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Kein Sex mehr - und niemand spricht darüber?

Sexualberaterin Bettina Schwung über ein eingeschlafenes Sexleben.
Sexualberaterin Bettina Schwung über ein eingeschlafenes Sexleben. ©Michael Kreyer
Emilia Waanders (VOL.AT) emilia.waanders@russmedia.com
Kein Sex mehr – und niemand spricht darüber? Warum Lust plötzlich verschwindet, was wirklich hinter der Sexflaute steckt und was Paare jetzt tun können.

In vielen Beziehungen wird es irgendwann still im Schlafzimmer. Für manche ist es nur eine Phase, für andere ein leises Alarmsignal. Doch was steckt wirklich hinter einer sogenannten Sexflaute? Sexualberaterin Bettina Schwung erklärt, ob ausbleibender Sex normal ist, welche Mythen Paare unnötig unter Druck setzen und was man tun kann, wenn Nähe und Lust verloren gegangen sind. Spoiler: Nicht jede Lösung beginnt im Bett.

Gibt es die Sexflaute überhaupt?

Wenn in Beziehungen plötzlich kein Sex mehr stattfindet, ist schnell von einer "Sexflaute" die Rede. Für Sexualberaterin Bettina Schwung ist das jedoch ein falscher Begriff. "Ich finde, es gibt keine Sexflauten – es gibt Bedürfnisse", sagt sie. Sexualität sei nie ein isoliertes Thema, sondern immer etwas, das zwischen zwei oder mehreren Menschen ausgehandelt werde.

Wer keinen Sex möchte, befinde sich nicht automatisch in einer Flaute. "Dann will jemand einfach gerade nicht – und das ist erst einmal völlig legitim", erklärt Schwung. Problematisch werde es dort, wo Menschen aus Angst vor einer Flaute über ihre eigenen Grenzen gehen. Sex nach dem Motto "Hauptsache, es passiert etwas" hält sie für keine Lösung.

Video: Bettina Schwung im VOL.AT-Interview

"Unsere Gesellschaft tut so, als wäre es der Weltuntergang"

Gerade in langen Beziehungen oder Ehen seien Phasen ohne Sexualität keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Trotzdem werde das Thema gesellschaftlich dramatisiert. "Unsere Gesellschaft tut oft so, als wäre es der Weltuntergang, wenn Paare länger keinen Sex haben", sagt Schwung. Dahinter steckten hartnäckige Mythen – etwa die Vorstellung, man müsse Sex haben.

Diese Denkweise setze Paare unnötig unter Druck. Dabei sei Sexualität etwas, das sich über das Leben hinweg ständig verändere. "Nicht jede Phase ist gleich sexuell aufgeladen – und das ist okay."

Wenn das Angebot nicht passt

In ihrer Praxis erlebt Schwung immer wieder ähnliche Muster. Einer der häufigsten Gründe für ausbleibenden Sex sei, dass das, was angeboten werde, nicht dem entspreche, was sich der andere wünsche. "Viele merken einfach: Das fühlt sich für mich nicht stimmig an – trauen sich aber nicht, das auszusprechen."

Hinzu komme oft ein grundsätzliches Näheproblem. Wenn Gespräche fehlen, emotionale Verbindung abnimmt oder Konflikte ungelöst bleiben, wirke sich das fast zwangsläufig auch auf die Sexualität aus. Nähe bedeute dabei nicht nur Körperkontakt, betont Schwung, sondern auch Aufmerksamkeit, Zuhören und echtes Miteinander.

Paar- und Sexualberaterin Bettina Schwung. ©Michael Kreyer

"Wir brauchen Entspannung, um ins Spüren zu kommen"

Ein klassischer Wendepunkt im Sexleben vieler Paare sind Kinder – oft schon während der Schwangerschaft. Müdigkeit, neue Rollen, Dauerstress und fehlende Zeit lassen Sexualität in den Hintergrund rücken. "Es gibt einfach andere Prioritäten", sagt Schwung.

Besonders Frauen stünden unter hohem Druck. "Mental Load" und Alltagsorganisation machen es schwer, überhaupt in Lust zu kommen. "Wir brauchen Entspannung, um ins Spüren zu kommen", erklärt sie. Aber auch Männer seien betroffen. Stress im Job oder Überforderung führten ebenso dazu, dass die Lust abnehme.

Was Sex für eine Beziehung bedeutet

Ob fehlender Sex zur Belastung wird, hängt laut Schwung stark davon ab, welche Rolle Sexualität in der jeweiligen Beziehung spielt. Ist sie Ausdruck von Nähe, Identität, Beziehungs-Exklusivität oder Lust? Oder geht es um Fruchtbarkeit und Fortpflanzung?

"Es gibt nicht die eine Bedeutung von Sex" sagt sie. Für manche Paare sei er zentral für das Gefühl von Zusammengehörigkeit, für andere weniger entscheidend. Entscheidend sei, ob beide dieselbe Sprache sprechen – oder zumindest darüber reden.

