"Lohnniveau macht Produktion in Rankweil unwirtschaftlich"
Die europäische Autoindustrie steckt tief in der Krise. Viele Hersteller streichen Stellen, Werke werden geschlossen, Zulieferer kämpfen mit sinkenden Stückzahlen. Hirschmann Automotive aus Rankweil gehört zu jenen Unternehmen, die trotzdem stabil bleiben. Allerdings nicht ohne Konsequenzen.
Factbox: Hirschmann Automotive
- Tätigkeitsfelder: Automobilzulieferer (mechatronische Komponenten, Steckverbinder, Leitungssätze, Hochvolt-Produkte)
- Sitz: Rankweil-Brederis, Vorarlberg
- Geschäftsführung: Angelo Holzknecht, Stefan Tschol
- Mitarbeitende: 6.456
- Standorte: Österreich, Deutschland, Tschechien, Rumänien, Marokko, China, Mexiko, USA
Erneuter Umsatzrückgang
„Wir mussten das zweite Jahr in Folge Umsatzrückgänge hinnehmen“, erklärt die Geschäftsleitung. Hauptursache seien die Absatzprobleme zweier großer Kunden sowie die anhaltende Schwäche des europäischen Automarkts. Der Umsatz des Automobilzulieferers erreichte 2023 mit 617 Mio. Euro einen Rekordwert. Danach folgte der Rückschlag: 2024 sank der Umsatz auf 589 Mio. Euro, 2025 ging er laut Unternehmensangaben erneut leicht auf 572 Mio. Euro zurück. Trotzdem gelang es, das operative Ergebnis zuletzt wieder leicht zu verbessern. Der Jahresüberschuss stieg von 9,6 Mio. Euro im Jahr 2024 auf rund 14 Mio. Euro im Jahr 2025.
Wachstum verlagert sich ins Ausland
Während Europa schwächelt, verlagert sich das Wachstum zunehmend ins Ausland. Hirschmann Automotive baut seine Präsenz in China weiter aus und hat zuletzt ein neues Werk in Marokko errichtet. Dort werden Bauteile produziert, die laut Unternehmen in Europa nicht mehr kostendeckend hergestellt werden könnten.
Gleichzeitig soll das größte Einzelprojekt der Firmengeschichte – das BMW-Programm „Gen6“ – in den kommenden Jahren für zusätzliches Wachstum sorgen. Produkte für die Elektromobilität machen bereits rund 30 Prozent des Umsatzes aus.
Stellenabbau in Rankweil
Die Kehrseite dieser Entwicklung ist am Stammsitz in Rankweil sichtbar. Aufgrund des hohen Kostendrucks wurden in den vergangenen zwei Jahren sowohl in der Produktion als auch in anderen Bereichen Stellen abgebaut. Das entsprechende Sparprogramm wurde 2025 abgeschlossen. Gleichzeitig betont das Unternehmen, weiterhin klar zum Standort Vorarlberg zu stehen und die technischen Kompetenzen in Rankweil halten zu wollen.
„Das aktuelle Lohnniveau macht die Produktion für die Mehrheit unserer Produkte in Rankweil schlichtweg unwirtschaftlich. Diese Produkte kommen auch in den nächsten Jahren nicht bzw. nicht wieder zurück.“
Geschäftsleitung, Hirschmann Automotive
Robuste finanzielle Basis
Finanziell bleibt Hirschmann Automotive solide aufgestellt. Das Eigenkapital liegt inzwischen bei mehr als 380 Mio. Euro, die Eigenkapitalquote beträgt rund 50 Prozent. Damit verfügt das Unternehmen über ausreichend Reserven, um auch längere Schwächephasen zu überstehen und gleichzeitig weiter zu investieren.
Für die Zukunft setzt Hirschmann Automotive auf neue Aufträge, Elektromobilität und die internationale Aufstellung. Die Auftragsbücher seien gut gefüllt, heißt es aus der Geschäftsleitung. Die Herausforderung wird darin bestehen, dieses Wachstum künftig mit einem Industriestandort Europa zu vereinbaren, dessen Kostenbasis immer häufiger zum Wettbewerbsnachteil wird.
