"Neid und Missgunst sind die zwei ältesten Vorarlberger!"
Von: Martin Begle (WANN & WO)
WANN & WO: Wie bist du im Catering-Bereich gelandet?
Harald Otti: Ich hatte mit meinem Partner Mario Marte die Idee dazu. Wir haben uns 1994 kennengelernt, als das Hotel Martinspark eröffnet hat. Er war Küchenchef und ich Veranstaltungsleiter. Für das Hotel hatten wir kleinere Caterings gemacht und gemerkt, dass uns das sehr gefällt. So entstand die Idee, irgendwann mal zusammen etwas zu machen. Zwischenzeitlich haben sich unsere Wege getrennt, aber 1999 hat mich Mario angerufen und gesagt, dass er die Kulturbühne amBach in Götzis als Pächter übernehmen könne. Er fragte, ob es für mich nicht interessant wäre, mit einzusteigen.
WANN & WO: Warum hast du dich für diesen Schritt entschieden?
Harald Otti: Das war genau mein Projekt! 2000 haben wir angefangen und das gleich sehr erfolgreich. Nebenher haben wir ein bisschen Catering gemacht und bald wurde es immer mehr. 2003 kam durch den Investor Wilhelm Otten die Otten Gravour dazu. Drei Jahre später haben Mario und ich uns dazu entschieden, reiner Caterer zu werden. Wir wollten nicht warten, bis der Gast zu uns kommt, sondern unsere Leistungen zum Gast bringen.
WANN & WO: Was für eine Ausbildung hast du?
Harald Otti: Ich habe die HTL für Tiefbau in Rankweil gemacht, dann aber abgebrochen, weil ich bald gemerkt habe, dass das nicht meine Branche ist. Im zweiten Bildungsweg habe ich dann nach meiner Weltreise Tourismus-Management studiert.
WANN & WO: Du hast eine Weltreise gemacht?
Harald Otti: Mit meiner damaligen Partnerin bin ich sechs Monate im Camping-Bus durch Australien, Neuseeland und Malaysia gefahren. Ich reise sehr gerne und habe schon die ganze Welt umrundet. Heuer werde ich 50 und jetzt fange ich wieder von vorne an (schmunzelt). Ich bin beruflich auch an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr unbedingt muss. Wir haben uns als Betrieb sehr gut konsolidiert, aber jetzt möchten wir, dass die Jungen nachrücken.
WANN & WO: Rückt bei dir jemand aus dem privaten Umfeld nach?
Harald Otti: Meine Tochter Nathalie studiert in Wien, geht aber eher in die sprachliche Richtung. Mein Sohn Nikolai ist jetzt 18 und arbeitet derzeit bei uns im Betrieb. Ich würde mich freuen, wenn er eines Tages sagt: „Papa, das möchte ich auch machen.“ Ich zwinge ihn aber nicht dazu, weil es ja nicht unbedingt sein Weg sein muss.
WANN & WO: Du bist erst als Jugendlicher in Vorarlberg gelandet?
Harald Otti: Ja, mit elf Jahren bin ich ins Ländle gekommen, geboren bin ich in Kärnten. Ich hatte hier einen Onkel, bei dem ich aufgewachsen bin, aber meine ganze Familie lebt noch in Kärnten. Anfangs war das schwierig für mich, als „Kärntner Bua“ in Vorarlberg.
WANN & WO: Inwiefern?
Harald Otti: Es war ein harter Weg. Sprüche wie „Saukärntner“ oder so hat es schon gegeben. Darum habe ich versucht, mir so schnell es geht, den Vorarlberger Dialekt anzueignen. Mein Onkel war hier und hatte keine Kinder. Er hat mich dann sozusagen adoptiert, aber einfach war es nicht: Du kommst hier her, hast keine Familie mehr und musst alles selbst aufbauen. Das macht dich hart, aber auch stolz, wenn du es schaffst.
WANN & WO: Wie geht es dir heute mit dieser Vorgeschichte?
Harald Otti: Wenn du so einen Weg hinter dir hast, kann dich nichts mehr umhauen. Geht nicht, gibt’s nicht! Ich hatte verschiedene Vorbilder, ganz besonders aber Hannes Schenkenbach, der mich gefördert, aber auch gefordert hat. Es geht nicht zwingend um Dankbarkeit, weil gemacht habe ich die Dinge ja selbst. Sie haben mir aber Wege geebnet und Türen geöffnet.
WANN & WO: Was ist dir im Geschäftsleben wichtig?
Harald Otti: Vertrauen und Ehrlichkeit. Bei Mario und mir stand das Geld nie im Vordergrund. Wir hatten Situationen, in denen wir nicht wussten, wie es weitergeht. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Wenn man dem Kunden etwas verspricht, muss man das halten, auch wenn es auf eigene Kosten geht. Da wir sehr viele Veranstaltungen haben, gebe ich auch Arbeit ab. Mit dem Tagesgeschäft habe ich nur noch wenig zu tun, sondern kümmere mich eher um strategische Dinge.
WANN & WO: Wie holst du dir deinen Ausgleich?
Harald Otti: Ich schlafe sehr gerne auf meinem Boot am Rohrspitz, meiner Sommerresidenz, sehe mir den Sonnenuntergang an, trinke ein paar Bierchen mit meinen Kollegen und am Morgen genieße ich den Sonnenaufgang. So offen und energetisch ich im Beruf bin, so sehr brauche ich auch eine Möglichkeit, die Batterien wieder aufzuladen.
