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Unerwartete Entdeckung in einem antiken Haus verändert den Blick auf Pompeji

Forschende wurden auf Hinweise rund um eine monumentale steinerne Treppe in einem neu ausgegrabenen Wohnhaus aufmerksam, das als Casa del Tiaso bekannt ist.
Forschende wurden auf Hinweise rund um eine monumentale steinerne Treppe in einem neu ausgegrabenen Wohnhaus aufmerksam, das als Casa del Tiaso bekannt ist. ©Susanne Muth/Dirk Mariaschk/Elis Ruhemann/Pompeii Reset Project/Humboldt University of Berlin
Ein monumentales Treppenhaus in einem neu ausgegrabenen Haus liefert Hinweise auf bisher unbekannte Türme in der antiken Stadt.

Ein gewaltiges Steintreppenhaus, das scheinbar ins Nichts führte, hat Archäologen auf eine neue Spur gebracht: In der Casa del Tiaso, einem der prunkvollsten Privathäuser im antiken Pompeji, fanden sie Hinweise auf einen mehrstöckigen Turm – eine bislang kaum beachtete architektonische Struktur innerhalb der Stadtmauern.

Möglich wurde dieser Fund durch moderne digitale Methoden. Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin rekonstruieren gemeinsam mit dem Archäologischen Park Pompeji im Rahmen des Projekts "Pompeii Reset" verlorene Bauwerke digital. Dabei kommen unter anderem Laserscans (LiDAR), Drohnenaufnahmen und Fotogrammetrie zum Einsatz, um aus den verbliebenen Mauerresten virtuelle 3D-Modelle zu entwickeln.

Turm als Statussymbol

Die Casa del Tiaso, auch Haus des Thiasos genannt, gehörte vermutlich einer einflussreichen Familie. Das Anwesen verfügte über große Festräume, eine eigene Badeanlage und einen Gartenhof. Bei der Analyse eines erhaltenen Steintreppenhauses stellten die Archäologen fest, dass sich an dessen Spitze Spuren eines zweiten, hölzernen Treppenlaufs finden – ein Hinweis auf eine dritte Etage. Diese Kombination deutet laut Projektleiterin Susanne Muth darauf hin, dass es sich bei dem oberen Aufbau um einen Turm gehandelt haben könnte.

Eine digitale Rekonstruktion zeigt einen Turm, der möglicherweise in einem luxuriösen Wohnhaus im antiken Pompeji existiert hat. ©Susanne Muth/Dirk Mariaschk/Elis Ruhemann/Pompeii Reset Project/Humboldt University of Berlin

Türme galten in römischen Villen außerhalb der Städte als Statussymbole. Sie boten Aussichtspunkte, dienten zur Repräsentation und wurden mit Luxus assoziiert. Dass solche Bauformen auch innerhalb der Stadtmauern existierten, war bislang kaum bekannt. Die Funde in der Casa del Tiaso stellen diese Annahme nun in Frage.

Rekonstruktion per digitalem Zwilling

Digitale Archäologie ermöglicht den Forschern eine schrittweise Rekonstruktion verloren geglaubter Gebäudeteile. Anhand von Balkenlöchern, Mauerverläufen und Texturdetails wird ein virtuelles Abbild des ursprünglichen Bauwerks erstellt. So kann nachvollzogen werden, wie Räume einst genutzt wurden – etwa für Bankette mit Blick über die Stadt und den Golf von Neapel.

©Susanne Muth/Dirk Mariaschk/Elis Ruhemann/Pompeii Reset Project/Humboldt University of Berlin

Ziel der Forschungen ist nicht nur die historische Rekonstruktion, sondern auch der Erhalt des Weltkulturerbes. Digitale Modelle helfen dabei, den Zustand der Ruinen zu dokumentieren, künftige Restaurierungen zu planen und nicht erhaltene Bereiche sichtbar zu machen.

Alltag und Architektur im Fokus

Die Ausgrabungen zeigen auch, wie sich die Forschungsperspektive verändert hat. Während in früheren Jahrhunderten vor allem prachtvolle Fresken und Statuen im Vordergrund standen, rückt heute das Alltagsleben der Bewohner in den Fokus. Neue Funde belegen, dass auch wohlhabende Bürger Obergeschosse nutzten – entgegen früherer Annahmen, diese seien lediglich einfachen Wohnzwecken vorbehalten gewesen.

Einige Jahrzehnte nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. kehrten Menschen sogar in die zerstörte Stadt zurück und nutzten erhaltene Erdgeschosse als Keller oder Werkstätten. Erst ein weiterer Ausbruch im 5. Jahrhundert führte zur endgültigen Aufgabe Pompejis.

Ein Blick in die Vergangenheit – mit Technik der Zukunft

Mehr als 13.000 Räume wurden seit Beginn der Grabungen im Jahr 1748 freigelegt, doch rund ein Drittel der antiken Stadt liegt noch immer unter Asche verborgen. Die digitale Rekonstruktion eröffnet nun neue Perspektiven – nicht nur für die Forschung, sondern auch für die breite Öffentlichkeit. Virtuelle Rundgänge machen es möglich, in längst vergangene Lebenswelten einzutauchen.

Das Projektteam will in den kommenden Jahren weitere Gebäude digital erfassen und so das Bild der antiken Stadt vervollständigen. Ziel ist es, die kulturelle Identität Pompejis zu bewahren – für künftige Generationen und neue wissenschaftliche Fragestellungen.

(VOL.AT)

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