Es war der 19. Dezember 2025, als sich im Zielraum von Gröden ein Bild bot, das man bei Kästle lange nicht gesehen hatte. Grünes Licht, Rang eins, ein Name, den kaum jemand auf der Rechnung hatte. Der 27-jährige Jan Zabystřan gewann den Super-G mit Startnummer 29. Für den Tschechen war es der erste Weltcupsieg, für Kästle der erste bei den Herren seit dem Wiedereinstieg in den alpinen Rennsport.
Challenger mit Tradition
"Wir sehen uns schon als Challenger Brand", sagt Julian Halder, Marketing-Verantwortlicher bei Kästle. Eine Marke mit großer Geschichte, gegründet 1924 in Hohenems, aber ohne den finanziellen Überbau der Branchenriesen. "Wir sind 2007 als Nischenunternehmen wieder gestartet. Seit 2018 haben wir mit ConsilSport einen neuen Eigentümer und mit der Produktion in Tschechien ganz andere Möglichkeiten." Rund 200.000 Paar Ski könnten dort jährlich produziert werden. "International müssen wir uns definitiv nicht verstecken."
Der Anspruch geht dennoch über Stückzahlen hinaus. "Unser Ziel ist klar: Wir wollen dorthin zurück, wo wir in den 1970er- und 1980er-Jahren schon einmal waren", so Halder. Damals prägten Namen wie Toni Sailer oder Pirmin Zurbriggen die Marke, Olympiasiege inklusive.
Damen-Speed als Basis
Der sportliche Neuaufbau begann bewusst im Damenbereich. "Der Damen-Speed ist unsere Speerspitze", sagt Maria Hössl, bei Kästle für den Bereich Racing verantwortlich. Mit Ilka Štuhec, Ester Ledecká und Jasmine Flury setzte man auf Erfahrung statt Risiko. "Das sind routinierte Athletinnen, die kurz nach dem Materialwechsel bereits Weltcupsiege feiern konnten."
Štuhecs Sieg 2023 bei der Weltcup-Abfahrt auf der Olympiastrecke in Cortina d’Ampezzo, dazu WM-Bronze in der Abfahrt von Saalbach im vergangenen Jahr durch Ledecká – Erfolge, die Vertrauen schufen. "Diese Kontinuität war extrem wichtig, sportlich wie strategisch", so Hössl.
Bewusst klein bleiben
Aktuell betreut Kästle rund 30 bis 40 Athletinnen und Athleten, von Ski alpin bis Skicross. Eine Zahl, die bewusst nicht größer wird. "Unser Vorteil als kleinere Marke ist die individuelle Betreuung", erklärt Hössl. "Wir können viel genauer auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehen."
Ein Beispiel ist die Schweizerin Janine Schmitt. Die Europacup-Gesamtsiegerin der Saison 2023/24 wechselte trotz Erfolgen auf Stöckli zu Kästle. "Sie hatte das Gefühl, bei uns besser aufgehoben zu sein und mehr Gehör zu finden", so Hössl. Genau darin sieht man einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Geduld im Herrenbereich
Dass die Erfolge bei den Herren länger auf sich warten ließen, war einkalkuliert. "Das Battle um Athleten ist extrem hart", sagt Hössl. Zudem sei Zabystřan "noch ein Rookie im Business" gewesen. "Er ist ein unglaubliches Talent, ein Rohdiamant." Die Nähe zu Tschechien durch Eigentümer, Produktion und Infrastruktur spielte bei seinem Erfolg ebenso eine Rolle wie zusätzliche Trainingsmöglichkeiten im Umfeld des deutschen Teams. "Der Sieg von Jan nutzt uns extrem viel", betont Halder. "Er zeigt, dass wir es auch im Herren-Speed-Bereich geschafft haben, Fuß zu fassen."
Olympia als nächste Etappe
Der Blick richtet sich bereits auf die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina. "Wir wissen, dass wir in den Speed-Bewerben immer um ein Podium mitfahren können", sagt Halder. Der Rennsport bleibt dabei Kern der Marke. "Er ist tief in unserer DNA verankert."
Der Sieg von Gröden war kein Zufall und kein Endpunkt, sondern ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg einer Marke, die nicht größer werden will als nötig, aber wieder dort ankommen möchte, wo Kästle einst war: ganz vorne.
(VOL.AT)