WANN & WO: Wie war das früher?
Harald Otti: Heute entscheide ich selbst, wen und wann ich zurückrufe. Früher hatte ich 150 bis 200 Anrufe pro Tag. Ich habe das Telefon an die Wand geworfen! Burnout, alles schon erlebt. Zehn Jahre lang war ich die Lok und habe alle mitgezogen. Dann kam aber der Punkt, an dem ich zum Waggon werden musste und mich ziehen ließ. Es ist das Gegenteil von dem passiert, was ich befürchtet hatte: Wir sind nicht bergab, sondern aufwärts gegangen. Viele Kompetenzen wurden verteilt, was heute viele Unternehmer nicht können.
WANN & WO: Du hattest ein Burnout?
Harald Otti: Ich leide unter Panikattacken. Es gibt Situationen, in denen ich nicht mehr klar denken kann. Irgendwann bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich musste etwas ändern und habe mich mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.
WANN & WO: Musstest du viel Gegenwind verkraften?
Harald Otti: Man hat mir nicht immer nur das Beste gewünscht. Bei der Sonnenkönigin dachten viele, jetzt hat er sich übernommen und geht endlich den Bach runter. „Leider“ habe ich das nicht erfüllt. Neid und Missgunst sind die zwei ältesten Vorarlberger. Vor Jahren, als es mir wirtschaftlich und privat nicht gut ging, habe ich folgende passende Redensart entdeckt: „Nur durch Arbeit früh bis spät kann ein Werk geraten. Der Neid sieht zwar das Blumenbeet, aber nicht den Spaten.“
WANN & WO: Wie wirst du deinen baldigen 50. Geburtstag feiern?
Harald Otti: An meinem Geburtstag bin ich nicht da, sondern gehe mit meiner Partnerin Petra und meinen Kindern nach Barcelona. Jetzt habe ich meinen Gipfel erreicht und bin am Abstieg. Das hat mir der Film „Everest“ gezeigt: Mit der letzten Reserve besteigen sie den Gipfel, wohlwissend, dass sie dann nicht mehr zurückkommen. Mario und ich haben uns gesagt, es ist genug für uns und wir möchten gesund im Basislager ankommen. Ich warte nicht bis zur Pension, um mit leben anzufangen. Ich möchte heute leben, reisen und die Welt ansehen.
WANN & WO: Das ist ja auch ein Stück weit die Einstellung der jüngeren Generationen.
Harald Otti: Die Generation Y hat ja recht, wenn sie sich das wünscht. Work-Life-Balance ist mir auch für meine Mitarbeiter wichtig. Ich brauche die Leute, weil ich eine Dienstleistung und kein Produkt verkaufe. Das Lächeln einer Servicemitarbeiterin beim Servieren ist aber sicher mehr wert, als wenn einem ein Roboter den Kaffee bringt. Da wird es wieder eine Gegenbewegung geben.
WANN & WO: Wie fühlst du dich mit fast 50?
Harald Otti: Man ist nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Aber wenn man erreicht hat, was man wollte, ist es das geilste Alter, das es gibt. Eine Midlife-Crisis bahnt sich keineswegs an. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich nochmal Gas geben muss. Im Gegenteil: Ich bin angekommen.
WANN & WO: Wie geht es dir mit deiner Rolle in der Öffentlichkeit?
Harald Otti: Ich bin ja relativ oft in den Medien, aber für mich gehört das zum Geschäft. Ich lese aber zum Beispiel keine Online-Kommentare. Das sind nämlich irgendwelche stumpfsinnigen Typen, die daheim hocken, mit ihrem eigenen Leben frustriert sind und einfach nur einen Scheiß schreiben. Denen darf man ja gar keine Aufmerksamkeit geben. Jeder muss mit seinem eigenen Leben klarkommen und wenn mir meines nicht passt, wird es nicht besser, wenn ich Dreck auf einen anderen werfe. Am Mittwoch auf der W&W-Titelseite: Laura Bilgeri mit Bradley Cooper! Es ist doch echt egal, wer ihr Papa ist, das muss man erst mal erreichen! Ich habe sie mit 13 oder 14 als zuvorkommendes, liebes Mädchen kennengelernt. Und dann kommen die daher, die sagen, es ist eh nur wegen dem Papa. Das tut doch nichts zur Sache, wenn sie es geschafft hat, neben Bradley Cooper auf dem Filmfestival in Venedig abgelichtet zu werden!
Wordrap
Qualität: Steht absolut im Vordergrund. Regionalität: Wichtig für die Wertschöpfung. Essen: Für mich lieber bodenständig. Haute-Cuisine: Z’gschissa. Work-Life-Balance: Nur wenn die passt, kann man Leistung bringen. Vertrauen: Zu 100 Prozent. Reisen: Größte Leidenschaft. Vorarlberg: Heimat, aber nicht Ursprung. Sonnenkönigin: Riesen Herausforderung und aktueller denn je.
Zur Person
Name: Harald Otti Alter: 49 Beruf: Geschäftsführender Gesellschafter MO-Catering (AT, CH) Herkunft/Wohnort: Kärnten/Dornbirn Familie: Partnerin Petra, Tochter Nathalie, Sohn Nikolai
(WANN & WO)