Mit Schauspielerei im Unterricht zu Lese-Profis
Ein lautes und tiefes „Oooooooo" ertönt aus dem Klassenzimmer der Klasse 2b der Mittelschule Wolfurt. Die Kinder stehen im Kreis, haben die Hand auf ihrem Bauch und lassen die Luft in einem tiefen Ton aus ihren Kehlen strömen. „Stimmtraining" nennen das die Schauspieler Martin Sommerlechner (Film und Fernsehen) und Yasmin Ritter (Theater), die mit den Kindern ihre Stimmen aufwärmen. „Eure Stimme soll aus dem Bauch kommen. Dann wird sie lauter", erklärt Sommerlechner.
Er und Kollegin Ritter üben mit den Kindern, Texte sicher vorzulesen und an den passenden Stellen zu betonen. Die 11- und 12-Jährigen sind zögerlich, manche gar stumm. Zuerst lesen sie Teile der Odysee in der Nacherzählung von Auguste Lechner im Stuhlkreis laut vor. Danach spielen sie gruppenweise Szenen als Improvisationstheater nach.
Wer über ein Wort des alten Texts stolpert, solle nachfragen, ermahnt Sommerlechner die Schüler. Es wird dann in der Gruppe erklärt, Synonyme dafür gesucht. Beim zweiten Durchgang sollen sie den Text schon fast auswendig und mit der richtigen Betonung vortragen.
Schneller und flüssiger lesen durch "Sprachbildung"-Fach
Das Schauspielprojekt ist Teil des Unterrichtsfachs "Sprachbildung" für Schüler der ersten und zweiten Klassen der Mittelschule Wolfurt. "In der ersten Klasse lernen sie das Lesen von der Pike auf, in der zweiten Klasse intensivieren wir das mit Schauspielern", erklärt Projektkoordinatorin und Sprachbildungslehrerin Natascha Moosbrugger.
Die Schüler sollen ausprobieren, aus sich herauskommen und Referate selbstbewusst vortragen. "Sie sind in einem Alter, wo sie bis zur Grenze ihrer Fähigkeiten gehen können und wir sie auch dorthin bringen wollen", beschreibt Moosbrugger die Motivation. Mit Deutschlehrerin Tamara Gasser trug die Gruppe schon anderen Klassen einen Mitmach-Krimi vor und lasen letztes Jahr im benachbarten Kindergarten Märchen vor.
Für Amy aus der 2b war es ungewohnt, im Stuhlkreis vorzulesen, aber sie verinnerlichte die Anweisungen schnell: „Laut lesen und Luft dafür aus dem Bauch holen." Jakobs Fazit: „Ich sollte zuhause mehr lesen!" Sophia gibt zu, dass sie aufgeregt war, vor allen einen anspruchsvollen Text vorzutragen. Maria fand die Betonung schwer, um den Text spannend zu gestalten.
Schüler lesen immer schlechter
Moosbrugger, die früher eine Theaterwerkstatt betrieben hat, stellte einen unerfreulichen Wandel fest: "Im Gegensatz zu der Zeit vor meiner Karenz vor fünfzehn Jahren lesen Schüler heute schlechter. Das haben wir auch bei der Odysseus-Sage gemerkt." Auch die kürzlich veröffentlichte individuelle Kompetenzmessung des Bildungsministeriums stellte fest, dass Vorarlberg beim Lesen im Bundesdurchschnitt besonders schlecht abschneidet. Projekte wie das Fach "Sprachbildung" oder der Schauspielunterricht sollen dem entgegenwirken, hoffen Moosbrugger und Gasser. Mit dem Schauspielunterricht sollen die Kinder lernen, sich zwei Stunden zu konzentrieren, was ihnen durch die Nutzung von Handys und KI immer schwieriger falle.
Ermöglicht wird der Schauspielunterricht durch das Bildungsnetzwerk „Double Check", das Kooperationen zwischen Bildungs- und Kulturinstitutionen fördert und Sommerlechner und Ritter eine Gage für ihr Engagement zahlt.
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)