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Wasserhosen über dem Bodensee: ein seltener Anblick – und doch kein Zufall

VOL.AT/Leserreporter
VOL.AT/Leserreporter ©Eine markante Wasserhose zieht am Mittwoch über den Bodensee.
Die Bilder vom Mittwoch sorgten für Staunen. Doch der trichterförmige Wirbel über dem Bodensee war kein meteorologischer Ausreißer. Hinter dem Phänomen steckt eine Besonderheit des Sees, die selbst viele Einheimische nicht kennen.

Ein trichterförmiger Luftwirbel, der sich am Mittwochnachmittag von einer dunklen Wolkenbasis bis knapp über die Wasseroberfläche des Bodensees erstreckte: Was Leserreporter im Bereich des Bregenzer Sporthafens festhielten, sorgte für Aufsehen – und für die unvermeidliche Frage, ob so etwas wirklich normal ist.

Die Antwort lautet: ja, zumindest für diesen See.

Ein Hotspot, den Meteorologen gut kennen

Der Bodensee gilt unter Fachleuten als einer der bedeutendsten Hotspots für Wasserhosen im gesamten deutschsprachigen Raum. "Normalerweise registrieren wir dort zwei bis drei Wasserhosen pro Jahr", sagte Jens Winninghoff, Tornadoexperte beim Deutschen Wetterdienst, gegenüber "Die Zeit". Der See sei für solche Erscheinungen "geradezu prädestiniert".

Die Gründe sind geografischer Natur. Die große offene Wasserfläche, spezifische Windkonvergenzzonen entlang der Alpen und kalte Luftmassen, die durch das Rheintal aus den Voralpen zum See strömen, schaffen immer wieder die Bedingungen, unter denen sich rotierende Luftsäulen bilden können. Auch MeteoSchweiz zählt den Bodensee – neben dem Genfersee – zu den Binnengewässern mit besonders hoher Wasserhosen-Frequenz.

Als besonders anfällig gilt dabei der östliche Bodensee zwischen Lindau, Friedrichshafen, Romanshorn und dem Rheindelta. Bregenz, Hard und Fußach liegen genau in diesem Korridor.

31 dokumentierte Ereignistage seit dem Jahr 2000

Recherchen zeigen: Seit 2000 wurden am Bodensee rund 31 Ereignistage mit Wasserhosen dokumentiert – die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, weil viele Phänomene über offenem Wasser entstehen und schlicht niemand hinschaut. Die saisonale Konzentration ist dabei auffällig: Rund zwei Drittel aller bestätigten Sichtungen entfallen auf August und September, wenn Wassertemperatur und atmosphärische Instabilität optimal zusammentreffen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist der September 2012, als Beobachter bei Immenstaad mindestens fünf Wasserhosen gleichzeitig zählten – ein Ereignis, das selbst erfahrene Meteorologen als außergewöhnlich einstuften.

Meteorologisch ein Tornado – praktisch meist harmlos

Eine Wasserhose ist, meteorologisch betrachtet, nichts anderes als ein Tornado über Wasser. Die meisten Bodensee-Exemplare bleiben jedoch vergleichsweise schwach und lösen sich auf, bevor sie Land erreichen. Größere Schäden sind bislang kaum dokumentiert.

Ganz ungefährlich sind sie dennoch nicht. Wer in einem kleinen Boot, auf einem Surfbrett oder im Freiwasser unterwegs ist, wenn sich ein solcher Wirbel bildet, kann durch plötzliche Windböen und rauen Wellengang in ernsthafte Bedrängnis geraten. "Mit einem kleinen Bötchen sollte man da nicht reinfahren", mahnte DWD-Experte Winninghoff nach einem vergleichbaren Ereignis im Vorjahr.

Klimawandel: Mehr Wasserhosen? Die Wissenschaft zögert

Die naheliegende Frage, ob der Klimawandel Wasserhosen am Bodensee häufiger oder intensiver macht, lässt sich derzeit nicht eindeutig beantworten. Ein aktuelles Fachpapier des Deutschen Wetterdienstes kommt zum Schluss, dass sich aus den verfügbaren Daten kein belastbarer Trend ableiten lässt. "Meteorologische Veränderungen, etwa durch den Klimawandel, können daraus nicht abgeleitet werden", sagt DWD-Experte Marcus Beyer.

Was Fachleute jedoch für möglich halten: Einzelne Ereignisse könnten künftig intensiver ausfallen. "Man geht davon aus, dass Tornados durch mehr Energie in der Atmosphäre heftiger werden", erklärte DWD-Meteorologe Andreas Friedrich bereits 2021. Für den Bodensee fehlen dazu bislang Langzeitstudien, die das belegen oder widerlegen könnten.

Was bleibt, ist das Bild vom Mittwochnachmittag: ein Wirbel über dem Wasser, der sich dreht, als hätte er Zeit – und ein See, der solche Momente offenbar nicht aus Zufall sammelt.

Meteorologie · Bodensee

Wasserhosen am Bodensee

Dokumentierte Ereignisse von 2000 bis 2026 — vom einzelnen Funnel Cloud bis zum Massenausbruch mit fünf simultanen Tornados

Ereignistage
2012
Aktivstes Jahr
Sep
Häufigster Monat
5+
Max. gleichzeitig
Zeige:
Ereignisse pro Jahr (Höhe = Anzahl dokumentierter Wasserhosen)
Einzelne Wasserhose
Mehrfach-Ereignis
Funnelcloud gesichert
Verdacht / nicht bestätigt
Verwendete Quellen anzeigen

Deutscher Wetterdienst (DWD): Klimastatusbericht 2004, Beitrag „Tornados in Deutschland“ von Andreas Dotzek; DWD-Lexikon „Tornado“; DWD-„Thema des Tages“ zu Tornadotrends.

dpa / Zeit Online: Aussage von DWD-Meteorologe Jens Winninghoff vom 30. Juli 2025 zu Wasserhosen am Bodensee.

MeteoSchweiz: Fachseiten zu Wasserhosen und Lake Effect sowie Blogbeitrag zur Bodensee-Wetterlage im Juli 2025.

ESSL / ESWD: European Severe Weather Database; Groenemeijer & Kühne (2014), „A Climatology of Tornadoes in Europe“.

Weitere Chroniken: Schweizer Sturmarchiv, Tornadoliste Deutschland, ORF, Südkurier, VOL.AT. Hinweis: Grafik erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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