ÖAMTC warnt vor gefährlicher Frühjahrssonne im Verkehr
Wenn die Tage länger werden, steigt auch die Gefahr auf Österreichs Straßen. Besonders im Frühling sorgt die tief stehende Sonne in den Morgen- und Abendstunden für massive Blendung – mit teils dramatischen Folgen, wie aktuelle Zahlen und eine Analyse des ÖAMTC zeigen.
Sekunden der Blindheit mit fatalen Folgen
"Schon wenige Sekunden ohne klare Sicht können dramatische Folgen haben. Wer bei 50 km/h nur eine Sekunde nichts sieht, legt fast 14 Meter im Blindflug zurück – bei 100 km/h sind es rund 30 Meter", warnt Marion Seidenberger, Verkehrspsychologin beim ÖAMTC.
Was abstrakt klingt, wird im Alltag schnell gefährlich: Verkehrszeichen, Ampeln, querende Fußgänger:innen oder entgegenkommende Fahrzeuge werden bei gleißendem Licht oft zu spät oder gar nicht erkannt. Besonders heikel sind laut Seidenberger Situationen, "in denen man nach Kurven oder bei Tunnelausfahrten aus dem Schatten in gleißendes Licht fährt".
Hinzu kommt: Mit dem Frühling sind wieder mehr Motorrad- und Fahrradfahrende unterwegs. Ihre schmale Silhouette werde bei starkem Gegenlicht leicht übersehen – ebenso wie Fußgänger:innen. Laut einer ÖAMTC-Untersuchung werde an Kreuzungen zudem häufig die Geschwindigkeit von Motorradfahrer:innen unterschätzt. Blendendes Licht könne diesen Effekt zusätzlich verstärken.
1.720 Unfälle bei blendender Sonne
Die Statistik unterstreicht die Warnung: 2024 kam es österreichweit zu 1.720 Unfällen mit Personenschaden bei blendender Sonne. 416 Menschen wurden dabei schwer verletzt, 17 Personen verloren ihr Leben (Quelle: Statistik Austria, Bearbeitung ÖAMTC).
Auffällig ist der saisonale Anstieg. "Ab April stiegen die Zahlen der Unfälle bei blendender Sonne schlagartig an – von 57 im März auf insgesamt 192 im darauffolgenden April. Über den Sommer hinweg bleibt das Niveau der Unfallzahlen dann in der Regel konstant hoch", erklärt Seidenberger.
Faktenblock: Unfälle durch blendende Sonne 2024 (Österreich)
- 1.720 Unfälle mit Personenschaden
- 416 Schwerverletzte
- 17 Todesopfer
- Deutlicher Anstieg ab April
(Quelle: Statistik Austria / Bearbeitung ÖAMTC)
Tempo runter, Abstand rauf
Was also tun, wenn die Sonne blendet? Die Expertin rät zu klaren Maßnahmen: Geschwindigkeit reduzieren, ausreichend Abstand halten und besonders vorausschauend fahren.
"Wer geblendet wird, braucht Zeit, bis sich das Auge wieder an die Lichtverhältnisse angepasst hat. In dieser Phase ist das Unfallrisiko besonders hoch", so Seidenberger. Und sie stellt klar: "Blendung ist grundsätzlich keine Ausrede. Wer weiß, dass die Sonne tief steht, muss sein Fahrverhalten umgehend anpassen."
Wer das unterlässt, riskiert nicht nur einen Unfall, sondern unter Umständen auch versicherungsrechtliche Konsequenzen. Wird die Fahrweise nicht den Sichtverhältnissen angepasst, kann es zu Leistungskürzungen kommen.
Übrigens: Auch mit der Sonne im Rücken bleibt das Risiko bestehen – denn entgegenkommende Verkehrsteilnehmer:innen könnten geblendet sein.
Klare Sicht ist Pflicht
Technische und einfache Hilfsmittel können die Gefahr reduzieren. An erster Stelle steht die Sonnenblende im Fahrzeug. Zusätzlich sollte eine Sonnenbrille griffbereit sein. Entspiegelte oder polarisierte Gläser reduzieren störende Reflexionen – etwa auf nasser Fahrbahn – deutlich.
"Wichtig ist jedoch auch, die Sonnenbrille abzunehmen, sobald die unmittelbare Blendungssituation vorbei ist, um eine unnötige Abdunkelung der Umgebung zu vermeiden", betont Seidenberger.
Ebenso entscheidend: eine saubere Windschutzscheibe – innen wie außen. Schmutz, Schlieren oder Staubpartikel streuen das Licht zusätzlich und verstärken die Blendwirkung. Regelmäßig nachgefülltes Scheibenwischwasser hilft, rasch für klare Sicht zu sorgen. Eingeschaltetes Abblend- oder Tagfahrlicht erhöht zudem die eigene Sichtbarkeit.
Wer häufig unter starker Lichtempfindlichkeit oder schmerzenden Augen leidet, sollte dies augenärztlich abklären lassen.
Mit dem Frühling kommt das Licht zurück. Doch auf der Straße gilt: Wer sehen will, muss vorbereitet sein – und im Zweifel den Fuß vom Gas nehmen.
(VOL.AT)