Mit welchem BMI lebt man am längsten? Ein Experte gibt überraschende Antwort
Große internationale Meta-Analysen mit Millionen Datensätzen kommen zu einem überraschend klaren Ergebnis: Es gibt einen BMI-Bereich, in dem die Gesamtsterblichkeit am niedrigsten ist – und er liegt nicht unbedingt dort, wo viele ihn vermuten. Das gilt für Mittdreißiger genauso wie für Menschen ab 60: Die Zahlen verschieben sich je nach Lebensphase auf eine Weise, die gängige Vorstellungen von "Normalgewicht" infrage stellt.
Doch was auf den ersten Blick eindeutig wirkt, hat einen Haken: Die Ergebnisse variieren stark je nach Studiendesign. Und ein österreichischer Public-Health-Experte warnt, warum die reinen BMI-Zahlen ohne Kontext sogar in die Irre führen können.
Was ist der ideale BMI – mit 35, mit 50, mit 65? Public-Health-Experte Armin Fidler erklärt, warum leichtes Übergewicht in manchen Lebensphasen sogar schützend ist – und welche Faktoren Ihr Sterberisiko weit stärker beeinflussen als die Zahl auf der Waage.
Dabei geht es nicht nur um Übergewicht. Auch wer glaubt, mit einem niedrigen BMI auf der sicheren Seite zu sein, könnte sich täuschen – denn Untergewicht ist laut Studienlage ebenfalls konsistent mit einer erhöhten Mortalität verbunden. Warum das so ist, hat laut Fidler weniger mit dem Gewicht selbst zu tun als mit dem, was dahintersteckt.
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"Es ist nicht unbedingt das Gewicht per se"
"Es ist nicht unbedingt das Gewicht per se, sondern die parallel damit auftretenden Erkrankungen", betont Fidler.
"Das herunterzubrechen nur auf das Gewicht, ist meiner Ansicht nach von vornherein ein Fehler", so der Public-Health-Experte. "Man stirbt normalerweise nicht am überhöhten Gewicht, sondern an anderem, das möglicherweise mit hohem Gewicht assoziiert ist."
Menschen mit Adipositas hätten zusätzliche Risiken. "Viele dieser Übergewichtigen haben parallel dazu und zum Teil als Resultat andere chronische Erkrankungen, die das Sterberisiko erhöhen." Fidler nennt vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen: "Alles, was mit Herz und Gefäßen zu tun hat – Schlaganfall, Herzinfarkt, Gefäßverkalkungen."
Auch bei Krebs gebe es Zusammenhänge: "Leute, die sich fehlernähren und damit adipös sind, haben natürlich auch ein erhöhtes Darmkrebsrisiko." Dazu kämen körperliche Einschränkungen: Wer sich kaum noch bewegen könne, trage im Alltag ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Ein unerwartetes Forschungsdetail bringt Fidler selbst: "Es gibt Studien, die gesehen haben, dass Leute, die einen festen Händedruck haben, länger leben."
Besonders deutlich sei der Zusammenhang mit Diabetes: "Das füttert sich sozusagen gegenseitig." Wer jahrzehntelang Diabetes habe, werde "wahrscheinlich an den Komplikationen des Diabetes irgendwann sterben."
Unterschätztes Risiko: Untergewicht
Wer all das liest, könnte meinen: Hauptsache schlank. Doch Fidler bremst auch diesen Gedanken. Untergewicht ist laut Studien konsistent mit einer erhöhten Mortalität verbunden – und das aus denselben Gründen, die er für Übergewicht beschreibt.
Untergewicht könne "möglicherweise auch ein Risiko sein, das mit dem Lebensstil zu tun hat." Wer untergewichtig sei, habe häufig ein Grundproblem – eine Erkrankung, eine Mangelernährung, einen problematischen Lebensstil –, das sich im niedrigen Gewicht nur widerspiegle. Es gebe "andere Parallelerkrankungen, die zu diesem Untergewicht führen."
Die Zahl auf der Waage, so Fidler, sei in beide Richtungen nur ein Symptom. "Da gibt es 100 Faktoren, die man sich da anschauen sollte."
Die konkrete Frage: Welcher BMI ist wirklich ideal?
Große Analysen zeigen: Die niedrigste Gesamtsterblichkeit liegt meist im BMI-Bereich zwischen 22 und 25. Bei Menschen ab 65 verschiebt sich dieser günstigste Bereich nach oben – oft in Richtung 24 bis 27. Ab einem BMI von 30 steigt das Risiko deutlich, bei starkem Übergewicht noch stärker.
