"Ich habe nicht Nein sagen können": Schrunserin zeigt mit Ü80, was Ehrenamt bedeutet
Charlotte Grissemann ist über 80 Jahre alt, doch aktiver als viele 20-Jährige. Beim Weltladen in Schruns ist sie das älteste Mitglied des Trägervereins und gleichzeitig eine unverzichtbare Stütze. In ihrem WhatsApp-Status teilt sie regelmäßig die neuen Waren des Ladens. Mit Menschen in ihrem Alter umgibt sie sich wenig, weil sie – anders als Grissemann – "fast nur über Knieprobleme und ihre Enkel sprechen".
Der Weltladen Schruns war noch ganz klein, als Grissemann dort angefangen hat. Ein winziges Geschäft in der Bahnhofstraße, dort, wo heute ein Friseur ist. Grissemann war damals nach Jahren in Innsbruck und Mittersill bei Zell am See nach Schruns zurückgekehrt.
Obfrau auf die sanfte Art
"Ich habe mich langsam eingearbeitet", erzählt sie. Zuerst war sie im Verkauf. Später fuhr sie mit Karin Sander, der Geschäftsführerin, zu regionalen Treffen nach Dornbirn und zu nationalen Treffen nach Salzburg. Dort stellten sich Produzentinnen und Produzenten vor, es gab Workshops, Hintergründe und Geschichten zu den Waren. Seit rund 20 Jahren engagiert sie sich inzwischen ehrenamtlich für den Weltladen. Seit etwa einem halben Jahr ist sie Obfrau des Schrunser Trägervereins.
Gewählt wurde Charlotte Grissemann zur Obfrau, weil die anderen ihr die Aufgabe zutrauten. Und weil sich sonst niemand fand. "Ich habe nicht Nein sagen können", sagt Grissemann. Dabei mag sie die organisatorischen und administrativen Aufgaben gar nicht wirklich. Sie erfüllt ihre Arbeit daher eher "auf die sanfte Art".
Ehrenamt braucht Menschen
Sanft heißt bei Charlotte Grissemann aber, dass sie trotzdem für alle und alles erreichbar ist. Sie führt neue Mitarbeiterinnen ein, gibt Tipps und stellt sich bei Bedarf wieder an die Kassa. Rund 25 Menschen engagieren sich ehrenamtlich im Weltladen, darunter nur ein Mann. Manche übernehmen einmal pro Woche einen Dienst für einen halben Tag, andere öfter. Die Geschäftsführerin ist teilzeitbeschäftigt, der Rest schenkt seine Zeit.
Gerade neue Ehrenamtliche zu finden, sei nicht leicht. Junge Menschen hätten oft Kinder, Arbeit und müssten Geld verdienen. Ältere seien entweder gerade erst in Pension gegangen und wollten ihre Freiheit genießen oder seien später nicht mehr in der Lage, sich regelmäßig einzubringen.
An ihrem Lachen erkannt
Früher musste sie neben ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten auch Geld verdienen. 20 Jahre lang arbeitete Grissemann in Apotheken, später in der Kanzlei ihres Mannes, dann noch im Krankenhaus. Sie hatte immer mit Menschen zu tun. Freundlichkeit gehörte zum Beruf. Als sie vor Jahren im Weltladen hinter der Kassa stand, wurde Grissemann von einer älteren Dame wiedererkannt. "Waren Sie nicht früher in der Apotheke?", fragte diese. Die Frau habe sie an ihrem Lachen erkannt.
Seit 2011 ist Grissemann zusätzlich beim Treff.Theater in Schruns aktiv. Für ein Stück wurde eine ältere Frau gesucht, niemand wollte diese spielen. Grissemann beschloss: "Dann mache ich eben die Alte." Ein anderes Mal spielte sie eine asiatische Wirtin und ließ sich im Schrunser Restaurant ‚Litschigarten‘ chinesische Sätze aufschreiben, "damit es richtig klingt". Wenn sie nicht mitspielt, hilft sie hinter der Bühne, beim Flyerverteilen und bei den Auftritten beim Einlass.
"Carpe diem"
Grissemanns Lebensmotto lautet: "Leben und leben lassen". Seit sie älter ist, sei noch eines dazugekommen: "Carpe diem" – nutze den Tag. Angst vor dem Tod habe sie nicht, aber sie wolle so lange wie möglich weitermachen. Und wenn sie gebraucht wird, weiterhin "Ja" sagen können.
(VOL.AT/Franziska Eckert)