Sucht kennt keine Grenzen
„Sucht zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt Dr. Simone Bratl nüchtern. Seit 1. Dezember steht sie an der Spitze der Stiftung Maria Ebene – Vorarlbergs wichtigstem Kompetenzzentrum für Suchterkrankungen. Im Gespräch mit LÄNDLE TV zeichnet die erfahrene Psychiaterin ein klares Bild: Ob Alkoholismus, Kokain, Glücksspiel, Internetsucht oder der zunehmend alarmierende Konsum von Fentanyl – das Thema Sucht ist im Ländle längst Realität.
Ein Blick in die Abwasserdaten zeigt den steigenden Konsum harter Drogen. „Gerade Kokain ist stark im Vormarsch“, sagt Bratl. Fentanyl, das in den USA bereits für dramatische Szenen sorgt, sei auch in Vorarlberg angekommen. Und dennoch: Die häufigste Abhängigkeit bleibt laut Bratl der Alkohol.
Wer ist betroffen?
Die Zielgruppe ist weit gefächert. „Am häufigsten sehen wir Menschen zwischen 30 und 50 Jahren“, erklärt Bratl. Doch auch Jugendliche und ältere Menschen suchen zunehmend Hilfe. Einige haben bereits mehrere Entzüge hinter sich. Viele möchten mit einem kurzen stationären Aufenthalt von drei Wochen wieder zurück ins normale Leben.
Die entscheidende Grenze zur Abhängigkeit? „Wenn der Konsum nicht mehr kontrollierbar ist“, sagt Bratl. Warnzeichen gibt es viele: Zittern, Schweißausbrüche, innere Unruhe – oder das permanente Kreisen der Gedanken um den nächsten Konsum. Auch Angehörige sollten wachsam sein, wenn jemand regelmäßig betrunken erscheint, stürzt oder sich merklich verändert.
Therapie: Hilfe zur Selbsthilfe
Die Stiftung Maria Ebene bietet ein breites Netzwerk an Einrichtungen: das Suchtkrankenhaus selbst, die Therapiestation Carina, die Beratungsstellen „Clean“ sowie das Präventionszentrum SUPRO. Der Zugang sei bewusst niederschwellig gestaltet. Doch eines ist zentral: „Die Patienten müssen selbst den Wunsch haben, etwas zu verändern“, betont Bratl. Wer nur auf Druck von außen komme – etwa im Rahmen einer „Therapie statt Strafe“ – habe ein höheres Risiko, frühzeitig abzubrechen.
Typisch für viele Suchtverläufe ist der Konsum mehrerer Substanzen: „Alkohol in Kombination mit Benzodiazepinen kommt häufig vor“, so Bratl. Entscheidend sei, die Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu stärken – also das Gefühl, selbst etwas verändern zu können.
Die Rolle der Umgebung
Ein weiterer Therapiebaustein ist das soziale Umfeld. Viele Abhängige sind sozial isoliert, kämpfen mit Scham oder sogar Angststörungen. „Manche trauen sich kaum mehr einkaufen zu gehen“, berichtet Bratl. Deshalb werden Angehörige aktiv eingebunden, Patienten zu mehr sozialer Teilhabe motiviert – etwa durch Vereinsleben oder familiäre Integration.
Bratl will neue Konzepte bringen – und Ruhe
Mit ihrer Bestellung zur Chefärztin soll nach turbulenten Monaten wieder Stabilität einkehren. „Ich will Ruhe reinbringen, zuhören, präsent sein“, sagt Bratl. Sie wolle transparent und wertschätzend mit ihrem Team arbeiten. Auch neue inhaltliche Konzepte sind in Arbeit – welche genau, lässt sie noch offen.
Ein konkretes Ziel ist ihr aber besonders wichtig: die Errichtung einer Tagesklinik. „Der Übergang von der stationären Therapie zurück ins Leben ist oft schwierig“, so Bratl. Eine Tagesklinik soll diesen Weg begleiten – mit Struktur, Gruppenarbeit und therapeutischer Unterstützung. Ein Modell, das Bratl aus der Schweiz kennt und für Vorarlberg etablieren will.
Umgang mit Kritik
In den vergangenen Monaten hatte es intern Kritik gegeben – etwa an angeblich übermäßiger Medikation von Patienten. Bratl weist diese Vorwürfe zurück: „Wir machen eine moderne, evidenzbasierte Entzugsbehandlung.“ Dazu gehöre – je nach Bedarf – auch medikamentöse Unterstützung, etwa mit Benzodiazepinen. „Wir sedieren niemanden, wir lindern Symptome“, stellt sie klar.
Offene Fragen bei der Spitalsreform
Wie sich die anstehende Krankenhausreform auf die Stiftung Maria Ebene auswirken wird, ist derzeit noch unklar. „Es gibt viele offene Fragen“, sagt Bratl. Klar ist nur: Sie will, dass die Einrichtung auch künftig als Sucht-Kompetenzzentrum anerkannt und finanziell abgesichert bleibt.
Warum Suchtmedizin?
Auf die Frage, warum sie sich für diesen Bereich entschieden hat, antwortet Bratl nachdenklich, aber bestimmt: „Es ist faszinierend, mit Suchtpatienten zu arbeiten – und es ist unglaublich schön zu sehen, wenn die Therapie wirkt, wenn Menschen wieder ihr Leben zurückgewinnen.“
Faktenblock: Stiftung Maria Ebene
- Standorte: Suchtkrankenhaus Maria Ebene, Carina Therapiestation, Clean Beratungsstellen, SUPRO Prävention
- Zielgruppe: Menschen mit Suchtproblemen aller Altersgruppen
- Behandlung: Kurz- und Langzeittherapien, inklusive medizinischer Entzugsbehandlung
- Zugang: Niederschwellig – Kontaktaufnahme auch ohne Überweisung möglich
- Leitung: Dr. Simone Bratl seit 1. Dezember 2025
Quelle: LÄNDLE TV