"Meinen Sohn seit 13 Jahren nicht gesehen": Wie ein Vater an Weihnachten gegen die Einsamkeit ankämpft
Von außen wirkt es wie eine einfache Einladung in den sozialen Medien. Doch hinter dem Post von Thomas Klimek steckt eine Geschichte von Verlust, Ohnmacht – und der leisen Hoffnung, eines Tages wieder Vater sein zu dürfen.
"Meine Lebensgeschichte fängt genau mit diesem Post an"
Thomas Klimek ist 39 Jahre alt, lebt seit knapp fünf Jahren in Frastanz. Wenn er spricht, wird seine Stimme ruhiger, fast vorsichtig. Immer wieder hält er inne. "Da hängen dreizehn Jahre Geschichte dran", sagt er. Jahre, in denen sich sein Leben um eine einzige Frage gedreht hat: Wird er seinen Sohn jemals wiedersehen?
Klimek stammt aus dem Ruhrgebiet in Deutschland. Er war verheiratet, wurde Vater. Nach der Trennung zerbrach nicht nur die Ehe, sondern auch der Kontakt zu seinem Kind. Trotz geteiltem Sorgerecht sei der Umgang immer wieder verhindert worden. "Mal war er krank, mal nicht da, mal waren die Großeltern zu Besuch", erzählt Klimek. Irgendwann seien die Ausreden zur Routine geworden.
Er zog vor Gericht. Bis zum Oberlandesgericht. Die Richter gaben ihm recht, bestätigten seinen Anspruch auf Umgang. Doch geändert habe das nichts. "Wenn ein Elternteil den Kontakt nicht will, dann bringt dir auch das höchste Urteil nichts", sagt er.
Diese Erfahrung hat ihn geprägt – und verbittert. "Man fragt sich irgendwann, warum man als Vater so wenig Möglichkeiten hat", sagt er. Er habe sich machtlos gefühlt, ausgeliefert. Während auf dem Papier alles geregelt war, blieb sein Platz im Leben des Sohnes leer.
"Als würde man in einer Parallelwelt leben"
Seinen Sohn hat Thomas Klimek zuletzt gesehen, als dieser zwei Jahre alt war. "Ich habe meinen Sohn seit 13 Jahren nicht mehr gesehen." Heute ist der Junge 15. Dazwischen liegen Jahre, in denen Klimek das Aufwachsen seines Kindes nur erahnen konnte.
"Es ist, als würde man in einer Parallelwelt leben", sagt er. Über soziale Medien bekomme man Bilder, Schnipsel, Hinweise auf ein Leben, das eigentlich das eigene sein sollte – und doch unerreichbar bleibt. "Man sieht etwas, man fühlt etwas, aber man kann nicht reagieren. Keine Umarmung, kein Gespräch, nichts."
Für Klimek ist das besonders schwer. "Da ist etwas von einem selbst irgendwo da draußen – und man kann es nicht greifen", sagt er. "Wie Geister angeln."
"Der Kopf sagt: Lass es"
Ob sein Sohn weiß, dass es ihn gibt? Ja, sagt Klimek. Seine Eltern hätten behutsam versucht, den Kontakt aufrechtzuerhalten, zumindest im Hintergrund. "Er weiß, dass ich da bin." Ob er weiß, dass sein Vater all die Jahre gekämpft hat, weiß Klimek nicht.
Trotzdem gibt Klimek nicht auf. Auch wenn es sich oft anfühlt wie ein Kampf gegen Windmühlen. "Der Kopf sagt: 'Lass es.' Aber das Herz kann das nicht."
"Alleine sein ist der falsche Weg"
Der jahrelange Kampf blieb nicht ohne Folgen. Thomas Klimek spricht offen über seine Depression. Es gab Momente, in denen alles zu laut wurde, in denen er in der Küche stand und einfach zu weinen begann.
Er suchte sich psychologische Hilfe – ein Schritt, den er heute als lebenswichtig bezeichnet. "Man muss darüber reden", sagt er. Gerade Männer würden das oft nicht tun. Stattdessen ziehen sie sich zurück. "Alleine sein ist aber der falsche Weg."
"Weihnachten steht für Familie"
Besonders schwer sind für Klimek die Feiertage. Weihnachten, Geburtstage, besondere Tage. "Weihnachten steht für Familie", sagt er. Lange habe er versucht, diesen Tagen auszuweichen. Arbeiten, nicht feiern, wegsehen. Alles, um den Schmerz nicht noch stärker zu spüren.
Die Gedanken kreisen trotzdem. Was macht sein Sohn gerade? Ist er glücklich? Freut er sich über Geschenke? "Wenn man dem nachgibt, wird es sehr hart", sagt Klimek.
Eine Einladung gegen die Einsamkeit
Aus genau diesem Schmerz heraus entstand seine Idee: Zu Weihnachten lädt Thomas Klimek andere Väter zu sich nach Hause ein. Männer, die ihre Kinder nicht sehen dürfen. Menschen, die die gleiche Leere kennen.
"Ich möchte ihnen die Möglichkeit geben, dieser Situation für ein paar Stunden zu entfliehen", sagt er. Kein klassisches Weihnachtsfest, kein Christbaum, kein Zwang zur Fröhlichkeit. Einfach zusammensitzen, essen, reden. "Ein lockerer Abend mit Menschen, die wirklich verstehen, wie man sich fühlt."
Bereits im vergangenen Jahr hat er das gemacht. Die Stimmung sei ruhig, offen, ehrlich gewesen. "Es geht nicht um Weihnachten – es geht darum, nicht alleine zu sein."
"Auch nach den Feiertagen kann man sich melden"
Für heuer sind die Plätze fast voll. Doch Klimek sagt klar: Das Angebot endet nicht mit Weihnachten. "Auch nach den Feiertagen kann man sich melden", sagt er. Er will zuhören. Nicht beschwichtigen. Nicht vertrösten. Sondern verstehen.
Thomas Klimek weiß, wie dunkel diese Gedanken werden können. Er spricht offen über Depression, über psychologische Hilfe – und darüber, wie wichtig es ist, sich jemanden zu suchen, der wirklich versteht. Nicht jemand, der sagt, "alles wird gut". Sondern jemand, der weiß, dass es oft nicht einfach gut wird.
Sein Weihnachtsfest ist kein klassisches Fest. Kein Lichterglanz, kein Perfektionismus. Es ist ein stilles, ehrliches Angebot. Für ein paar Stunden nicht alleine zu sein. Für ein paar Stunden die Anspannung loszulassen.
Und vielleicht, ganz leise, auch die Hoffnung zu spüren, dass es irgendwann doch noch ein Wiedersehen gibt.
Kontaktaufnahme
Wer an Weihnachten nicht allein sein möchte oder jemanden zum Reden braucht, kann sich direkt bei ihm melden. Er ist telefonisch erreichbar unter +43 676 9708922.
(VOL.AT)