3 Fragen an das Unternehmen
VN: Nach dem herausfordernden Jahr 2024: Wie hat sich das Geschäft 2025 entwickelt. Sind Sie mit dem Verlauf zufrieden?
Geschäftsleitung: Auch das Geschäftsjahr 2025 war sehr herausfordernd. Wir mussten das zweite Jahr in Folge Umsatzrückgänge hinnehmen, die im Wesentlichen auf die Absatzschwäche zweier großer Kunden von uns zurückzuführen ist. Insbesondere der europäische Automarkt schwächelt nach wie vor. So lagen auch im Jahr 2025 die verkauften Pkw-Stückzahlen deutlich unter dem Vor-Pandemie-Niveau. Dennoch ist es uns gelungen, das operative Ergebnis vs. 2024 leicht zu verbessern und das Unternehmen stabil durch die mittlerweile mehrjährige Krise der Automobilindustrie zu führen. Wir sind daher den Umständen entsprechend zufrieden. Was uns erfreut ist, dass wir auch 2025 wieder viele Neuaufträge gewinnen konnten, die uns nach vorne eine gute Auslastung unserer Standorte gewährleisten soll.
VN: In Ihrem jüngsten Lagebericht weisen Sie darauf hin, dass deutlich gestiegene Personalkosten das operative Ergebnis belastet haben. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Lohnentwicklung auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Rankweil und erwarten Sie hier eine Entspannung?
Geschäftsleitung: Die Lohn- und Gehaltssteigerungen der letzten Jahre in Österreich waren leider sehr schädlich für den Wirtschaftsstandort und haben einen teuren Standort, noch viel teurer werden lassen. Wir haben in Rankweil dadurch deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren und mussten folglich eine Reihe von Einsparungsmaßnahmen setzen. Das aktuelle Lohnniveau macht die Produktion für die Mehrheit unserer Produkte in Rankweil schlichtweg unwirtschaftlich. Diese Produkte kommen auch in den nächsten Jahren nicht bzw. nicht wieder zurück. Nach wie vor laufen in Österreich die Lohnverhandlungen nach einem Schema ab, mit welchem versucht wird, aus einem nicht größer werdenden Kuchen, jedes Jahr größere Stücke rauszuschneiden. Das hat dann leider Folgen.
VN: Welche wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit der Industriestandort Vorarlberg langfristig wettbewerbsfähig bleibt?
Geschäftsleitung: Ehrlicherweise sind viele für uns relevante Themen entweder auf Bundes- oder europäischer Ebene anzugehen: eine zentrale Frage ist unseres Erachtens die europäische Energiepolitik. Ohne günstige Energie gibt es keine wettbewerbsfähige, produzierende Industrie. Die Reduktion der Lohnnebenkosten, steuerliche Anreize für Vollzeitbeschäftigung und eine Politik die Leistungsbereitschaft und Mehrarbeit fördert statt Wähler:innen mit Programmen wie der 32-Stunden-Wochen zu locken. Auf allen Ebenen wäre eine weitere Deregulierung erforderlich: die Abschaffung/Befreiung von Berichterstattungspflichten sowie schnellere behördliche Genehmigungsverfahren – um nur ein paar Punkte zu nennen.
WAS DIE POLITIK TUN KÖNNTE
Hirschmann Automotive fordert klare Signale für den Industriestandort
- Energiepreise senken: Die europäische Energiepolitik müsse sich ändern; ohne günstige Energie gebe es keine wettbewerbsfähige, produzierende Industrie.
- Leistung belohnen statt Arbeitszeit verkürzen: Die Lohnnebenkosten müssen sinken und steuerliche Anreize für Vollzeitbeschäftigung geschaffen werden. Gefordert wird eine Politik, die Mehrarbeit fördert, statt mit der 32-Stunden-Woche zu locken.
- Bürokratie massiv abbauen: Auf allen Ebenen sei eine Deregulierung nötig, darunter die Abschaffung von Berichterstattungspflichten sowie deutlich schnellere behördliche Genehmigungsverfahren.
