"Am Anfang merkt man den Muskelkater!": Julia Lampert (29) ist Steinmetzmeisterin
In der Steinmetzerei Lampert in Göfis riecht es nach Erde und nassem Ton, der Boden ist von feinem Staub überzogen. Laut wird es, als Julia Lampert die Kanten einer Küchenplatte mit einem Steinschleifer abrundet. Die 29-Jährige arbeitet in einem uralten Beruf, der mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht: dem Steinmetzhandwerk. Heute wird das Bearbeiten von Naturstein oft durch moderne Fräsen ergänzt, und statt Skulpturen entstehen häufig maßgefertigte Platten für Küchen, Bäder oder Terrassen. Dennoch erfordert das Handwerk Präzision und Kraft.
Lamperts Material ist Millionen Jahre alt und damit noch viel älter als der Beruf. Stein fasziniert sie, weil es so viele unterschiedliche Typen gibt: "Jede Platte hat ihre eigene Art. Die Natur zaubert die Farbvielfalt und auch die Strukturvielfalt. Das Spannende an dem Beruf ist, mit den Tücken des Natursteins umzugehen und ihn richtig zu bearbeiten."
"Ich musste etwas mit den Händen machen"
Obwohl Lampert mit dem Steinmetzhandwerk aufgewachsen ist, ging sie nach dem Abschluss auf die Tourismusschule und begann ein theoretisches Studium in Innsbruck: "Da habe ich gemerkt: Ich muss etwas mit den Händen machen." Die 29-Jährige machte eine vierjährige Lehre zur Steinmetztechnikerin und absolvierte 2025 beim WIFI Salzburg die Meisterprüfung. Damit trat sie in die Fußstapfen ihrer Eltern.
Ihr Meisterstück, eine rollbare Kücheninsel mit Steinelementen, die fürs Kühlen der Getränke zuvor ins Tiefkühlfach gesteckt werden, steht im Schauraum des Familienunternehmens. Vier Monate tüftelte sie daran und nutzte dafür einen Avocatus Quarzit, der durch seine intensive grüne Farbe auffällt. Nach sieben Jahren Ausbildung darf sie sich Steinmetzmeisterin nennen - etwas, das sie sichtlich stolz macht.
Nach ihrer Rückkehr nach Vorarlberg bekam sie gleich viel Verantwortung übertragen: Mit ihrer Familie führt sie in Göfis einen von 35 Steinmetzbetrieben in Vorarlberg. Bruder Luca (26) und Mama Karin sind für fünf Mitarbeiter, Projektplanung und Marketing zuständig, Julia Lampert und Papa Jürgen führen die Werkstatt und sind die Handwerker der Familie. Die 29-Jährige berät Kunden, wie sie Küchen, Bäder und Terrassen und Fassaden gestalten können. Fingerspitzengefühl ist gefragt, wenn Trauernde für die Auswahl des Grabsteins mitsamt Gravur zu ihr kommen.
Das Gravieren erfordert höchste Präzision und Konzentration: "Wenn ich daneben schlage, kann ich es nicht einfach löschen und neu machen." Jetzt im Frühjahr sei mehr zu tun, sagt Lampert: "Es werden Gräber gerichtet und der Bedarf an Grabsteinen steigt." Ein Großteil der Arbeit ist der Zuschnitt von 400 bis 500 Arbeitsplatten für die Küche pro Jahr, die entweder direkt ausgeliefert werden oder an Küchenstudios und Tischlereien gehen, die sie verbauen.
Während in der Halle Ecken und Kanten geschliffen, Einsätze für das Waschbecken und den Herd aus Steinplatten geschnitten wird, lagern draußen überdacht die wahren Schätze. Sie kommen über einen Zwischenhändler am Gardasee aus der ganzen Welt: 900 Steinplatten, je 350 Kilogramm schwer, rau oder poliert, aus Brasilien oder Indien, schwarz, weiß, grau, grün oder sogar rot, stehen Reihe für Reihe im Lager und warten auf ihre Verarbeitung.
"Am Anfang merkt man den Muskelkater"
Mit einem Kran werden die Platten auf Wägen gehoben, müssen dann aber von den Mitarbeitern geschoben werden. "Die Arbeit ist schon kraftintensiv", gibt Lampert zu. In der Halle werden die Platten mit einem Saugheber in die Maschinen gehievt. "Die Kraft bekommt man im Laufe der Lehre. Aber man merkt den Muskelkater am Anfang!" Mit ihrem Beruf will sie junge Frauen "motivieren und inspirieren": "Macht ein Handwerk." Auch im eigenen Betrieb war das nicht selbstverständlich: Heuer werden dort von ihr erstmals zwei weibliche Lehrlinge ausgebildet.
Das Unternehmen hat Kunden in Vorarlberg, Liechtenstein und der Schweiz. Ist es bei der täglichen Arbeit mit Steinen noch möglich, normal durch die Stadt zu spazieren oder wandern zu gehen? "Ich schaue immer, welcher Stein das ist und wie sehr er verwittert ist", gibt Lampert zu. "Das ist wahrscheinlich eine Berufskrankheit", sagt sie schmunzelnd.
Julia Lampert
29 Jahre alt
Göfis
Steinmetzmeisterin und Ausbildung als Steinmetzin
(VOL.AT/Isabel Lochbühler)