Nach der Prostata-OP beginnt für viele Männer der schwierigere Teil
Rund 7.000 Männer erkrankten 2022 in Österreich neu an Prostatakrebs, viele davon auch in Vorarlberg. Die medizinische Versorgung gilt als gut, die Heilungschancen sind hoch. Was im öffentlichen Diskurs jedoch selten thematisiert wird, sind die langfristigen Folgen einer Prostataoperation: unkontrollierter Harnverlust, Einschränkungen der Sexualität und ein oft tiefgreifender Verlust an Sicherheit im Alltag. Zwei Physiotherapeutinnen aus Vorarlberg berichten aus ihrer Praxis, womit Männer nach der Diagnose tatsächlich konfrontiert sind – und welche Unterstützung entscheidend ist, um Lebensqualität zurückzugewinnen.
Die häufigste Krebsdiagnose
Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern, dennoch wird Vorsorge oft vernachlässigt. "Spätestens ab 45 sollte jeder Mann einmal zur Prostata-Vorsorge gehen", sagt Magdalena Latzer. Bei familiärer Vorbelastung wird eine frühere Abklärung empfohlen.
FAQ: Was ist ein Prostata-Karzinom?
Was bedeutet „Prostata-Karzinom“?
Ein Prostata-Karzinom ist eine bösartige Veränderung der Prostata – also Prostatakrebs.
Ist eine vergrößerte Prostata automatisch Krebs?
Nein. Dass die Prostata im Laufe des Lebens wächst, ist häufig und nicht automatisch ein Hinweis auf ein Karzinom.
Wie wird der Verdacht abgeklärt?
Ein wichtiger Hinweis kann der PSA-Wert sein, der beim Urologen kontrolliert wird. Bei Auffälligkeiten folgen je nach Einschätzung weitere Untersuchungen, etwa eine MRT der Prostata oder eine Biopsie.
Muss bei einer Diagnose sofort operiert werden?
Nicht unbedingt. Je nach Befund wird häufig zunächst engmaschig beobachtet und regelmäßig kontrolliert. Ob operiert oder bestrahlt wird, wird individuell mit dem behandelnden Urologen entschieden.
Warum Physiotherapie schon vor der OP beginnt
In Vorarlberg werden viele Männer bereits vor einer geplanten Prostataoperation zur Physiotherapie überwiesen. "Das ist keine Kür, sondern ein echter Vorteil", sagt Ines Holzmann. Studien zeigen, dass Männer, die ihren Beckenboden schon vor dem Eingriff trainieren, nach der Operation bessere Voraussetzungen haben.
Ziel sei es, erklärt Holzmann, dass Männer bereits vor dem Eingriff wissen, wo diese Muskulatur liegt und wie sie sich gezielt ansteuern lässt. Mithilfe von Ultraschall, Modellen und spezifischen Übungen werde sichtbar gemacht, was sonst kaum wahrgenommen wird.
Was viele unterschätzen: Für manche beginnt die eigentliche Herausforderung erst nach dem Eingriff.
Video: Vorsorge, Operation und Behandlung
Belastungsinkontinenz im Alltag
Über Inkontinenz wird selten gesprochen, obwohl sie einen Großteil der Betroffenen betrifft. "In der Fachliteratur wird beschrieben, dass 60 bis 90 Prozent der Männer direkt nach der Operation Harn verlieren", sagt Magdalena Latzer. Besonders nach dem Entfernen des Katheters, wenige Tage nach dem Eingriff, sei das häufig der Fall. Meist handle es sich um eine sogenannte Belastungsinkontinenz, bei der Harnverlust bei körperlicher Anstrengung auftritt – etwa beim Husten, Niesen, Bücken oder Tragen.
"Viele Männer schildern sehr konkrete Situationen", sagt Ines Holzmann. "Beim Rasenmähen oder beim Aussteigen aus dem Auto verlieren sie Harn." Genau dort setze die Therapie an: Trainiert werden jene Bewegungen, die im Alltag Probleme bereiten.
