"Sie machen irgendwas anders": Warnsignale bei Jugendlichen
Der Fall eines 17-Jährigen aus Koblach sorgte für Entsetzen: Der Jugendliche hatte Adolf Hitler verherrlicht, einen tödlichen Amoklauf gefeiert und mit einem Angriff auf eine Schule gedroht. Vor Gericht wurde er schuldig gesprochen. Im Prozess spielte auch der psychische Zustand des Jugendlichen eine Rolle.
Was kann man tun, damit Jugendliche nicht weiter abrutschen? Welche Warnsignale sollten Eltern, Schulen und Fachstellen ernst nehmen? Darüber sprach vol.at mit Gerichtspsychiaterin Kathrin Sevecke. Die Expertin erklärt, warum Verhaltensänderungen oft der erste Hinweis sind und weshalb sie beim Umgang mit psychisch auffälligen Jugendlichen Lücken im Strafsystem sieht.
Auffälligkeiten ernst nehmen
Auffällig werde es laut Sevecke oft dann, wenn Jugendliche sich über längere Zeit deutlich verändern. "Sie machen irgendwas anders, als sie es bisher gemacht haben", sagt sie. Das könne bedeuten, dass sie sich zurückziehen, den Freundeskreis wechseln oder das Interesse an Schule, Hobbys und Alltag verlieren.
Auch eine starke Beschäftigung mit Gewalt, Amokläufen oder extremistischer Ideologie könne ein Warnsignal sein. "Sie interessieren sich exzessiv für ein Thema, etwa Recherche über Amokläufe oder die NS-Zeit", erklärt die Expertin. Dazu könnten Stimmungsschwankungen, Drogenkonsum oder andere Hinweise auf psychische Belastungen kommen.
Die Rolle von Internet und KI
Eine wichtige Rolle spielt laut Sevecke das Internet. Jugendliche könnten dort jederzeit auf gewaltverherrlichende oder extremistische Inhalte stoßen. Gleichzeitig sei es leichter geworden, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und in geschlossene Denkwelten abzurutschen.
"Eine riesige Rolle", sagt Sevecke über den Einfluss digitaler Medien. Kritisch sieht sie auch die Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz. Diese könne künftig noch stärker genutzt werden, um extremistisches Gedankengut oder Gewaltfantasien zu verbreiten. "Die KI und all das wird uns da noch große Probleme bereiten", warnt sie.
Warnsignale früh erkennen
Damit Warnsignale früh erkannt werden, brauche es mehrere Stellen gleichzeitig. Eltern allein könnten Veränderungen oft nicht vollständig wahrnehmen. "Es braucht das System Eltern, das System Schule oder auch die Schulpsychologie, um solche Veränderungen überhaupt zu bemerken", sagt Sevecke.
Entscheidend sei, ob Auffälligkeiten nur kurz auftreten oder über Wochen und Monate bestehen bleiben. Wenn sich Jugendliche dauerhaft zurückziehen, aggressiver werden oder sich stark mit Gewalt beschäftigen, sollten Eltern nicht abwarten. Sevecke empfiehlt in solchen Fällen, frühzeitig eine Beratungsstelle oder fachliche Hilfe aufzusuchen.
Kritik am Strafsystem
Kritisch sieht Sevecke den Umgang mit psychisch auffälligen Jugendlichen im österreichischen Strafsystem. In Deutschland oder der Schweiz gebe es spezialisierte forensische Kliniken. In Österreich finde Therapie dagegen häufig direkt im Strafvollzug statt.
"Wir haben kein therapeutisches Setting mit Pflege und Therapeuten, sondern gemeinsam mit anderen Strafhäftlingen", sagt sie. Aus ihrer Sicht brauche es spezialisierte Einrichtungen für Jugendliche mit schweren psychischen Problemen und Gewaltfantasien.
Für Sevecke beginnt Prävention nicht erst vor Gericht. Entscheidend sei, Veränderungen früh wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und rechtzeitig Hilfe zu holen.
(VOL.AT)