf dem vor einem Monat die Gedenkfeier für Raphael Dwamena abgehalten wurde. Samuel bezieht sich auf Raphael als seinen Bruder, obwohl dieser streng genommen sein Halbbruder ist; beide teilten dieselbe Mutter, nicht jedoch den Vater. Für Samuel spielt diese Unterscheidung keine Rolle. Sein Schmerz ist gleich stark. "Du kannst dir das nicht vorstellen, du willst es auch nicht", sagt er. Dabei sinkt seine Stimme, bricht ab, und eine Träne rollt über seine Wange. Er verdeckt sein Gesicht mit den Händen und braucht einen Moment, um sich zu fangen.
Hoffnungsschimmer trotz Trauer
Samuel gibt zu, dass es ihm heute relativ gut geht, jedoch nur, soweit es die Umstände zulassen. Er sieht den Verlust als Teil eines göttlichen Plans, den er und seine Familie akzeptieren müssen. Samuel, der wie sein Bruder tief religiös ist, vertraut darauf, dass auch Gott für ihn einen Plan hat. Er träumt von einer erfolgreichen Karriere in Europa. Mit einem Lächeln erzählt er: "Es war mein grosser Traum, eines Tages mit Raphael zusammen auf dem Platz zu stehen und ihm eine Vorlage zu liefern."
Schwieriger Weg
Trotz seines Alters von 20 Jahren, was ihn älter macht als viele andere Nachwuchstalente im Land, ist Samuel entschlossen, den Sprung nach Europa zu wagen. "Ich habe mir schon überlegt, mein Alter zu ändern. Viele machen das." Die Abwesenheit von Geburtsurkunden und offiziellen Registrierungen in vielen afrikanischen Staaten – oder der Verlust solcher Daten – eröffnet Sportlern die Möglichkeit, ihr Alter zu ändern, um ihre Karrierechancen zu verbessern. Obwohl ihm bewusst ist, dass dies sowohl rechtlich untersagt als auch moralisch fragwürdig sein kann, rechtfertigt er diese Überlegung mit seinem Glauben: "Schau. Ich glaube an Gott, und Gott sagt, dass man immer ehrlich sein soll. Aber manchmal im Leben musst du deine Chance einfach ergreifen."
Brüderliche Unterstützung
Raphael war dieser Idee gegenüber, nach Aussage von Samuel, stets skeptisch und ermutigte seinen jüngeren Bruder stattdessen, seine Leistungen auf dem Spielfeld zu steigern. Er unterstützte ihn sogar finanziell bei der Anstellung eines Personal-Trainer. Derzeit steht Samuel ohne Verein da und hält sich durch privates Training fit. "Raphael wollte mich bei einem Drittligisten hier unterbringen. Doch daraus wurde nichts." Jetzt, wo Samuel noch bei seinen Eltern lebt und als Schneider tätig ist, hegt er die Hoffnung, dass es doch noch mit dem Fußball klappt – vielleicht ergibt sich sogar eine Chance durch einen der früheren Vereine Raphaels.
Die Brüder Dwamena lernten sich erst spät in ihrem Leben kennen. "Ein-, zweimal sind wir uns begegnet, bevor er dann nach Europa ging." Doch nachdem Raphael Europa verlassen hatte, entwickelte sich eine engere Bindung zwischen ihnen. "Immer wenn er in Ghana war, rief er mich an. Wir verbrachten oft Zeit zusammen, gingen essen oder redeten einfach nur", teilt Samuel mit.
Witwe meldet sich nicht mehr bei Familie
Raphael Dwamena kümmerte sich intensiv um seine Angehörigen in Westafrika, indem er regelmäßig Geld für Kleidung, Nahrung und andere Bedürfnisse nach Hause schickte. "Raphael wollte uns gar ein kleines Haus bauen lassen hier. Im Dezember wollte er mit den Plänen starten" Was mit dem Geld geschehen ist, das Raphael im Laufe seiner Karriere verdiente, ist Samuel unklar. Es scheint, dass es bei seiner Witwe verblieben ist, die auch in Ghana lebt, sich jedoch seit Raphaels Tod nicht mehr bei der Familie gemeldet hat. "Es macht mich nicht wütend, sondern traurig. Ich bin Christ, ich verspüre keinen Hass. Gott wird eines Tages richten. Sie weiß selbst, was sie getan hat."
(VOL.AT)