Für viele Männer ist der Beckenboden Neuland. "In gesunden Jahren beschäftigen sich Männer kaum damit, weil sie meist keine Probleme haben", sagt Ines Holzmann. In der Therapie gehe es daher zunächst um Wahrnehmung und Kontrolle.
In den meisten Fällen verbessere sich die Inkontinenz deutlich. "Oft zeigen sich schon in den ersten Wochen Fortschritte", sagt Magdalena Latzer. Innerhalb von sechs Monaten bis maximal einem Jahr lasse sich die Belastungsinkontinenz bei den meisten Männern gut kontrollieren.
Spezielle Einlagen für Männer
Für die Übergangszeit stehen spezielle Einlagen für Männer zur Verfügung. Sie sind anatomisch angepasst und in unterschiedlichen Stärken erhältlich. "Mit einer passenden Einlagenversorgung fühlen sich viele Männer rasch wieder sicher im Alltag", sagt Magdalena Latzer.
"Unangenehm und beschämend"
Harnverlust ist nicht nur ein körperliches Thema. "Viele empfinden das als unangenehm oder beschämend", sagt Ines Holzmann. Emotionale Reaktionen seien häufig und normal, in der Therapie werde ihnen bewusst Raum gegeben.
Gleichzeitig gebe es oft spürbare Wendepunkte. "Wenn ein Mann erzählt, dass er erstmals wieder ohne Einlage ein Konzert besuchen konnte, ist das ein großer Schritt", sagt Holzmann.
Mögliche Anzeichen für Prostatakrebs
- Schwierigkeiten beim Wasserlassen
- Häufiger Harndrang
- Brennendes Gefühl beim Urinieren
- Blut im Urin oder Sperma
- Schmerzen im unteren Rücken oder in den Hüften
- Schmerzhafte Ejakulation
- Ejakulationsdysfunktion / Erektionsprobleme
Erektionsstörungen nach der Prostatektomie
Neben Inkontinenz zählen auch Erektionsstörungen zu den möglichen Folgen einer Prostatektomie, der vollständigen Entfernung der Prostata. Sie treten häufig vorübergehend auf und können sich im Verlauf der Heilung bessern. Zur Unterstützung werden in der Nachbetreuung auch medizinische Hilfsmittel wie sogenannte Vakuumpumpen thematisiert. Sie können – je nach individueller Situation – Teil eines ganzheitlichen Rehabilitationskonzepts sein.
So unterstützt Physiotherapie nach einer Prostata-OP
- Früher Therapiebeginn: Physiotherapie bereits vor der Operation verbessert die Voraussetzungen für die Zeit danach.
- Gezieltes Beckenbodentraining: Männer lernen, den Beckenboden bewusst wahrzunehmen und korrekt anzusteuern.
- Ultraschall als Lernhilfe: Bewegungen der Muskulatur werden sichtbar gemacht und dadurch besser verständlich.
- Kraft und Entspannung: Die Therapie fördert nicht nur Muskelkraft, sondern auch gezielte Entspannung zur besseren Kontrolle.
- Alltagsorientiertes Training: Bewegungen wie Husten, Bücken, Tragen oder Autofahren werden konkret geübt.
- Individuelle Therapiepläne: Übungen werden an Beschwerden, Alltag und Fortschritt angepasst.
- Unterstützung bei Inkontinenz: Physiotherapie hilft, Belastungsinkontinenz schrittweise zu reduzieren.
- Hilfsmittelberatung: Aufklärung zu passenden Einlagen für Männer in unterschiedlichen Stärken und Formen.
- Begleitung bei Erektionsstörungen: Thematisierung und Weiterleitung an passende Stellen bei Bedarf.
- Ganzheitlicher Ansatz: Enge Vernetzung mit Ärzten, Psychotherapie, Sexualtherapie sowie Stoma- und Inkontinenzberatung.
Vorarlberger Selbsthilfe Prostatakrebs (VSP)
Ein Verein von und für Betroffene, der Informationen, Austausch und Unterstützung bietet.
E-Mail: vsp@vsprostatakrebs.at
Webseite: vsprostatakrebs.at
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.
(VOL.AT)