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Wenn die Welt ein Dorf ist und man mit Quatchi kuschelt

Kann man es noch besser treffen, denkt sich Manuela Riegler und macht es sich wieder auf ihrem Bett gemütlich. Die Snowboarderin hat gerade die Jalousien in ihrem Zimmer hochgezogen und blickt durch das Fenster des wunderschön am Meeresarm False Creek gelegenen Gebäudes auf das BC Place Stadium.

Dort werden am Freitag die XXI. Winterspiele eröffnet und die 35-Jährige hat davor noch viel Zeit, um neben dem Training das Leben im Olympischen Dorf in Vancouver zu genießen. Für die APA – Austria Presse Agentur machte sie am Dienstag eine exklusive Führung.

Nur an einem Nachmittag und nur für wenige Medien wurden die Tore des Dorfes geöffnet, das wie immer einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Anders als bei anderen Spielen verbergen sich hinter den Zäunen aber keine einfachen und zweckmäßigen Quartiere, sondern moderne Beton-Glasbauten mit exklusiven Zweizimmer-Appartements, die nach den Spielen als Eigentumswohnungen zu Preisen ab 600.000 Dollar aufwärts verkauft werden. 16 Gebäude für 2.730 Sportler, Betreuer und Funktionäre stehen zur Verfügung – die Welt wird zum Dorf.

Die Mannschaft des Österreichischen Olympischen Komitees (ÖOC) logiert in einem Haus direkt am Ufer und auf sechs Stockwerke verteilt. Im Penthouse haben – aus Platzgründen – die Trainer und Betreuer der Sportler ihr Lager aufgeschlagen, aber auch ein paar Etagen drunter lässt es sich gut leben und auf dem Balkon darf der Ausblick aufs Meer genossen werden.

“Es ist wunderschön hier! Das sind meine dritten Spiele. In Turin vor vier Jahren glich das Dorf einer Jugendherberge, da war überhaupt kein Spirit, nicht cool, das hier ist wahrlich etwas anderes”, schwärmte die jüngere der beiden auf dem Cypress Mountain antretenden Riegler-Schwestern. Noch bewohnt sie das Zimmer alleine, freut sich über das luxuriöse Bad und kann im zwanzig Meter langen “Vorraum”, der den späteren Bewohnern im echten Leben als Küche und Wohnbereich dienen wird, ihre “Laufschule und Sprungübungen” machen, “und meine Schwester Claudia dann Yoga”.

Ihre drei Boards lehnen an der Wand, auf der Ledercouch lässt sich in Ruhe ein Buch lesen. Riegler hat sich jenes vom “Mentalisten” Manuel Horeth eingepackt. “Ich kenne ihn noch als Radio-Moderator und Zauberer und war jetzt auf der Buchpräsentation. Im Buch geht es darum, wie man seine fünf Sinne schärft, damit der sechste zum Vorschein kommt.”

Im Erdgeschoß hat das ÖOC sein Büro eingerichtet, zwei Laptops stehen zum Surfen bereit. Sehr zur Freude der Salzburgerin, die via Video-Skype Kontakt mit ihrem als Musiker in Brisbane (Australien) lebenden älteren Bruder hält. Fast vier Jahre ist das letzte Wiedersehen her. Wenn sich die Wohneinheiten der Österreicher füllen – insgesamt 27 der 81 ÖOC-Sportler werden im Dorf der Hafenstadt untergebracht – kann man zum privaten Tratschen auch ins Internet-Cafe ausweichen, das Telefoncenter nutzen oder klassisch auf dem Postamt eine Karte aufgeben.

Bisher noch schwarz geblieben sind beim Team Austria die Bildschirme der Fernseher, ein Techniker wird sich ihrer annehmen müssen, doch an hilfsbereiten und freundlichen Helfern mangelt es nicht. Schon vorhanden wären in den Appartements die Kücheneinrichtungen für den späteren Gebrauch, sie wurden aber vom Organisationskomitee mit Spanplatten abgedeckt, denn gespeist wird in der netten und einem Marktplatz ähnelnden “Dining Hall”. 350.000 Essen werden an die Athleten und Betreuer während der Spiele ausgeben, Teller und Essbesteck nach Gebrauch recycled, geöffnet ist rund um die Uhr, Gemüse und Obst immer frisch.

Auf dem Weg über den das Zentrum des Dorfes bildenden “Platz der Athleten” zum Fitness-Center läuft Riegler den Maskottchen Miga und Quatchi in die Arme und wird kräftig geherzt und geküsst. Über das Zusammentreffen mit der Weltmeisterin im Parallel-Riesentorlauf von 2005 und zweifachen Gesamtweltcupsiegerin freute sich Miga besonders, ist der – nach der Legende der “First Nations” – an Land gehende und sich in einen Bären verwandelnden Orca-Wal doch ein guter Snowboarder. Zumindest laut Organisationskomitee. Weniger leicht als die putzigen Stoffriesen zu erkennen sind die vielen Athleten. “Da kann man oftmals aufgrund der Körperstatur nur tippen”, meinte Riegler.

Medizinisches Service wird in der “Polyclinic” angeboten, ganz entspannt zu geht es in dem im afrikanischen Stil gehaltenen “Living Room”. Das Mega-Wohnzimmer bietet alles, was das junge Sportlerherz begehrt, von gemütlichen Wohlfühlecken, über Billard und Tischfußball bis hin zu Spielkonsolen, jeden Nachmittag und Abend performt eine Band, außerdem legt ein DJ Platten für die Sportler aus aller Welt auf.

Sportler, die die Flaggen ihres Landes aus den Fenstern ihrer Wohnungen hängen lassen. Italiener neben Australiern und Neuseeländern, gegenüber die Amerikaner. Und in bester Lage natürlich die Kanadier, die für ihre warmherzige Gastfreundschaft schon jetzt eine Auszeichnung verdient haben.

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