Sonderbergsiedlung in Götzis: "Katastrophal" – oder einfach nur schlechter Ruf?
Die Wohnanlage Sonderberg in Götzis steht seit Jahren immer wieder in der Kritik. Ein Video hat die Diskussion zuletzt neu entfacht. Doch wie ist der Alltag dort tatsächlich? Gespräche mit Bewohnern, Gemeinde und Hausverwaltung zeichnen ein vielschichtiges Bild.
Eine Szene zu Beginn
Kurz nach dem Betreten der Siedlung spielt sich eine Szene ab, die für viele sinnbildlich für die Probleme am Sonderberg steht. Ein großer, freilaufender Hund rennt durch den Innenbereich. Zwei Schulkinder auf dem Heimweg geraten in Panik, schreien und laufen davon. Erst als ihre Mütter dazukommen, wird die Halterin des Hundes ausfindig gemacht. Sie entschuldigt sich, das Tier sei entwischt. Für die beiden Frauen ist es kein Einzelfall. Die Szene fügt sich ein in einen Alltag, den sie als belastend und unberechenbar beschreiben.
"Katastrophales Zusammenleben"
In einem längeren Gespräch schildern die Frauen ihre Erfahrungen. Beide bezeichnen das Zusammenleben in der Anlage als katastrophal. Eine von ihnen berichtet von einer früheren Nachbarin, die tagsüber exzessiv Alkohol konsumiert habe. Es habe wiederholt Konflikte gegeben, bis hin zu einem Vorfall, bei dem versucht worden sei, den eigenen Balkon in Brand zu setzen. Schließlich habe es einen Cobra- und Polizeieinsatz gegeben, die Exekutive sei damals beinahe täglich vor Ort gewesen. Die Frau lebe inzwischen nicht mehr in der Anlage, die Kinder seien aus der Familie genommen worden. Ereignisse wie diese hätten das Sicherheitsgefühl nachhaltig zerstört, sagt eine der beiden Mütter.
Vorwürfe gegen das System
Besonders scharf fällt die Kritik am Wohnungsvergabesystem aus. Entscheidend sei aus Sicht der Frauen vor allem, dass die Miete bezahlt werde. Ob eine Familie in die Anlage passe, spiele keine Rolle. Wohnungen würden rasch nachbesetzt, ohne bestehende Spannungen zu berücksichtigen. Zudem äußern sie den Verdacht, dass Einkommensgrenzen umgangen werden: Wohnungen würden zunächst mit Familien bezogen, später lebten dort mehrere erwachsene Vollverdiener. Belegen können sie diese Vorwürfe nicht. Sie verstärken jedoch bei den Betroffenen den Eindruck, dass Regeln nicht konsequent kontrolliert würden. Ein junger Mann geht noch weiter und bezeichnet die Siedlung gar als "das Ghetto von Götzis".
Dass kaum jemand bereit ist, öffentlich über diese Wahrnehmungen zu sprechen, hat einen Grund: die Angst vor Konsequenzen im unmittelbaren Wohnumfeld. Keine der angesprochenen Personen wollte namentlich genannt werden oder vor der Kamera auftreten.
Bürgermeister widerspricht Problemzonen-Bild
Der Bürgermeister der Marktgemeinde Götzis, Manfred Böhmwalder, widerspricht der Darstellung, der Sonderberg sei eine Problemzone. Die Wohnanlage funktioniere, sagt er, und sei Teil des gemeinnützigen Wohnbaus. In den vergangenen Jahren habe die Gemeinde gemeinsam mit der Alpenländischen Heimstätte investiert – in Sanierungen, Freiflächen und begleitende sozialarbeiterische Angebote. Dass es in dicht bebauten Anlagen zu Konflikten komme, sei nicht ungewöhnlich. Insgesamt, so Böhmwalder, funktioniere das Zusammenleben.
Video: Interview mit Bgm. Manfred Böhmwalder
Vergabe der Wohnungen nach klaren Regeln
Die Wohnungsvergabe erfolge strikt nach dem Punktesystem des Landes Vorarlberg, betont Bürgermeister Manfred Böhmwalder. Entscheidungen würden über das Wohnungsamt, den Wohnungsausschuss und den Gemeindevorstand getroffen. Ablehnungen seien möglich, müssten jedoch begründet werden. „Eine Wohnung einfach nicht zu wollen, reicht nicht“, sagt Böhmwalder. Wer ohne triftigen Grund ablehne, werde für ein Jahr für weitere Wohnungsangebote gesperrt.
Keine auffällige Einsatzlage
Auch frühere Feuerwehr- und Polizeieinsätze bezeichnet Böhmwalder als Einzelfälle. Bei einer Wohnanlage dieser Größe könne es zu Ausnahmesituationen kommen, auffällig sei der Sonderberg jedoch nicht. Eine erhöhte Polizeipräsenz gebe es nicht. Bei Hinweisen auf illegales Verhalten werde reagiert, ansonsten setze man auf Dialog und Betreuung. Sein Wunsch sei mehr Toleranz auf allen Seiten. Nicht jedes Problem müsse sofort eskalieren.
Hausverwaltung sieht Fortschritte
Auch die Alpenländische Heimstätte bewertet die Situation deutlich entspannter als einzelne Bewohner. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, das Zusammenleben habe sich in den vergangenen Jahren spürbar verbessert. Einzelne Vorkommnisse ließen nicht auf grundlegende Probleme schließen.
Als größte Herausforderung nennt die Hausverwaltung die Müllentsorgung, insbesondere illegale Sperrmüllablagerungen. Die Reinigungsintervalle seien deshalb verdoppelt worden. Zusätzlich setze man auf regelmäßige Begehungen, Gespräche vor Ort sowie eine Hausvertrauensperson.
Viele Wirklichkeiten an einem Ort
Zwischen den teils drastischen Schilderungen einzelner Bewohner und den Einschätzungen von Gemeinde und Hausverwaltung klafft eine deutliche Lücke. Für die einen ist der Sonderberg ein normaler Wohnort mit punktuellen Problemen. Für andere ein Ort, an dem sich Angst, Konflikte und das Gefühl des Alleingelassenseins verdichten. Ein öffentlicher Diskurs, der sich seit Jahren hinzieht.
(VOL.AT)