Warum ein Vorarlberger Sanitäter zum Rettungsdienst nach Deutschland gewechselt ist
Marcel Hagen startete in Vorarlberg wie viele andere als Zivildiener, blieb danach mehrere Jahre freiwillig und stieg 2013 beruflich in den Rettungsdienst ein. Doch der Alltag wurde für ihn zunehmend frustrierend: eingeschränkte Maßnahmen, wenig Ausstattung und kaum Alternativen zum Transport ins Krankenhaus. Heute sitzt er im Rettungswagen in Wangen im Allgäu – mit deutlich mehr Handlungsspielraum. Im Interview spricht er ausführlich über die Beweggründe und die Defizite in Österreich.
"Wir haben immer alles ins Krankenhaus fahren müssen"
Hagen beschreibt den Rettungsalltag in Vorarlberg als stark eingeschränkt. "Wir haben immer alles ins Krankenhaus fahren müssen", sagt er. Auch dann, wenn bereits vor Ort klar gewesen sei, dass ein Hausarzt oder Pflegedienst ausreichen würde. Für ihn bedeutete das Frust – für Patienten lange Wartezeiten und für Spitäler zusätzliche Belastung.
Was in Deutschland anders läuft
In Deutschland arbeitet Hagen als Notfallsanitäter – eine dreijährige Ausbildung mit deutlich erweiterten medizinischen Kompetenzen. Im Einsatz kann er unter klaren Vorgaben wirksame Schmerzmittel verabreichen und Beatmungstherapien selbstständig starten, ohne auf einen Notarzt warten zu müssen. Zusätzlich gibt es mehr Möglichkeiten, Patienten außerhalb des Krankenhauses zu versorgen, etwa über ärztliche Bereitschaftsdienste oder in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten. Nicht jeder Einsatz endet automatisch im Spital.
Ausbildung als Kernproblem
Den größten Unterschied sieht Hagen in der Ausbildung. Während die Ausbildung zum Rettungssanitäter in Österreich 260 Stunden umfasst und als Einstiegsqualifikation gilt, dauert die Ausbildung zum Notfallsanitäter in Deutschland drei Jahre. Mit dieser Qualifikation gehen deutlich mehr Verantwortung und medizinische Befugnisse einher. Angesichts immer komplexerer Krankheitsbilder sei das österreichische Ausbildungsmodell aus seiner Sicht nicht mehr zeitgemäß.
Die Unterschiede im Dreiländereck
Der Begriff "Rettungsanitäter" bedeutet im Dreiländereck nicht überall dasselbe – und gerade in Vorarlberg sorgt das immer wieder für Missverständnisse. In Österreich ist die Grundausbildung zum Rettungssanitäter mit 260 Stunden eine Einstiegsqualifikation, darauf können zwar Zusatzmodule bis zum Notfallsanitäter aufgebaut werden. Aus Sicht vieler Praktiker bleibt das Ausbildungsniveau im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz dennoch deutlich niedriger. In Deutschland ist der Notfallsanitäter ein dreijähriger Beruf mit erweiterten Kompetenzen, in der Schweiz übernimmt der Rettungssanitäter HF nach dreijähriger Ausbildung eine ähnlich zentrale Rolle in der Notfallversorgung. Ausbildung und Verantwortung sind damit deutlich höher angesetzt als in Österreich.
Abschaffung der NEF-Pflege verschärft die Lage
Zusätzliche Brisanz bekommt das Thema durch die Abschaffung der NEF-Pflege. Bei schweren Einsätzen rückt das Notarzteinsatzfahrzeug damit oft nur noch mit einem Arzt und einem Fahrer aus. Eine speziell ausgebildete Pflegekraft, die den Notarzt bisher unterstützte, fehlt – während die Verantwortung für den Rettungsdienst weiter steigt.
"Ich kann in diesem Beruf alt werden – in Österreich nicht"
Zum Interview traf sich Hagen mit VOL.AT nach einer Zwölf-Stunden-Schicht und er zieht ein persönliches Fazit: In Deutschland habe er Perspektiven und Planungssicherheit. Gleichzeitig blickt er mit Sorge nach Vorarlberg. "Es tut mir leid für die Kollegen – und für die Patienten", sagt er. Sein Appell ist klar: Sanitäter leisten täglich Großartiges. Was es brauche, seien eine hochwertige Ausbildung, moderne Ausstattung und ein funktionierendes Qualitätsmanagement – damit Verantwortung und Kompetenz wieder zusammenpassen.
Auch das ÖRK sieht Handlungsbedarf
VOL.AT hat das Österreichische Rote Kreuz zu den im Artikel angesprochenen Punkten kontaktiert und um eine Einschätzung zur Situation in Österreich gebeten. Eine konkrete Stellungnahme zu den geschilderten Unterschieden zwischen den Rettungssystemen wurde nicht abgegeben. Das ÖRK verwies jedoch auf Positionspapiere zur geplanten Novellierung des Sanitätergesetzes. Darin wird auf den steigenden Reformbedarf im Rettungsdienst hingewiesen sowie eine Weiterentwicklung der Ausbildung und eine stärkere, klar definierte Rolle der Notfallsanitäter gefordert.
(VOL.AT)