Das Camp zeigt, wofür Jónsson steht – und warum seine nächste Station kompliziert wird.
Hard Die Halle in Hard ist erfüllt von Stimmen. Mal wird auf Isländisch gelacht, dann wieder auf Englisch diskutiert oder im Vorarlberger Dialekt angefeuert. Auf dem Spielfeld spielen Herkunft und Sprache plötzlich keine Rolle mehr. Aus Fremden werden Teamkollegen. Genau das wollte Hannes Jón Jónsson erreichen.
Der ehemalige Trainer des ALPLA HC Hard hat erstmals ein internationales Jugendcamp nach Vorarlberg geholt. 46 Nachwuchsspieler aus Island trainierten eine Woche lang gemeinsam mit zehn Jugendlichen des HC Hard. Handball war dabei zwar der gemeinsame Nenner – das eigentliche Ziel ging jedoch weit darüber hinaus.
Mehr als nur Sport
Die Idee stammt aus der isländischen "Handballschule der Zukunft". Gemeinsam mit deren Initiatoren brachte Jón Jónsson das Konzept nach Hard. Auf dem Programm standen Techniktraining, Mannschaftseinheiten, Vorträge über Ernährung und Karriereplanung sowie gemeinsame Freizeitaktivitäten.
Von Beginn an gab es jedoch eine klare Vorgabe: Niemand sollte nur unter Landsleuten bleiben.
Schon nach zwei Tagen hätten sich die Gruppen völlig vermischt. Beim Essen, am See oder in der Sporthalle entstanden Freundschaften ganz selbstverständlich. Englisch wurde zur gemeinsamen Sprache.
"Ich glaube, damit wachsen alle", sagt der 46-Jährige. Die österreichischen Jugendlichen hätten erlebt, wie einfach der Austausch mit einer anderen Kultur sein könne. Gleichzeitig hätten die Isländer Vorarlberg nicht nur als Reiseziel, sondern als zweite sportliche Heimat kennengelernt.
Nachwuchs als Herzensangelegenheit
Dass Jón Jónsson so viel Zeit in ein Jugendcamp investiert, überrascht nicht. Schon während seiner Zeit in Hard war ihm die Nachwuchsarbeit ein besonderes Anliegen. Der Isländer wollte die Distanz zwischen Bundesligaspielern und Jugend verkleinern. Für ihn beginnt erfolgreiche Vereinsarbeit nicht erst in der ersten Mannschaft, sondern viele Jahre früher.
Diese Philosophie prägte auch das Camp. Es ging nicht darum, Talente zu vergleichen oder Ergebnisse zu erzielen. Viel wichtiger war es, Begegnungen zu schaffen und den Jugendlichen Erfahrungen mitzugeben, die über den Sport hinausreichen.
Ein Sommer ohne Spielplan
Während das Camp endet, beginnt für Jón Jónsson selbst ein neuer Lebensabschnitt. Nach fünf Jahren beim HC Hard ist der Isländer erstmals seit mehr als 22 Jahren ohne Job im Handballbereich.
Zunächst genießt er einen längeren Urlaub mit seiner Familie in Island. Danach stehen Fortbildungen und die Verlängerung seiner Mastercoach-Lizenz auf dem Programm. Trainer bleiben möchte er aber auf jeden Fall.
Anfragen aus Norwegen, Dänemark, Island und der Schweiz gibt es bereits. Trotzdem will er nichts überstürzen.
"Ich möchte nicht einfach irgendeinen Job annehmen", sagt Jón Jónsson. Verständlich, denn: Seine Frau arbeitet in Vorarlberg, seine drei Kinder spielen weiterhin beim HC Hard. Deshalb soll die nächste Station auch zum Familienleben passen.
Wohin ihn sein Weg führen wird, weiß heute niemand. Das Jugendcamp in Hard hat aber gezeigt, wofür Hannes Jón Jónsson als Trainer steht: nicht nur Mannschaften besser zu machen, sondern Menschen zusammenzubringen. Genau das ist ihm in dieser Woche gelungen.
(VOL.AT)