Vom Steuerstand an die Seitenlinie
Es ist ein Rollenwechsel. Zwölf Jahre lang segelte der Wolfurter Benjamin Bildstein gemeinsam mit David Hussl auf höchstem Niveau, zweimal ging es zu Olympischen Spielen. Der große Traum von einer Olympia-Medaille blieb zwar unerfüllt, dennoch steht am Ende eine Karriere, die sich sehen lassen kann. Junioren-Weltmeister 2015. Gesamtweltcupsieger 2016. WM-Bronze 2017. EM-Silber 2020. EM-Bronze 2023.
Erfolge, die zeigen, wie konstant sich Bildstein über Jahre in der Weltspitze hielt. Erfolge, die auch erklären, warum er jetzt bei seinen ehemaligen Konkurrenten gefragt ist.
Wenn Konkurrenten zu Schützlingen werden
Vor Kurzem stand Bildstein vor Mallorca wieder auf dem Wasser. Allerdings nicht mehr als Steuermann, sondern als Trainer. Unter seinen Fittichen: das irische 49er-Duo Robert Dickinson und Sean Waddilove.
"Die beiden sind schon ein Spitzenteam, wurden bei den Olympischen Spielen 2024 Vierte. Im taktischen und strategischen Bereich haben sie aber noch Potenzial und das war immer unsere Stärke. Deshalb haben sie mich engagiert", erklärt Bildstein.
Was früher ein Kräftemessen war, ist heute ein gemeinsames Arbeiten an Details. An Entscheidungen. An Sekunden. Und das funktioniert, weil die Basis stimmt.
"Sie wissen um meine Fähigkeiten und kennen meine Kompetenzen. Auch wenn wir früher auf dem Wasser Konkurrenten waren, kamen wir immer gut miteinander aus."
Wissen weitergeben statt Medaillen jagen
Nach dem Karriereende vor gut einem Jahr hat Bildstein bewusst den nächsten Schritt gesetzt. Er absolvierte die staatliche Trainerausbildung und arbeitet aktuell an der Spezialisierung zum Segeltrainer.
Sein Ansatz ist klar strukturiert. Wer zu ihm kommt, bringt ein konkretes Ziel mit.
"Es kommt niemand an und sagt, er möchte besser segeln, sondern sie wissen, was sie möchten und wobei ich ihnen helfen soll. Darauf fokussiert sich mein Coaching", beschreibt Bildstein seine Arbeit. Auch Themen wie Material, Aktivierung oder Meteorologie fließen ein. Gerade Letzteres zählt er zu seinen Stärken. "Da wurden wir beim Österreichischen Segelverband immer sehr gut ausgebildet."
Ein moderner Zugang zum Coaching
Und wie ist er als Trainer? "Streng bin ich nicht", sagt Bildstein nach kurzem Überlegen und lacht. "Dafür habe ich die Athletenseite zu intensiv gelebt."
Sein Zugang ist ein anderer. Einer, der auf Entwicklung statt Druck setzt. "Durch meine Karriere bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass zu negatives Coaching nicht förderlich für die Leistungsentwicklung ist. Es ist vielleicht eine modernere Herangehensweise, ich bin aber davon überzeugt, dass man über positives Feedback besser dazulernt."
Es ist ein Ansatz, der auf Vertrauen, Kommunikation und darauf baut, dass Leistung nicht durch Druck allein entsteht. Gleichzeitig weiß Bildstein, dass jedes Team anders funktioniert. "Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich ein Top-Team coache oder Nachwuchssegler. Dennoch sollte man als Trainer immer authentisch sein und sich nicht verbiegen."
Zwischen Coaching, Regatten und Kamera
Das Engagement beim irischen Team ist nur ein Teil seines neuen Alltags. Auch ein deutsches und ein amerikanisches Team betreut der Wolfurter. Der Fokus liegt klar auf den olympischen Disziplinen und der 49er-Klasse.
Ganz losgelassen hat ihn das Segeln aber nicht. In der J70-Klasse ist Bildstein weiterhin aktiv, segelt im Team von Thomas Müller-Uri als Taktiker und Stratege. Die nächsten Stationen stehen bereits fest: eine Winterserie vor Barcelona, danach mögliche Starts bei Europa- und Weltmeisterschaften. Außerdem ist er seit 2024 auch auf einer Switch, seinem "fliegenden Segelboot", unterwegs.
Und auch abseits des Wassers bleibt er in Bewegung. Als Speaker steht er auf Bühnen. Wenn Zeit bleibt, greift er zur Kamera. Nur eines hat sich grundlegend verändert: Die Konkurrenz segelt jetzt nach seinen Anweisungen.
(VOL.AT)