Harmonie als Lust-Booster

Ungelöste Konflikte, Verletzungen oder emotionale Distanz können Lust regelrecht blockieren. "Die meisten Menschen brauchen Harmonie, um körperlich intim werden zu können", sagt Schwung. Intimität beginne dabei lange vor dem Schlafzimmer: im Alltag, im Umgang miteinander, im Gefühl, gesehen zu werden.

Entspannung, Wohlwollen und echtes Interesse am Gegenüber könnten bereits viel verändern. "Wir hätten viele Probleme nicht, wenn wir gelernt hätten, ehrlich miteinander zu reden, auch über Sexualität."

"Diese Klischees stimmen nicht"

Die alten Bilder von der lustlosen Frau mit Migräne und dem dauerwilligen Mann hält Schwung für überholt. "Diese Klischees stimmen einfach nicht." Es gebe genauso lustvolle Frauen wie lustlose Männer – nur werde darüber weniger gesprochen.

Auch der Mythos, Männer müssten Sex haben, um "Druck abzulassen", sei schlicht falsch. Sexuelle Energie finde immer einen Weg sich zu entladen – auch ohne penetrativen Sex in der Partnerschaft.

In diesem Raum ist Sex kein Tabu-Thema. ©Michael Kreyer

"Qualität statt Quantität"

Für eine gute Beziehung brauche es durchaus guten Sex, sagt Schwung. Aber nicht unbedingt viel davon. "Qualität statt Quantität – und dann, wenn beide wirklich Lust haben." Wöchentliche Pflichttermine im Schlafzimmer seien kein Garant für Nähe.

Zeit und Raum

Wenn Paare merken, dass schon länger nichts mehr läuft, empfiehlt Schwung einen sanften Einstieg. Nicht mit Vorwürfen, sondern mit einem Gespräch darüber, wie es einem selbst geht und was man bräuchte, um wieder Nähe zuzulassen.

Wichtig sei, Zeit und Raum für das Paar zu schaffen – ohne Kinder, ohne Erwartungen. "Nicht: Wir machen etwas Schönes, damit dann Sex passiert." Diese Verknüpfung wirke oft eher abschreckend.

Nähe ohne Sex zulassen

Ein zentraler Punkt auf dem Weg zurück zur Lust sei körperliche Nähe ohne Leistungsdruck. Berührungen, die nicht automatisch zu Sex führen müssen. Viele Menschen möchten nicht direkt an den "Hotspots" berührt werden, sondern langsam.

Schwung plädiert dafür, Sexualität weiterzudenken. "War Sex nur dann Sex, wenn es Penetration war? Oder war es auch schon etwas sexuell Nährendes, wenn wir uns berührt haben?" Diese Offenheit könne neue Wege eröffnen.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Professionelle Unterstützung empfiehlt Schwung lieber früher als später. Gerade beim Thema Sexualität seien Freunde oft keine guten Ratgeber. In der Beratung erlebe sie häufig große Anspannung – die sich schnell löse, sobald ein geschützter Raum da sei.

Zusammenfassung: Auslöser und Gründe für Sexflauten

  • Unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse oder Vorstellungen, die nicht ausgesprochen werden
  • Fehlende emotionale Nähe und mangelnde Kommunikation im Alltag
  • Ungelöste Konflikte, Verletzungen oder anhaltende Spannungen in der Beziehung
  • Schwangerschaft, Geburt und die Zeit mit kleinen Kindern
  • Müdigkeit, Dauerstress und hohe mentale Belastung ("Mental Load")
  • Gesellschaftlicher Druck und falsche Erwartungen an "funktionierende" Sexualität
  • Körperliche Veränderungen oder Beschwerden (z. B. Schmerzen, hormonelle Veränderungen, Erektionsprobleme)
  • Lebensphasen wie Wechseljahre, Erkrankungen oder berufliche Überforderung
  • Angst vor Zurückweisung oder davor, eigene Wünsche offen anzusprechen

Mögliche Lösungswege auf einem Blick

  • Ehrliche, wertschätzende Gespräche über Bedürfnisse, Grenzen und Wünsche
  • Sexualität nicht als Pflicht, sondern als freiwillige Begegnung verstehen
  • Nähe und Intimität zulassen, ohne sie sofort an Sex zu koppeln
  • Zeit und Raum für das Paar schaffen – bewusst und ohne Erwartungsdruck
  • Berührungen und Zärtlichkeit neu entdecken, auch ohne Penetration
  • Gesellschaftliche Mythen über Sex hinterfragen und loslassen
  • Stress reduzieren und Entspannung fördern, besonders im Alltag
  • Offenheit dafür entwickeln, dass Sexualität sich im Laufe einer Beziehung verändert
  • Frühzeitig professionelle Beratung oder Therapie in Anspruch nehmen

(VOL.AT)

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