Rankweiler Ärztin über Magersucht bei Kindern: "Ab acht haben wir schon Fälle und sie werden jünger"
Magersucht nimmt bei jungen Vorarlbergern zu
"Was wir echt sehr stark merken, ist, dass wir eine hohe Zunahme haben, vor allem seit der Corona-Pandemie", informiert Katharina Ott, die als Assistenzärztin am LKH Rankweil arbeitet. Volksschüler, aber auch Buben kommen immer öfter in Behandlung. "Ab acht haben wir schon Fälle und sie werden jünger."
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie befinden sich laut Ott derzeit meist vier bis fünf Betroffene gleichzeitig in stationärer Behandlung. Auf der Jugendstation seien drei bis vier Plätze durch Anorexie besetzt, auf der Akutstation komme mindestens ein weiterer Fall dazu.
Magersucht zeigt sich nicht nur am Gewicht
Anorexia wird anders als andere Essstörungen über das Gewicht beurteilt. Bei Erwachsenen liegt der BMI bei der Diagnose unter dem Grenzwert von 17,5. Bei Kindern und Jugendlichen wird beurteilt, ob Gewicht und Körpergröße noch zum Alter passen.
Als Warnsignale nennt Ott, dass Essen eingeschränkt wird, hochkalorische Speisen wegfallen oder plötzlich Öl oder Butter nicht mehr erlaubt sind. Viele Betroffene würden Gewichtsverlust mit Kleidung kaschieren oder exzessiv Sport treiben: "Gerade mit den Fitnessuhren erleben wir bei der Anorexie, dass sie wirklich mindestens 25.000 Schritte am Tag machen müssen", sagt Ott.
Auch Kinder mit höherem Ausgangsgewicht können betroffen sein. Wenn Jugendliche in kurzer Zeit 15 oder 20 Kilo verlieren, solle man nicht warten, bis Untergewicht erreicht ist.
Krankheit belastet auch psychisch
Auch psychisch macht sich die Erkrankung bemerkbar. Viele Jugendliche reagieren laut Ott gereizt oder aggressiv, ziehen sich zurück oder entwickeln zwanghafte Muster. "Unsere Theorie im Grunde ist, dass die Corona-Pandemie mit den wenigen sozialen Kontakten ein Gefühl für Kontrolle vermittelt hat. Und das macht die Anorexie natürlich ganz, ganz gut, dass sie kontrolliert", sagt Ott.
Auch körperlich kann die Erkrankung schwere Folgen haben. Möglich sind Ohnmacht, Haarausfall, hormonelle Störungen, Wachstumsprobleme oder ein extrem niedriger Puls. Dazu kommen laut Ott Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall und ein erhöhtes Osteoporose-Risiko bei lang andauernder Magersucht.
"Warum isst du deine Lieblingsspeise nicht mehr?"
Wenn Eltern ein schlechtes Gefühl haben, sollten sie das offen ansprechen und sich an Kinderarzt oder Hausarzt wenden. Weitere Anlaufstellen seien die Fachstelle für Essstörungen der Caritas, Psychotherapie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie.
"Mir ist aufgefallen, dein Essverhalten hat sich verändert", könne ein guter Einstieg sein. Oder: "Warum isst du deine Lieblingsspeise nicht mehr?"
Im LKH Rankweil erhalten Betroffene eine umfassende Therapie mit psychiatrischer, psychologischer und psychotherapeutischer Betreuung. Je nach Schwere der Erkrankung gebe es ambulante, tagesklinische oder stationäre Behandlung. Im stationären Bereich arbeitet das Team mit einem Stufenplan:
Gerade die Schule werde anfangs bewusst eingeschränkt. Mit zunehmendem Gewicht und Therapiefortschritt bekommen die Jugendlichen schrittweise wieder mehr Freiheiten – etwa Ausgänge nach Hause oder später den Besuch der Stammschule. Wichtig seien vor allem Psychotherapie und Diätologie.
Die durchschnittliche stationäre Behandlung dauert zumindest drei Monate, kann aber auch deutlich länger notwendig sein. Laut Ott schafft es etwa ein Drittel beim ersten Mal dauerhaft aus der Erkrankung. Viele Betroffene würden aber länger mit dem Thema kämpfen.
Was Magersucht begünstigen kann
Warum entwickelt ein Kinder Magersucht? Ott spricht von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Leistungsorientierte Familien könnten eine Rolle spielen, aber auch soziale Medien. "Gesundes Essen nimmt ja überall zu, man sieht es auf TikTok, auf Insta. Und natürlich vor allem die Vergleiche", ergänzt sie.
Auffälliges Essverhalten oder ständige Diäten der Eltern könnten sich auf Kinder übertragen. Bei Buben beobachtet Ott häufiger einen Zusammenhang mit Leistungssport. Eltern können darauf achten, dass das Kind ein gesundes Maß an Sport macht. Eltern sollten wissen, welche Inhalte ihre Kinder konsumieren. Sie sollten Veränderungen ernst nehmen und früh Hilfe holen.
Der Rat der Ärztin zum Schluss: weniger Zeit auf TikTok und Instagram verbringen und sich weniger vergleichen. Sie nennt ein Beispiel: "Wie würdest du deine beste Freundin beschreiben? Da sagt keiner, die ist dünn oder dick, sondern da beschreibt man einfach, wie toll sie ist."
(VOL.AT)