"Hatten keine Chance" – warum der hintere Teil des Busses in Kerzers zur Todesfalle wurde
In Kerzers im Kanton Freiburg hat sich am Dienstagabend ein Mann in einem Linienbus selbst angezündet. Mindestens sechs Menschen kamen ums Leben, fünf weitere wurden verletzt, darunter ein Rettungssanitäter. Unter den Todesopfern ist auch der 63-jährige Buslenker, wie die Postauto AG bestätigte.
Videos vom Brandverlauf zeigen, wie schnell sich das Feuer im Fahrzeug ausbreitete – und weshalb insbesondere die Passagiere im hinteren Teil offenbar keine Möglichkeit mehr hatten, rechtzeitig zu entkommen.
Feuer nahe der Tür ausgebrochen
Auf den Aufnahmen ist zunächst Rauch zu sehen, der aus dem Bus dringt. Weniger als eine Minute später schlagen bereits Flammen aus dem Fahrzeug. Kurz darauf steht der Linienbus in Vollbrand.
Die Bilder legen nahe, dass das Feuer im mittleren Bereich des Fahrzeugs – nahe der Tür – ausbrach. In diesem Busmodell befinden sich im hinteren Teil keine weiteren Türen. Wer hinter dem Brandherd saß, war vom direkten Fluchtweg abgeschnitten.
Der pensionierte Postautounternehmer Hans Hutter (70) aus Eggerberg VS erklärte gegenüber "Blick": "Die Passagiere im hinteren Teil des Busses hatten überhaupt keine Chance. Nicht, wenn das Fahrzeug in der Mitte zu brennen beginnt! Sie sassen in einer Todesfalle."
Weiter führte er aus: "Das Fahrzeug füllt sich rasend schnell mit Rauch und Flammen. In einer solchen Situation richtig zu reagieren, den Hammer zu finden, zu greifen und dann eine Scheibe einzuschlagen, ist fast unmöglich." Und: "Wer solche Situationen nicht trainiert hat, ist schlicht überfordert."
Extrem hohe Temperaturen in Sekunden
Siegfried Brockmann (67), Unfallforscher bei der Björn Steiger Stiftung in Deutschland, erläuterte gegenüber "Blick", weshalb sich das Feuer so rasch ausbreitete: "Weil das Feuer mit Benzin beschleunigt wurde, sind ganz schnell sehr hohe Temperaturen entstanden. Dadurch haben sich auch die Materialien im Bus in Sekunden entflammt. Bei einem normalen Feuer wäre dies nicht annähernd so schnell möglich."
Er führte weiter aus: "So sind in sehr kurzer Zeit, vielleicht 30 Sekunden, Temperaturen von weit über 1000 Grad und giftige Rauchgase im ganzen Bus entstanden." Und: "In diesen Temperaturen kann kein Mensch 30 Sekunden überleben. Jeder Atemzug zerstört die Lungenbläschen."
Laut Brockmann hatten die Passagiere im unmittelbaren Bereich des Brandherds keine Chance. Die, die im vorderen Teil des Linienbusses saßen, hätten rund 90 Sekunden mehr Zeit gehabt, um durch die vordere Tür ins Freie zu gelangen. "Das war der direkte und schnellste Weg nach draußen", sagte er.
Eine Flucht über Dachluken oder eingeschlagene Seitenscheiben hält er für unrealistisch: "Das wäre in diesem Fall zeitlich nicht möglich gewesen. Zudem hätte man für den Weg über die Seitenscheiben sehr geistesgegenwärtig zuerst den Nothammer finden müssen, dann die Scheiben rausschlagen und dann akrobatisch über diese Scheiben hinausklettern müssen."
Ermittlungen zur Tat
Nach aktuellem Ermittlungsstand soll sich ein 65-jähriger Schweizer mit Wohnsitz im Kanton Bern im Bus selbst in Brand gesetzt und so das Feuer ausgelöst haben. Der mutmaßliche Täter gehört zu den Todesopfern. Die Polizei geht von einer vorsätzlichen Tat aus, jedoch nicht von einem terroristischen Hintergrund.
(VOL.AT)