Unternehmensentwicklung im Detail
Größe & Struktur
Umsatz- und Bilanzentwicklung
Mitarbeiterentwicklung
Umsatz- und Bilanzentwicklung: Der Konzernumsatz erreichte 2023 mit rund 617 Mio. Euro seinen Höhepunkt. Bedingt durch die Schwäche am europäischen Automarkt ging er 2024 (589 Mio. Euro) und 2025 (572 Mio. Euro) spürbar zurück. Die Bilanzsumme wuchs hingegen durch stetige Investitionen in neue Werke auf 759 Mio. Euro an. Das Eigenkapital konnte parallel dazu kontinuierlich gestärkt werden und erreichte 2025 einen neuen Rekordwert von über 382 Mio. Euro.
Mitarbeiterentwicklung: Die globale Expansion von Hirschmann Automotive spiegelt sich im Personalstand wider. Weltweit beschäftigte der Konzern 2024 mit 6.526 Mitarbeitenden so viele Menschen wie noch nie. 2025 sank die Zahl leicht auf 6.456. Während das Unternehmen in Marokko und Asien weiter wächst, gerät das europäische Umfeld unter Kostendruck, was am Vorarlberger Standort zu einem gruppenweiten Einsparungsprogramm und einem Rückgang der Beschäftigtenzahl führte
Ergebnis & Rentabilität
Gewinnentwicklung
Rentabilitätskennzahlen
Gewinnentwicklung Trotz Umsatzrückgangs gelang es Hirschmann Automotive im Jahr 2025, die Ertragslage wieder leicht zu verbessern. Der operative Gewinn stieg von 27 Mio. Euro auf knapp 28 Mio. Euro an, der Jahresüberschuss erholte sich von 9,6 Mio. Euro (2024) auf 14 Mio. Euro (2025). Der operative Cashflow sank zwar gegenüber dem Vorjahr, bleibt aber mit 74,7 Mio. Euro auf einem starken Niveau und sichert dem Konzern den finanziellen Spielraum für hohe Zukunftsinvestitionen.
Bilanzstruktur
Eigenkapitalquote
Eigenkapitalquote (und Verschuldung): Die Finanzierungsstruktur von Hirschmann Automotive erweist sich als bilanzielle Festung. Trotz massiver Investitionen und schwieriger Marktphasen hält das Unternehmen die Eigenkapitalquote konstant auf einem kerngesunden Niveau von 50 Prozent (Stand 2025). Gleichzeitig gelang es dem Management, den Nettoverschuldungsgrad in den vergangenen Jahren zu senken.
Kennzahlen – kurz & verständlich
Umsatz (Umsatzerlöse)
Entgelte aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit innerhalb des Geschäftsjahres gemäß UGB (netto, ohne USt).
Bilanzsumme
Summe der Aktiva (entspricht Summe der Passiva) am Bilanzstichtag – misst die Unternehmensgröße.
Eigenkapital
Reinvermögen der Eigentümer am Stichtag (gezeichnetes Kapital, Kapitalrücklagen, Gewinnrücklagen, Gewinnvortrag, Jahresergebnis).
Mitarbeitende
Durchschnittliche Kopfzahl bzw. am Stichtag beschäftigte Personen (je nach Quellenlage).
Operativer Gewinn (EBIT)
Ergebnis aus dem Kerngeschäft vor Zinsen und Steuern (UGB-GuV: Betriebsergebnis).
Jahresüberschuss
Ergebnis nach Steuern der Periode (vor Gewinnverwendung/Ausschüttung).
Cashflow
Zahlungsmittelüberschuss der Periode; üblicherweise der operative Cashflow aus der Kapitalflussrechnung.
Operative Gewinnmarge
Anteil des operativen Gewinns am Umsatz (EBIT-Marge).
Marge = EBIT ÷ Umsatzerlöse × 100 %Eigenkapitalrendite (ROE)
Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals im Jahresverlauf (gebräuchliche Standarddefinition).
EK-Rendite = Jahresüberschuss ÷ durchschnittliches Eigenkapital × 100 %Eigenkapitalquote
Finanzierungsstruktur: Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme.
EK-Quote = Eigenkapital ÷ Bilanzsumme × 100 %Nettoverschuldungsgrad
Der Nettoverschuldungsgrad gibt an, in welchem Verhältnis die Nettoverschuldung zum Eigenkapital des Unternehmens steht
Nettoverschuldungsgrad = (Nettoverschuldung×100) ÷ Eigenkapital inkl. Investitionszuschüsse(VN/VOL.AT)