Urnäsch: Wenn wilde Masken das neue Jahr einläuten
Während anderswo längst wieder Alltag herrscht, beginnt das neue Jahr hier noch einmal: Am "Alten Silvester", dem 13. Jänner, feiern die Menschen im Kanton Appenzell Ausserrhoden den Jahreswechsel ein zweites Mal. Der Hintergrund ist historisch – lange folgte die Region dem julianischen Kalender, der Silvester auf den 13. Jänner datiert. Auch wenn der gregorianische Kalender heute Standard ist, hat sich das Fest in Urnäsch und umliegenden Gemeinden wie Waldstatt und Schönengrund erhalten – als kulturelles Vermächtnis.
Schöne, wüste und "schö-wüeschte" Gestalten
Schon in den frühen Morgenstunden ziehen kleine Gruppen – sogenannte Schuppel – von Haus zu Haus. Immer mit dabei: drei Typen von Chläusen.
- Die "Schönen" tragen aufwendig verzierte Kopfbedeckungen – Miniaturlandschaften aus dem bäuerlichen Leben, handgeschnitzt und kunstvoll bemalt.
- Die "Wüeschten" hingegen wirken archaisch und wild – ihre Masken bestehen aus Tannengrün, Stroh, Heu und grotesken Zügen. Eine Form, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht.
- Und dann gibt es noch die "Schö-Wüeschten", eine Mischung aus beiden, entstanden in den 1960er-Jahren.
Egal ob schön oder schaurig – alle Chläuse sind stumm. Ihre Botschaft überbringen sie mit kräftigem Schellenläuten und dem sogenannten Zäuerli, einem melancholisch-schönen Jodel ohne Worte.
Ein geheimer Weg durchs Dorf
Vor jedem Haus bleiben die Schuppel stehen. Erst erklingen die großen Glocken, dann folgen die mehrstimmigen Zäuerli – meditativ, archaisch, beinahe rituell. Danach wünschen die Chläuse den Bewohnern ein "guets Neus". Pro Station gibt es mehrere Melodien. Die Routen sind wohlüberlegt – aber bleiben geheim, wie Silvesterchlaus Walter Frick gegenüber dem SWR erklärte.
Besonders stimmungsvoll wird es, wenn die Chläuse in den Gasthäusern einkehren, wo sich Einheimische und Gäste gleichermaßen von der urtümlichen Kraft dieses Brauchs begeistern lassen.
Kein Folklore-Event, sondern gelebte Identität
Die Silvesterchläuse sind kein touristisches Spektakel – es ist ein tief verankerter Brauch, getragen von Freiwilligen, die ihre Masken, Gewänder und Instrumente in monatelanger Arbeit selbst herstellen. Laut Appenzellerland Tourismus ist die Tradition mehrere hundert Jahre alt.
Auch weibliche Figuren sind inzwischen Teil des Brauchtums – ein Zeichen dafür, dass sich Tradition und gesellschaftlicher Wandel nicht ausschließen, sondern bereichern können.
Wenn die Zeit stillzustehen scheint
In einer Welt, die oft zu schnell dreht, ist das Silvesterchlausen ein Innehalten. Ein Moment des Miteinanders. Der urige Gesang, das rhythmische Schellenläuten und die tief in der Region verwurzelte Ernsthaftigkeit machen klar: Hier wird nicht einfach ein altes Fest kopiert – hier wird Tradition gelebt.
(VOL.AT)