Erzählungen von Unternehmen über unverhältnismäßiges Vorgehen des Arbeitsinspektorates bekommt die Wirtschaftspresseagentur.com seit Jahren immer wieder zu hören. Allerdings trauen sich die wenigsten Führungskräfte, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.
Bludenzer Unternehmer wirft Arbeitsinspektoren aus dem Betrieb
Diese Angst gilt nicht für den Bludenzer Unternehmer Christian Leidinger (Jg. 1979), den geschäftsführenden Gesellschafter des Zirbenbettherstellers "Die Koje". So ist bei ihm Mitte September 2025 die Atmosphäre bei einem Kontrollbesuch des Arbeitsinspektorates in Bludenz derart aus dem Ruder gelaufen, dass Leidinger die beiden Inspektoren kurzerhand aus dem Unternehmen geworfen hat. Begleitet wurde der Hinauswurf von einer landläufig bekannten Beschimpfung. Im Anschluss erhielt Leidinger eine Strafanzeige und musste mehr als 2.000 Euro Strafe zahlen. Die Unterlagen liegen der wpa vor.
Leere Kaffeetasse in einer Werkstatt
Wie Leidinger im wpa-Gespräch erklärte, sei die unangekündigte Kontrolle während einer für das 15-Mitarbeiter-Unternehmen "überlebenswichtigen" Sitzung erfolgt. "Es ging um das Angebot für einen millionenschweren Großauftrag für ein Hotelprojekt, das in wenigen Stunden abgegeben werden musste." In dieser für das Familienunternehmen in dritter Generation "eh schon angespannten Stimmungslage" hätten die Arbeitsinspektoren mit ihm unter anderem über eine auf einem Schleiftisch in der Produktion abgestellte, leere Kaffeetasse diskutiert, die dort aufgrund der möglichen Staubbelastung nicht stehen dürfe.
Fluchtwegkonzept hinterfragt
Eskaliert sei die Situation, als die Arbeitsinspektoren das Fluchtwegkonzept in Frage gestellt hätten. "Dieses Konzept hat ein Ingenieurbüro entwickelt und es wurde vom Bauamt Bludenz und von der BH Bludenz auf Basis der Rechtslage akzeptiert. Dann kommt das Arbeitsinspektorat und hinterfragt das. Das ist doch nicht mehr zu glauben", so Leidinger.
Gut sieben Monate später habe eine neuerliche Überprüfung stattgefunden, so Leidinger. "Dieses Mal umfasste die Mängelliste nicht mehr vier, sondern zehn Punkte. Man sucht jetzt das Haar in der Suppe." Die neueste Vorgabe: In der Produktion dürfe man aufgrund der Staubentwicklung keine Besen mehr verwenden, sondern müsse spezielle Staubsauger einsetzen. Dazu muss man wissen, dass in der Produktion ohnehin bereits große Absaugvorrichtungen installiert sind.
Leidinger: "Mehr Verhältnismäßigkeit und Hausverstand"
Dem Unternehmer ist klar, dass das Arbeitsinspektorat auf Basis geltender Gesetze tätig ist, die in weiten Bereichen für Schutz und Sicherheit am Arbeitsplatz unerlässlich sind. "Aber es kann nicht sein, dass man wegen einer Kaffeetasse eines Mitarbeiters in der Produktion herumdiskutieren muss." Er würde sich mehr Verhältnismäßigkeit und Hausverstand erwarten und keinen Dienst nach Vorschrift. "Man hat das Gefühl, dass man als Unternehmer diesen Institionen völlig ausgeliefert ist."
Arbeitsinspektorat bestätigt Vorkommnisse
Sandra Hirmann, die Leiterin des Arbeitsinspektorates Vorarlberg, bestätigte auf wpa-Anfrage den Sachverhalt rund um die Überprüfungen bei "Die Koje". Sie hielt gleich zu Beginn fest, dass das Arbeitsinspektorat nur auf Basis geltender Gesetze agiere. "Wir erfinden keine eigenen Regeln."
Dass die Kritik an der Kaffeetasse für Außenstehende als "überzogen und unverhältnismäßig" erscheint, kann Hirmann nachvollziehen. Allerdings stehe der Staub von Weichhölzern nach EU-Einschätzung unter Verdacht, krebserregend zu sein. "Deshalb darf in der Produktion nichts konsumiert werden."
In Bezug auf das Hinterfragen des Fluchtwegkonzeptes sagte Hirmann, dass Unternehmen mitunter nach gültigen Bescheiden über die Jahre diverse Umbauten vornehmen, ohne sich Gedanken zu machen, ob das dem Bescheid entspreche. Ob das auch für "Die Koje" gelte, konnte sie im Rahmen des Telefonates auf die Schnelle nicht sagen. "Ich war bei dieser Kontrolle nicht vor Ort."
"Wir sind keine Monsterbehörde"
Hirmann betonte, dass eine derartige Eskalation bei einer Kontrolle samt Rauswurf der Prüfer die absolute Ausnahme sei. "Wir kamen bei dieser Kontrolle offenbar wirklich in einem sehr ungünstigen Moment." Es tue ihr leid, sollte dieser Fall jetzt in der Öffentlichkeit als alltäglich dargestellt werden. "Wir sind keine Monsterbehörde, sondern suchen immer das beratende Gespräch und nehmen wenn möglich Rücksicht auf das Unternehmen."
Hirmann vedeutlicht es anhand dieser Zahlen: So habe das Arbeitsinspektorat Vorarlberg 2025 mit 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Außendienst rund 2.800 Kontrollen und 2.000 Beratungen durchgeführt. Dabei sei es zu gerade einmal 56 Strafanzeigen gekommen. "Das ist etwa ein Prozent der Fälle."
wpa/gübi