Doch Fidler warnt vor starren Grenzen – und das betrifft besonders Menschen zwischen 30 und 50, die sich im sogenannten Graubereich befinden: "Ich glaube nicht, dass man sagen kann: Normalgewicht – und alles, was drüber ist, sofort ein erhöhtes Mortalitätsrisiko." Es gebe einen "Graubereich, in dem es relativ wenig ausmacht, wenn man noch keine Begleiterkrankungen hat."
"Ich kann nicht sagen: Ich habe zehn Prozent über meinem Idealgewicht und habe sofort ein erhöhtes Sterberisiko." Das Risiko entstehe schleichend – über chronische Erkrankungen, die sich im Laufe der Jahre entwickeln. "Es wäre nett, wenn man sich das so ausrechnen könnte – aber dem ist nicht so."
Warum leichtes Übergewicht manchmal sogar schützt
Eine Frage, die besonders Menschen ab 40 umtreibt: Ist etwas mehr auf den Rippen wirklich immer schlecht?
"Leichtes Übergewicht, wenn keine anderen parallelen Erkrankungen da sind, ist wahrscheinlich nicht unbedingt ein erhöhtes Mortalitätsrisiko", sagt Fidler. Es gebe Menschen, die genetisch zu einer schwereren Konstitution neigten, "sonst aber relativ gesund leben."
Sein Bild eines gesunden Alltags für einen Menschen ist bodenständig – und erreichbar: "Wenig Alkohol trinken, nicht rauchen, sich trotzdem bewegen. Er muss kein Marathonläufer sein", meint Fidler. Wenn jemand 5.000 bis 9.000 Schritte am Tag geht und "ein bisschen Gartenarbeit macht, sich bewegt", dann hat er "sonst alle anderen Voraussetzungen, um ein gesundes, langes Leben zu leben" – trotz Übergewicht.
Es gibt sogar US-amerikanische Studiendaten, die bei leichtem Übergewicht eine geringere Sterblichkeit beobachten als bei klassischem Normalgewicht. Fidler ordnet ein: "Leichtes Übergewicht bei einem sonst gesunden Lebenswandel – das ist nicht unbedingt etwas, weswegen man ins Gras beißt." Die Festsetzung auf einen einzigen Wert sei "wahrscheinlich nicht zielführend. Gesundheitswerte sind Annäherungswerte."
Was Übergewicht für eine ganze Bevölkerung bedeutet
Das individuelle Risiko mag im Graubereich klein sein – auf Gesellschaftsebene sieht die Rechnung anders aus. "Auf Populationsebene sieht man erst, was die wirklichen Risiken sind – nicht im Einzelnen." Ja, es gebe Menschen mit 120 Kilo, die 100 Jahre alt werden. "Aber in der Masse ganz bestimmt nicht."
Genauso wenig könne man aus dem Ausnahme-Nichtsportler, der 102 wird, ableiten, dass Sport ungesund sei. Das Entscheidende auf gesellschaftlicher Ebene sei laut Fidler nicht einmal primär die Lebenserwartung: "Was vielleicht am wichtigsten ist: Wie viele gesunde Lebensjahre sind in dieser Lebenserwartung drinnen?"
Wann "Feuer am Dach" ist
Worauf sollten Menschen dann wirklich achten?
"Ich glaube, dass man ein gesundes Körpergefühl hat." Fidler warnt ausdrücklich vor dem Gegenteil: dem Fixieren auf ein Internet-Idealgewicht, dem man mit Diäten oder Eingriffen nachjagt – "Maßnahmen, die möglicherweise mehr schaden als nutzen."
Sein Fazit, nüchtern und klar: "Der BMI ist ein Anhaltspunkt und nicht ein Wert, an dem man sich sklavenhaft festhalten soll. Bin ich sozusagen im Dunstfeld eines mehr oder weniger gesunden Gewichtes?"
Und dann, unmissverständlich: "Wenn man einen BMI von über 30 hat, dann ist Feuer am Dach."
Doch selbst dann gilt: "Die Lebensweise, das Rauchen, die Bewegung, das gesunde Essen, ein gesundes soziales Umfeld – das sind alles Faktoren, die mindestens ebenso wichtig sind."
(VOL.AT)