Sofort angetan von der Schönheit der Musik

Um die Handlung der Oper zu verdeutlichen, wurde eine weitere Figur eingeführt hat, eine Frau, die nach Sibirien reist.

Ein Gespräch mit Vasily Barkhatov ist eine interessante Erfahrung. Seine Antworten auf Fragen wie etwa dem Grund dafür, dass „Sibirien“ von Umberto Giordano bislang zu den Opernraritäten zählt, entsprechen ein, zwei Hochschulvorlesungen in Musikdramaturgie und Geschichte. Eine Zusammenfassung ist hier unumgänglich.

Die Oper „Sibirien“ sah er zum ersten Mal bereits als Student in Moskau. Er war sofort von der Schönheit der Musik angetan. Weniger allerdings von der „touristischen Sicht“, wie er es nennt, wenn man versucht, russisch zu sein. „Das war wie ein unbeholfener amerikanischer Film über die Ära des Eisernen Vorhangs oder wenn man versucht, russisches Leben wie Postkartenmotive nachzuzeichnen.“

Die 1903 in Mailand uraufgeführte Oper „Sibirien“ erzählt von der jungen Stephana, die an einen Fürsten verkuppelt und von ihm ausgehalten wird. Sie folgt jedoch ihrer großen Liebe Vassili in ein sibirisches Straflager, wo sie sich gegen Ungerechtigkeiten und Diffamierungen wehrt. Die gemeinsame Flucht wird vereitelt, ein Schuss trifft sie tödlich.

Eine Reise im Jahr 1992

Dass das Werk nach den ersten Aufführungen nicht im Repertoire blieb, habe vielleicht auch damit zu tun, dass der russisch-japanische Krieg die Sicht auf diese beiden Länder veränderte, dass Russisches nicht mehr en vogue war. Giordano seien viele Momente gelungen, die tief menschliche und existenzielle Themen berühren, er habe aber auch Volkslieder, etwa ein eher lustiges ukrainisches Volkslied, in ein dramatisches Chorstück eingebaut. Dies sei der Auslöser dafür gewesen, dass Barkhatov eine weitere Figur eingeführt hat, eine Frau, die nach Sibirien reist, nichts von diesem Land weiß und sich deshalb dieses Land und die Straflager imaginiert. Als Zeit wurde das Jahr 1992 gewählt, in dem derlei Reisen überhaupt möglich wurden und sie entdeckt dabei „wie eine Archäologin“ Schritt für Schritt das Leben ihrer Vorfahren. Diese Frau und ihre Imagination ermöglicht es Barkhatov, auf die „dunkle Seite der russischen Kultur und seines Heimatlandes“ zu deuten, was mit historisierenden Kostümen und Settings ein Fake bliebe.

Er arbeitete einmal in Irkutsk und befasste sich mit der frühen Geschichte der Lager. „Das war ein Holzhaus im Nirgendwo, du konntest nicht entkommen, denn rundum gab es ja nichts, du wärst in den Tod gerannt.“ Er fragte nach einem Monument oder dem Ort, an dem Gräber sein müssten. Dabei stellte sich heraus, dass sich zwei Meter über der Erdschicht, in der noch Gebeine von einstigen Gefangenen sein müssten, mittlerweile ein Kindergarten befindet. Mit Schaukeln und Spielgeräten, die die Frau in der Oper dort vorfindet.

„Freiheit ist etwas, das du in deinem Inneren trägst“, sagt Barkhatov und bezieht sich dabei auf die Art, wie Giordano in dieser Oper die Figur von Stephana zeichnet. Unter den Adeligen in St. Petersburg habe es ihr an nichts gefehlt, aber in dieser vornehmen Gesellschaft sei sie unfrei gewesen, im Gefangenenlager sei sie frei geworden. Es gibt, wie so oft in der Oper, kein Happy End, aber sie stirbt, wie Barkhatov meint, „mit sich im Reinen“. Und auch in der Figur des Vassili erkennt er, wie dieser bereits einen Schritt weiter geht als Alfredo in „La Traviata“, Vassili akzeptiere nämlich wirklich Stephanas Vorleben und so wie sie ist, bereue, dass er sie einmal beschimpft hatte und bitte sie um Verzeihung.

Begegnung mit Weinberg

Im Theater an der Wien wird Barkhatov in der kommenden Saison „Der Idiot“ von Weinberg inszenieren. Bei den Bregenzer Festspielen wurde dessen Oper „Die Passagierin“ erstmals szenisch aufgeführt. Er liebe die Musiksprache Weinbergs, begegnete ihm als Kind aber als Filmkomponist von „Winnie Pooh“, als der er fast allgegenwärtig war. Vor seinem Tod sei er besorgt gewesen, dass er nur als Film- und Cartoon-Komponist in Erinnerung bleibt. Es sei großartig, dass seine Musik mit ­ihrem großen psychologischen Gehalt nun mit „Die Passagierin“ und „Der Idiot“ ins Weltrepertoire gelangt. CD

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