33-Jährige starb am Großglockner: Mutter verteidigt Begleiter und spricht von "Hexenjagd"
Gut ein Jahr nach dem tödlichen Unglück am Großglockner meldet sich die Mutter von Kerstin G. erstmals öffentlich zu Wort. Die 33-Jährige Salzburgerin war im Jänner des Vorjahres knapp unterhalb des Gipfels erfroren. In zwei Wochen muss sich ihr Partner am Landesgericht Innsbruck wegen grob fahrlässiger Tötung verantworten.
In einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" übt die Mutter deutliche Kritik an der medialen Berichterstattung und stellt sich klar hinter den Freund ihrer Tochter. "Es macht mich wütend, dass Kerstin als kleines Dummerchen dargestellt wird, das sich auf den Berg hochschleifen lassen hat", sagt sie. Auch der Umgang mit dem Angeklagten sei unfair: "Und ich finde es unfair, wie mit dem Freund von Kerstin umgegangen wird. In den Medien und im Internet wird eine Hexenjagd auf ihn veranstaltet."
Erfahrene Bergsteigerin
Die Mutter beschreibt ihre Tochter als neugierigen, selbstbewussten Menschen, den es früh in die Berge gezogen habe. "Sie hat sich nie gefürchtet. Und sie konnte ihr Können sehr gut einschätzen." Kerstin habe ihre Fähigkeiten realistisch beurteilt und Entscheidungen bewusst getroffen.
Zwar habe ihre Tochter gerne persönliche Grenzen ausgelotet, doch Leichtsinn sei ihr fremd gewesen. Die Berge seien für sie ein Ort der Ruhe, Achtsamkeit und des Respekts gewesen. "Sie bereitete sich sorgfältig auf ihre Touren vor und begegnete der alpinen Welt mit Demut." Der Tod an jenem Ort, an dem sie sich besonders lebendig gefühlt habe, sei für die Mutter kaum zu begreifen. "Ich vermisse sie unendlich."
Keine Schuldzuweisung an den Partner
Dem Freund ihrer Tochter weist die Mutter jede Verantwortung zurück. Entscheidungen seien stets gemeinsam getroffen worden. "Die beiden haben ihre Entscheidungen immer gemeinsam getroffen. Wenn Kerstin nicht einverstanden war, haben sie eine Bergtour nicht gemacht – oder ihr Freund hat sie allein unternommen."
Dass der Partner nun als Führender in die Verantwortung genommen werde, hält sie für nicht gerechtfertigt. "Deswegen hat er auch nicht verdient, als Führer in die Verantwortung genommen zu werden." Kerstin sei körperlich sehr gut vorbereitet gewesen. "Kerstin war toptrainiert", betont die Mutter. Gemeinsam hätten die beiden auch bereits anspruchsvollere Touren unternommen.
Den Eltern gehe es nicht um Schuld, sondern um Verständnis und Aufarbeitung. Es gehe darum, der Tochter und ihren Träumen gerecht zu werden. Sie habe die Berge geliebt – und diese hätten immer zwei Seiten. "Freud und Leid liegen nah beieinander."
Wie es zu dem Unglück kam
Die 33-jährige Frau war gemeinsam mit ihrem Begleiter auf einer geplanten Wintertour auf den Großglockner unterwegs. Die beiden näherten sich dem Gipfelbereich bei Temperaturen um minus 20 Grad. Laut Ermittlungen verschlechterte sich gegen 20.50 Uhr der Zustand der Frau deutlich: Sie soll erschöpft, unterkühlt und orientierungslos gewesen sein. Ein Notruf wurde zunächst nicht abgesetzt. Erst in den frühen Morgenstunden wurde die Alpinpolizei verständigt.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft entschloss sich der Begleiter gegen 2.00 Uhr früh, den Abstieg allein anzutreten, während die Frau im Hochgebirge zurückblieb. In den frühen Morgenstunden befand sich der Mann allein im Abstieg. Um 3.30 Uhr ging ein weiterer Notruf ein. Laut Anklageschrift erfror die 33-Jährige knapp unterhalb des Gipfels.
Unschuldsvermutung gilt
Für den 36-jährigen Begleiter gilt die Unschuldsvermutung. Bereits im Juni des Vorjahres hatte er den Vorwurf der fahrlässigen Tötung öffentlich zurückgewiesen. In einer Stellungnahme seines Anwalts Kurt Jelinek an die Staatsanwaltschaft Innsbruck hieß es: "Aus Sicht der Verteidigung war das Ableben der Frau ein tragischer Unglücksfall."
(VOL.AT)