Schon als Baby hatte Veronika* das Gefühl, dass ihre Tochter anders ist: sehr wach, kaum Schlaf, sprachlich weit voraus. "Aber man denkt sich als Elternteil ja immer, vielleicht geht es allen so", sagt sie heute. Erst Jahre später wurde klar: Ihre Tochter ist hochbegabt.
*Name von der Redaktion geändert
"Sie ist heimgekommen und hat jeden Tag geweint"
Mit dem Schuleintritt wurde die Situation schwierig. Die erste Klasse beschreibt Veronika als extrem belastend. "Sie ist heimgekommen und lag jeden Tag unter dem Tisch und hat geweint." Nicht aus Überforderung, sondern aus Langeweile. Viel Wiederholung, langsames Tempo, Aufgaben ohne Sinn. "Sie musste sich ständig bremsen."
Schon davor war klar, dass das Kind anders lernt. Klassische Erziehungstipps hätten nicht funktioniert. "Alles musste für sie Sinn ergeben." Die Tochter sei früh sehr selbstständig gewesen, extrem stur. Zwischenzeitlich dachte Veronika sogar an ADHS. Der Wendepunkt kam durch ein Interview über Hochbegabung. Ein anschließender Intelligenztest brachte Gewissheit: IQ 133. Die Tochter war damals sechs Jahre alt. "Es war eine Erleichterung. Endlich konnte ich ihr Verhalten einordnen."
Förderung auf dem Papier
Nach der Diagnose gab es Gespräche mit einer Begabtenkoordinatorin des Landes. Empfehlungen wurden ausgesprochen, Materialien für die Schule bereitgestellt. Zeitweise wurde das Mädchen auch außerhalb der Klasse gefördert. Im Unterricht selbst sei davon jedoch wenig angekommen. "Es gab keine Differenzierung, keine zusätzlichen Herausforderungen."
Eine Klasse zu überspringen, wollte das Kind nicht – sie wollte ihre beste Freundin nicht zurücklassen. Was Veronika besonders beschäftigt: "Ein Kind mit Lernschwierigkeiten bekommt Unterstützung – völlig zu Recht. Aber ein hochbegabtes Kind soll sich einfach nach unten anpassen."
"Hochbegabung ist kein Elite-Thema"
Solche Erfahrungen hört Niki Wagner häufig. Er ist Vorsitzender von Mensa Vorarlberg und mit einem IQ von 135 selbst hochbegabt. Solche Erfahrungen hört Niki Wagner häufig. Er ist Vorsitzender von Mensa Vorarlberg und mit einem IQ von 135 selbst hochbegabt. Mensa ist ein internationaler Verein für Menschen mit einem IQ in den obersten zwei Prozent der Bevölkerung. In Vorarlberg zählt der Verein rund 50 Mitglieder.
Mensa kurz erklärt
Mensa ist ein internationaler Verein für hochintelligente Menschen. Voraussetzung für die Aufnahme ist ein IQ von mindestens 130 – das entspricht den obersten 2 Prozent der Bevölkerung. Ziel ist der Austausch unter Mitgliedern sowie die Förderung von Intelligenz.
Ein IQ-Test prüft unter anderem logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen und das Erkennen von Mustern. Je nach Testverfahren können die Ergebnisse variieren – als gängiger Richtwert gilt der Wert 130.
"Hochbegabte denken schneller, brauchen weniger Wiederholung, springen zwischen Themen", sagt Wagner. Das Schulsystem stoße damit oft an Grenzen. Schule müsse grundsätzlich alle mitnehmen. "Aber es braucht Ergänzungsprogramme."
Zwei Ansätze seien bekannt: Beschleunigung, etwa durch Klassen überspringen, und Enrichment – also vertiefende Zusatzangebote. "Gerade beim Enrichment fehlt es häufig an Umsetzung."
Geboren: 25. November 1980
Wohnort: Feldkirch
Laufbahn: BORG Feldkirch, Studium der Informatik an der FH Vorarlberg, Softwareentwickler
Hobbys: Lesen, Computerspielen, Golf, Astrofotografie
"Ich war immer sehr wissbegierig und konnte schon bei Schuleintritt schreiben."
Was das Land Vorarlberg anbietet
Die Bildungsdirektion verweist auf bestehende Möglichkeiten. Das Überspringen von Schulstufen ist gesetzlich vorgesehen, ebenso der Besuch einzelner Fächer in höheren Klassen. An manchen Schulen wird die sogenannte digitale Drehtür angeboten, ein Online-Programm mit Zusatzkursen für begabte Schülerinnen und Schüler.
Gleichzeitig räumt das Land ein, dass es Herausforderungen gibt: Nicht alle Schulen seien gleich gut aufgestellt, es brauche mehr geschulte Lehrpersonen und eine frühere Erkennung von Begabungen.
"Man traut sich kaum, darüber zu reden"
Für Veronika bleibt Hochbegabung ein Tabuthema. "Man traut sich kaum, im Bekanntenkreis darüber zu reden." Hochbegabung werde oft mit Hochleistung verwechselt. "Meine Tochter hat ganz normale Noten." Hochbegabt heiße nicht, dass alles leicht sei. "Das Gehirn funktioniert einfach anders."
Ihr Wunsch ist schlicht: mehr Verständnis, mehr Flexibilität, weniger Bremsen. Oder, wie sie sagt: "Ob ein Kind gesehen wird, ist gefühlt noch immer Glückssache."
(VOL.AT)