Mit 30 begann sie bei null – heute stärkt sie Mädchen und Frauen im Tanzstudio
Mit 30 Jahren beginnt Izabela Barbosa-Baginska wieder bei null. Zwei Koffer, ein fremdes Land, eine kleine Tochter. Statt auf Wettbewerbsbühnen zu stehen, arbeitet sie frühmorgens als Frühstückskraft in einem Hotel in Vorarlberg. Die Familie wohnt in einem Zimmer der Personalunterkunft. "Das war am Anfang wirklich super schwer", sagt sie.
Zehn Jahre später leitet die 40-Jährige als Obfrau den Verein Move4Style in Bregenz und Hohenems. Sie trainiert Mädchen und Frauen, organisiert Projekte und spricht über Selbstvertrauen – aus eigener Erfahrung.
Karriere mit Perspektive – und ein Bruch
Aufgewachsen ist Barbosa-Baginska in Polen. "Ich war sieben Jahre alt, als ich angefangen habe zu tanzen", erzählt sie. Zunächst Standard- und Lateintanz, sieben Jahre im Paar – mit Disziplin und Ehrgeiz. Später wechselte sie zu Hip-Hop und House-Dance. Dort fand sie mehr Freiheit, mehr Ausdruck.
Es folgten Wettbewerbe, Battles, Auftritte als Back-up-Tänzerin bei TV-Shows und Konzerten. Eine Karriere mit Perspektive. "Leider habe ich nicht so Glück gehabt mit der Tanzschule, mit Coach", sagt sie offen. Die Leidenschaft blieb, doch die Rahmenbedingungen wurden schwieriger.
Mit 30 traf sie eine Entscheidung, die alles veränderte. Ihr Mann, ein Fußballer aus Brasilien, suchte in Österreich einen Verein. Ein Verwandter arbeitete im Bregenzerwald. "Einfach in ein anderes Land. Let’s see, Freestyle", erinnert sie sich.
Neustart ohne Sicherheitsnetz
Der Neustart war kein Abenteuer, sondern ein Risiko. Neue Sprache, keine Kontakte, keine berufliche Perspektive. Statt Trainingshalle stand sie im Frühstücksraum. Statt Applaus gab es frühe Schichten.
"Das war wirklich am Anfang super schwer."
Doch das Tanzen blieb ihr Anker. Sie suchte nach einem Ort, an dem sie ihre Erfahrung einbringen konnte – und fand ihn bei Move4Style. "Ich habe mein Haus gefunden", sagt sie.
Zunächst arbeitete sie als Coach, später als sportliche Leiterin. Seit 1. August ist sie Obfrau des Vereins.
Ein Raum ohne Bewertung
Ihr Schwerpunkt liegt klar auf Mädchen und Frauen. Viele hätten Hemmungen, überhaupt ein Studio zu betreten. "Der größte Schritt ist oft, reinzukommen", sagt sie. Perfekt sein müsse dort niemand. "Zum Tanzstudio kommt man zum Lernen."
Trainiert wird für Meisterschaften – mit Disziplin und klarer Kritik. "Hauptsache nicht persönlich", betont sie. Entwicklung stehe im Vordergrund, nicht Bewertung.
Sie sieht, wie sehr Social Media junge Mädchen verunsichert: Vergleiche, perfekte Bilder, ständige Bewertung. Im Studio gehe es um Präsenz, Körpergefühl und Selbstbewusstsein. "Für Selbstbewusstsein ist das wie Bungee-Jumping."
Tanzen als Kraftquelle
Ein Projekt aus ihrer Zeit in Polen habe sie besonders geprägt: Tanzkurse für Frauen mit Brustkrebs. "Nach dem vierten oder fünften Unterricht sind sie ohne Make-up, ohne Perücken gekommen", erzählt sie. "Sie haben gesagt: Ich mag nicht denken, ich kann einfach tanzen."
Genau dieses Gefühl wolle sie weitergeben. "Wenn du sauer bist, komm einfach tanzen. Du musst gar nicht denken." Emotionen hätten Platz. Lachen ebenso wie Tränen.
Mit "Move4Style On Tour" geht sie inzwischen auch in Schulen und Kindergärten in Vorarlberg. Ziel ist es, Tanz als selbstverständlichen Teil von Bewegung zu etablieren – für Mädchen und Buben.
Stärke beginnt mit einem Schritt
Große Begriffe braucht sie nicht. Sie fordert Disziplin, schenkt Vertrauen und ist überzeugt: "Wenn ich ein guter Mensch bin, kommen gute Menschen zu mir."
Mit 30 begann sie bei null. Heute schafft sie Räume, in denen andere wachsen können. Nicht perfekt – aber mutig genug für den ersten Schritt.
(VOL.AT)