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Nicht früher Sex ist das Problem – sondern der Druck davor

Jugendliche erleben Sexualität oft zuerst digital. Was das mit ihnen macht, wird häufig falsch eingeschätzt. ©VOL.AT/Nina Leopold/Canva (Symbolbild)

Viele Eltern glauben, Jugendliche würden immer früher sexuell aktiv werden. Die Daten zeigen etwas anderes. Eine Feldkircher Expertin sieht die eigentliche Gefahr aber ganz woanders.

Jugendliche verbringen heute einen großen Teil ihres Alltags online. TikTok, Instagram oder Snapchat liefern täglich Bilder von Körpern, Beziehungen und Sexualität. Oft sind diese Inhalte ungefiltert. Sie erscheinen rund um die Uhr und treffen auf Jugendliche, die noch auf der Suche nach sich selbst sind.

Viele Erwachsene ziehen daraus einen naheliegenden Schluss: Jugendliche würden heute auch früher sexuelle Erfahrungen machen. Genau das widerlegt die aktuelle Datenlage aber.

Sexualität ist präsenter – aber nicht früher gelebt

"Jugendliche kommen heute zwar früher und häufiger mit sexualisierten Inhalten, Körperbildern und Vorstellungen von Beziehungen in Kontakt. Das geschieht vor allem über soziale Medien und das Internet", sagt Nina Leopold.

Viele Fragen Jugendlicher beginnen lange vor dem ersten Mal. Nina Leopold erlebt, wo der neue Druck wirklich entsteht. ©Nina Leopold

Leopold ist Bereichsleiterin Liebe.Leben im Ehe- und Familienzentrum Feldkirch. Dass Jugendliche deshalb automatisch früher Geschlechtsverkehr haben, sei ein Irrglaube. Die aktuellen Zahlen zeigen sogar eine andere Richtung.

Auch internationale HBSC-Daten zeigen laut Leopold keinen Anstieg besonders früher sexueller Erfahrungen.

Der Eindruck vieler Erwachsener hat also einen wahren Kern. Er liegt aber nicht beim früheren Sex, sondern bei früherer Konfrontation.

Pubertät beginnt früher – Reife nicht

Zwar setzt die körperliche Pubertät bei vielen Kindern heute früher ein. Daraus lasse sich aber keine frühere emotionale oder sexuelle Reife ableiten. "Ein Kind kann äußerlich bereits sehr erwachsen wirken und innerlich trotzdem noch kindliche Bedürfnisse, Ängste und Bewältigungsstrategien haben", erklärt Leopold.

Körperliche Entwicklung und emotionale Reife verlaufen oft nicht gleichzeitig. Gerade deshalb seien Begleitung und klare Grenzen wichtig. Für Eltern ist das eine zentrale Unterscheidung. Ein jugendlicher Körper bedeutet nicht automatisch jugendliche Sicherheit.

Der Druck entsteht vor dem ersten Mal

Die größte Veränderung sieht Leopold nicht beim Sexualverhalten selbst. Sie sieht sie bei den Einflüssen, denen Jugendliche täglich ausgesetzt sind. Über soziale Netzwerke begegnen sie idealisierten Körperbildern, Beziehungsvorstellungen und Geschlechterrollen. Diese Inhalte können Orientierung geben. Sie können aber auch Unsicherheit verstärken.

Perfekte Körper, Beziehungsideale und Sexualität begegnen Jugendlichen heute oft zuerst am Smartphone. ©Canva

Viele Jugendliche hätten das Gefühl, andere seien attraktiver, erfahrener oder selbstbewusster. Laut WHO- und HBSC-Daten ist die problematische Nutzung sozialer Medien unter Jugendlichen in Europa gestiegen. Zwischen 2018 und 2022 nahm sie von sieben auf elf Prozent zu.

Pornografie ersetzt keine Aufklärung

Auch der nahezu unbegrenzte Zugang zu Pornografie beschäftigt die Sexualpädagogin. Kinder und Jugendliche kommen dadurch oft deutlich früher mit expliziten sexuellen Inhalten in Kontakt. Das geschieht nicht immer bewusst.

Für Nina Leopold liegt die größte Veränderung nicht beim ersten Sex, sondern bei den Einflüssen davor. ©Nina Leopold

Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Pornografie und einem früheren Sexualleben gebe es laut Forschung jedoch nicht. Problematisch werde es dann, wenn Pornografie als Maßstab für echte Beziehungen verstanden werde.

Mehr Wissen, aber auch mehr Unsicherheit

Noch nie hatten junge Menschen so viele Informationsquellen. Gleichzeitig ist Orientierung schwieriger geworden. In sexualpädagogischen Workshops drehen sich viele Fragen laut Leopold um den eigenen Körper. Auch Unsicherheit und der richtige Zeitpunkt beschäftigen Jugendliche besonders stark.

Ebenso häufig geht es um Konsens, Grenzen, sexuelle Vielfalt oder digitale Intimität.

Eltern bleiben wichtigste Bezugsperson

Auch wenn Jugendliche nicht immer offen darüber sprechen, bleiben Eltern entscheidend. Sexualerziehung beginnt laut Leopold nicht erst beim Gespräch über Geschlechtsverkehr. Sie beginnt viel früher. Etwa dann, wenn Eltern Körperteile richtig benennen, wenn sie Gefühle ernst nehmen und wenn sie Kindern vermitteln, dass sie über den eigenen Körper mitbestimmen dürfen.

Für Nina Leopold liegt die größte Veränderung nicht beim ersten Sex, sondern bei den Einflüssen davor. ©Canva

"Vertrauen entsteht nicht durch perfekte Antworten, sondern durch Offenheit, Ruhe und echtes Interesse", sagt Leopold. Nicht jede neugierige Frage eines Kindes ist ein Grund zur Sorge. Eltern sollten aber aufmerksam werden, wenn sich Verhalten dauerhaft verändert.

Diese Warnsignale sollten Eltern ernst nehmen

Nicht jede neugierige Frage eines Kindes ist ein Grund zur Sorge. Eltern sollten aber aufmerksam werden, wenn sich Verhalten dauerhaft verändert. Hinweise können starke Ängste, Schlafprobleme, ausgeprägte Scham oder Rückzug sein.

Auch plötzliches, zwanghaftes Suchen nach sexuellen Inhalten kann ein Warnsignal sein. Gleiches gilt für Kontakte zu deutlich älteren Personen. Einzelne Anzeichen beweisen noch kein Problem. Auffällige Veränderungen sollten Eltern aber ernst nehmen und mit Fachstellen besprechen.

Jugendliche brauchen laut Nina Leopold keine Panik, sondern verlässliche Gespräche und Orientierung. ©Nina Leopold

Orientierung statt Panik

Trotz aller Herausforderungen sieht Leopold auch positive Entwicklungen. Jugendliche sprechen heute bewusster über Respekt, Grenzen und Konsens. Beim ersten Geschlechtsverkehr wird laut Leopold meist verhütet.

Sorgen bereiten ihr weniger frühere sexuelle Erfahrungen. Entscheidend seien die digitalen Räume, in denen junge Menschen Orientierung suchen.

"Jugendliche brauchen deshalb nicht mehr Panik oder moralische Verurteilung, sondern verlässliche Informationen, gute Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sowie eine wertschätzende Begleitung", sagt Leopold.

(VOL.AT)

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