Zu heiß zum Lernen: "Bei diesen Temperaturen ist Unterrichten nicht wirklich nachhaltig"
Kein Jahr alt ist das neue Gebäude der HLW Marienberg in Bregenz, durch das Livia Müller (18) an diesem Mittwoch führt. Draußen zeigt das Thermometer 34 Grad Celsius an, drinnen wird es immer wärmer, je weiter hoch man im Neubau aus Holz und Beton kommt.
Die Schülersprecherin der katholischen Privatschule absolviert dort den Zweig Wirtschaft und Gastronomie mit einer Zusatzausbildung zur Jungsommelière.
Lehrerin Theresa Fink achtet darauf, dass die Schülerinnen genug trinken, schon in der Früh die Räume mit Rollos beschattet und Pausen gemacht werden, "wenn notwendig". "Bei diesen Temperaturen ist Unterrichten nicht wirklich nachhaltig", gibt sie zu. Die Schülerinnen seien "müder und schlapper". Die Lehrperson entscheide, ob sie hitzefrei gibt. Und wenn es gar nicht mehr gehe, stehe draußen ein Schlauch zur Verfügung, merkt sie mit einem Schmunzeln an.
Nicht alle Gebäudeteile lassen sich gleichermaßen kühlen. In den älteren Trakten, in denen die Turnhalle und eine Küche untergebracht sind, funktioniert die Kühlung weniger gut. In der Küche gab die Fachvorständin das Okay, dass die Schülerinnen die Kochbekleidung bei 34 Grad Celsius Außentemperatur nicht tragen müssen.
Die Schülerinnen bringen sich selbst Ventilatoren mit. "Auch die Lehrer sind ungeduldiger", behaupten sie. "In Geografie sind wir in die Landesbibliothek gegangen." Zum Lernen setzen sie sich draußen in den Schatten oder in den kühleren Keller.
Kein "hitzefrei" in Österreich
Was in Marienberg pragmatisch gelöst wird, beschäftigt derzeit viele Schulen: Welche Maßnahmen sind bei großer Hitze möglich, und wann darf Unterricht entfallen? In Wien ermöglichen einzelne Standorte bereits früheres Abholen. Auch in anderen Bundesländern ist von "Hitzefrei" die Rede – rechtlich ist das kein Automatismus.
In Vorarlberg gebe es "vereinzelte Anfragen zu den Handlungsmöglichkeiten", heißt es auf VN-Anfrage von der Bildungsdirektion. Entscheidungen über angepassten oder verkürzten Unterricht werden schulautonom getroffen. Das BG Lustenau entließ die Schüler "nach guter Überlegung" am Donnerstag früher, auch die Mittelschule Bregenz ging am Mittwoch diesen Schritt.
In Österreich besteht keine gesetzliche Regelung, wonach ab einer bestimmten Temperatur automatisch hitzefrei wäre. Erst wenn das Gebäude nicht mehr "benutzbar" ist, darf schulfrei gegeben werden. Entscheidend sei laut Bildungsdirektion immer die konkrete Situation am Standort. Stark betroffene Schulen sollten im Rahmen eines Hitzekonzepts organisatorische und pädagogische Maßnahmen überlegen.
Dazu zählen Trinkmöglichkeiten, zusätzliche Trink- und Erholungspausen, Unterricht in kühleren Räumen, weniger körperlich belastende Aktivitäten oder – wenn möglich – ein früherer Unterrichtsbeginn. Ein Entfall von Unterricht oder ein vorzeitiges Entlassen der Schülerinnen und Schüler sei nur das letzte Mittel.
Eltern müssen Entlassung zustimmen
Dabei bleibt die Betreuungspflicht zentral. Eltern müssen vorab informiert werden und einer früheren Entlassung zustimmen. Für die anderen muss die Schule eine Betreuung im Rahmen des Stundenplans sicherstellen.
Langfristig sieht die Bildungsdirektion die Schulerhalter gefordert. Gemeinden, Land und Bund würden daran arbeiten, Schulgebäude besser auf zunehmende Hitzeperioden vorzubereiten. Bis dahin bleibt der Umgang mit Hitze im Klassenzimmer eine Frage des Einzelfalls.