Bei Gewalt, Mobbing oder Grenzverletzungen im Sport zählt oft der erste Schritt. In Vorarlberg soll er kleiner werden. Erste Erfahrungen zeigen, warum.
Wenn Kinder oder Jugendliche im Sport Gewalt, Mobbing oder Grenzverletzungen erleben, ist oft die kleinste Hürde zu hoch. Genau deshalb hat Vorarlberg einen Weg gewählt, den kein anderes Bundesland geht.
Als einziges Land betreibt es mit "Safe Sport Vorarlberg" eine eigene Meldestelle, angesiedelt bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft in Feldkirch.
Sie versteht sich als Ergänzung zur bundesweiten Fachstelle 100 Prozent Sport in Wien und steht mit dieser regelmäßig im Austausch. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der regionalen Verankerung.
"Es fühlt sich für die Menschen oft vertrauter an, wenn jemand im gleichen Dialekt spricht. Die Hürde, bei einer Stelle in Wien anzurufen, ist deutlich größer", sagt Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer.
Genau dieser niederschwellige Zugang war laut Netzer auch der Grund für die Entscheidung, eine eigene Anlaufstelle in Vorarlberg zu schaffen. In der Praxis habe sich gezeigt, dass es persönliche Gespräche und eine Ansprechperson vor Ort brauche.
Die Zahl der Meldungen steigt deutlich
Die Entwicklung der vergangenen Jahre deutet darauf hin, dass das Angebot zunehmend bekannt wird. Im Gründungsjahr 2024 gingen drei Meldungen ein. Bereits 2025 waren es 14.
Für Netzer ist dabei nicht nur die steigende Zahl bemerkenswert. Auch die Zusammensetzung der Anfragenden habe sich verändert.
"Wir merken, dass es deutlich mehr angenommen wird. Spannend ist außerdem, dass sich im ersten Jahr lediglich Betroffene gemeldet haben. Mittlerweile kontaktieren uns aber auch Sportvereine oder Eltern, die zum Teil auch nur einfache Fragen haben."
Damit erfüllt die Meldestelle längst nicht mehr nur die Funktion einer Anlaufstelle für Betroffene. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer Beratungsstelle für das gesamte Umfeld des Sports.
Mehr als nur Hilfe im Ernstfall
Das Angebot richtet sich heute an betroffene Sportlerinnen und Sportler ebenso wie an Eltern, Vereinsfunktionäre oder andere Personen, die von möglichen Grenzverletzungen erfahren.
Die Themen reichen von schweren Mobbingfällen im Vereinsleben bis zu rassistischen Äußerungen oder Berührungen im Training. Oft geht es aber auch um Unsicherheiten im Vereinsalltag.
So wenden sich Verantwortliche etwa mit der Frage an die Meldestelle, wie Einträge im Strafregister einer künftigen Trainerin oder eines Trainers einzuordnen sind.
"Wie ist das zu beurteilen, wenn dort ein Diebstahl oder eine Körperverletzung aufscheint?", schildert Netzer typische Anfragen. "Oft sind die Leute etwas überfordert und brauchen nur einen Rat. Wenn im Strafregister zum Beispiel etwas aus einer dummen Aktion in der Jugend aufscheint, heißt das noch nicht, dass die Person deswegen kein guter Trainer sein kann."
Entscheidend sei, jeden Einzelfall sorgfältig abzuwägen.
Betroffene bestimmen den weiteren Weg
Ein zentrales Prinzip der Meldestelle ist, dass Betroffene jederzeit die Kontrolle behalten.
"Wichtig ist uns, dass alles nach dem Wunsch der Betroffenen abläuft. Wenn die Anfrage anonym sein soll, bleibt sie anonym. Wir setzen keinen Schritt ohne Rücksprache und Zustimmung der Betroffenen", betont Netzer.
Gerade diese Vertraulichkeit soll dazu beitragen, dass sich Menschen frühzeitig melden, noch bevor Konflikte eskalieren oder Unsicherheiten zu falschen Entscheidungen führen.
Vorarlberg verfolgt damit einen Weg, der sich bewusst vom übrigen Österreich unterscheidet. Statt ausschließlich auf eine zentrale bundesweite Anlaufstelle zu setzen, ergänzt das Land diese durch ein regionales Angebot mit kurzen Wegen, persönlicher Beratung und direktem Kontakt. Die steigenden Meldungszahlen sprechen dafür, dass genau diese Nähe für viele Betroffene, Eltern und Vereine den entscheidenden Unterschied macht.
(VOL.AT)