"Musik schafft Heimat": Frust, Fleiß und Ankommen
Der Dirigent hebt den Taktstock und nimmt Blickkontakt zum Konzertmeister und den anderen Streichern auf. Karin Burtscher sitzt vorne am ersten Pult und wartet konzentriert auf den Einsatz. Ihre Aufgabe als Stimmführerin der zweiten Geigen im Laienorchester "Gesellschaft der Musikfreunde Bregenz" ist vielschichtig, sie selbst beschreibt sie jedoch simpel: "Wenn alle anderen nicht spielen – einer muss spielen. Und das ist der Stimmführer." Sie muss das Stück – auch die Takte des Solisten – also so gut beherrschen, dass sie reagieren kann, wenn etwas nicht nach Plan läuft. "Dein Register verlässt sich auf dich", erklärt sie.
Die Arbeit davor
Die Arbeit der Stimmführerin beginnt nicht erst mit dem Konzertabend, nicht einmal mit den Proben vor den halbjährlichen Auftritten. Sobald das Stück ausgewählt ist, bereitet sie die Fingersätze vor, die einem Violinisten sagen, mit welchem Finger die Saiten gegriffen werden. Bei den Stimmproben vermittelt sie den anderen ihres Registers, welche Bewegungen sie an welcher Stelle ausführen sollten und welche Muskeln am Spiel beteiligt sind. Die Mitglieder der zweiten Geige seien eine "ambitionierte und fleißige Truppe" und wüssten ihre Arbeit zu schätzen. Deshalb bereite es ihr Freude, ihr Wissen weiterzugeben, sagt Burtscher.
Wurzeln schlagen
Als die 55-Jährige, die in Siebenbürgen (Rumänien) geboren wurde und später mit ihren Eltern in Deutschland lebte, mit ihrem Ehemann ins Ländle zog, fühlte sie sich zwar wohl in ihrem neuen Umfeld. Zur Heimat wurde Vorarlberg für sie jedoch vor allem durch das Musizieren: Im Orchester entstanden erst Bekanntschaften und dann Freundschaften mit Menschen, die ihre Leidenschaft teilen. "Man bekommt dadurch Wurzeln, dass man sich verbindet mit den Menschen, mit denen man in einer Gesellschaft zusammenlebt", weiß sie.
Der Weg zurück
Bis Burtscher allerdings den Musikfreunden beitreten und die Stimmführung der zweiten Geigen übernehmen konnte, wartete ein frustrierender Weg zu ihren früheren Fähigkeiten auf sie. Mit sieben Jahren hielt sie zum ersten Mal eine Violine in den Händen, später spielte sie im Orchester und gab Unterricht. Dann kam ein Studium als Bankkauffrau, der Job und schließlich der Umzug nach Vorarlberg. Nach der langen Zeit, in der sie nicht musizierte, sei der Wiedereinstieg frustrierend gewesen: "Es war richtig schmerzhaft für mich", sagt sie, da sie genau gewusst habe, wie es klingen sollte und zugleich hörte, wie weit sie davon entfernt war. Das Handtuch zu werfen, war für die willensstarke Frau aber keine Option: Fünf Tage die Woche übte sie, verfeinerte ihre Motorik und fand Schritt für Schritt zu den Bewegungen und Denkmustern zurück, die einmal selbstverständlich gewesen waren. Erfolg hatte sie auch, weil sie nie ans Aufgeben dachte: "Ich habe gelernt, dass es auch für Dinge, die aussichtslos scheinen, eine Lösung gibt. Man muss nur weitermachen."
Vor dem Auftritt
Am 9. Mai gibt das Orchester der "Gesellschaft der Musikfreunde Bregenz" im Theater am Kornmarkt sein Frühlingskonzert. Vor dem Auftritt schickt Burtscher ihren zweiten Geigen meist eine Nachricht: Die Arbeit sei getan, das Wichtigste sei die Freude an der Musik. "Die, die zuhören, haben Freude. Und wir haben Freude. Und wenn das zusammenkommt, dann ist das eine schöne Sache."