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Berufung nach Bergdrama sorgt für Kopfschütteln

Experten irritiert über Berufung nach mildem Urteil
Experten irritiert über Berufung nach mildem Urteil ©ServusTV / Christian Leopold / Neumayr
Nach dem Urteil im aufsehenerregenden Großglockner-Fall zeigt sich die Szene irritiert. Während das Gericht für viele Beobachter milde entschied, legte die beklagte Partei Berufung ein. Alpinisten wie Thomas Wanner, Hans Kammerlander und Ines Papert zeigen sich verwundert.

Es war ein Prozess, der weit über Juristenkreise hinaus für Diskussionen sorgte. Nach einem tragischen Bergunfall – bei dem eine Frau ums Leben kam – fällte das Gericht ein für viele Beobachter vergleichsweise mildes Urteil. Dass dennoch Berufung eingelegt wurde, sorgt in der Alpin-Szene für Verwunderung.

"Es war schon eine Überraschung. Das Urteil ist milde ausgefallen. Man hat sich gewundert, dass trotzdem die Berufung kam", sagte Thomas Wanner.

Extrembergsteiger Hans Kammerlander ©ServusTV / Christian Leopold / Neumayr

"Eine Kette von Fehlern"

Auch Extrembergsteiger Hans Kammerlander zeigte sich irritiert. "Ich habe mich immer wieder gewundert und konnte es kaum glauben. Es war eine Kette von Fehlern, die normal nicht einfach so passieren können. Ich wäre als Betroffener hier sicher nicht in Berufung gegangen. Ich hätte mich entschuldigt und die Schuld gestanden."

Die Kritik zielt weniger auf einzelne Fehlentscheidungen als auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Laut Kammerlander seien "viele Möglichkeiten" ungenutzt geblieben. "Vor allem waren die Schuhe absolut unbrauchbar. Das war der erste Fehler. Der Begleiter war kein Bergführer. Da ist die Schuldfrage eine andere. Der Hubschrauber hätte umdrehen können. Es gab viele Möglichkeiten, es sind sichtbare Fehler, die einfach so nicht passieren durften."

Alpinist Thomas Wanner ©ServusTV / Christian Leopold / Neumayr

Thomas Wanner verweist auf die enorme Belastung: "Sie waren an die 16 Stunden unterwegs. Dass der Kopf nicht mehr ganz da ist, ist klar, aber auch schwer nachzuvollziehen. Ethische Grundregeln oder Gesetzeslagen müssen dennoch eingehalten werden."

Verantwortung in der Seilschaft

Für Ines Papert, mehrfache Weltklasse-Alpinistin, liegt der Kern der Debatte tiefer. Es gehe um Dynamiken in Zweier-Seilschaften – und um Verantwortung.

"In Paarsituationen gibt es oft ganz spezielle Dynamiken. Sie war für ihn zu langsam. Das dürfte in seiner vorigen Beziehung schon der Fall gewesen sein. Viele Frauen verlieren durchs Bergsteigen mit ihrem Mann dann auch den Spaß. Ich wurde eine selbstbestimmte Bergsteigerin dadurch, dass ich mit anderen Frauen meine Rolle am Berg gelebt habe."

Höhenbergsteigerin und Eiskletterin Ines Papert ©ServusTV / Christian Leopold / Neumayr

Papert betont die Rolle des Erfahreneren: "Er war der Erfahrenere. Wenn ich sehe, dass meine Partnerin so erschöpft ist, gibt es dafür keine Erklärung oder Entschuldigung."

Noch deutlicher wird sie bei der moralischen Dimension: "Der Erfahrene trägt die Verantwortung für den Schwächeren. Mit dieser Einstellung muss er den Schwächeren begleiten. Die moralische Verantwortung müsste da ausgenutzt werden. Die Entscheidung muss zugunsten des Schwächeren getroffen werden."

"Point of no return"

Ein zentrales Thema im Prozess war der Zeitpunkt des Aufbruchs. Papert sagt: "Das Wort ‚Zeitmarker‘ höre ich heute zum ersten Mal. Der Zeitpunkt des Starts ist entscheidend. Man muss Entscheidungen treffen. Es gibt den ‚point of no return‘. Der Aufstieg ist viel einfacher als der Abstieg. Da spielt Erfahrung eine große Rolle. Früher Aufbruch ist ein Zeichen für maximale Sicherheit."

Der konkrete Start um 6.45 Uhr sei "zwar nicht optimal, aber auch nicht sehr spät", so Wanner. "Er wurde auch freigesprochen diesbezüglich. Man hätte sich früher überlegen müssen, ob man im Zeitplan ist. Am Frühstücksplatz ging der Wind, man war zu spät dran. Da hätte man die Entscheidung treffen müssen, dass es nicht weitergeht."

©ServusTV / Christian Leopold / Neumayr

Ob Erschöpfung oder Unterkühlung eine Rolle spielten, bleibt offen. "Man weiß nicht, wie erschöpft sie waren. Vielleicht war Unterkühlung im Spiel. Alles andere ist für mich schwer zu verstehen, wirkt wie übertriebener Ehrgeiz", sagt Papert.

Bergrettung als letzte Option

Ein weiterer heikler Punkt: der Einsatz der freiwilligen Bergrettung.

"Ich möchte niemals mit der Hilfe der Bergrettung rechnen. Das war die größte Niederlage meines Lebens und dennoch bin ich dankbar, dass es diese Leute gibt", sagt Papert. Und weiter: "Ich bin entsetzt, wie leichtfertig die Menschen mit der Hilfe der freiwilligen Bergrettung umgehen. Für mich war das ein No-Go und wäre die größte Niederlage gewesen. Wir setzen das Leben von anderen Menschen aufs Spiel für unseren eigenen Erfolg."

Auch Kammerlander spricht offen über eigene Fehler in jungen Jahren. "Das ist mir früher schon auch sehr schwergefallen. Es waren Sachen, die ich gemacht habe, über die ich mich heute wundere. Ich habe Gewitter ignoriert, auf Seile verzichtet, in denen ich nicht einmal hätte sein sollen." Das Umkehren habe er lernen müssen – "von Reinhold Messner". Selbst am K2 sei er "beim schönsten Wetter umgedreht".

Zwischen Ehrgeiz und Selbstüberschätzung

Papert schildert, wie prägend Verantwortung sein kann: "Ich bin ins Bergsteigen gekommen, da hieß es, dass der Erfahrene automatisch verantwortlich ist. Damit bin ich gewachsen und habe irgendwann selbst Verantwortung übernommen."

Sie selbst stand einmal an der Schwelle zum Tod. "Ich habe mein Leben fast bei einer Lawine im Zelt verloren. Ich hatte Glück und konnte das Zelt verlassen. Das war mein erster und letzter Versuch eines Achttausenders. Dagegen ist der Glockner ein Spaziergang im Garten."

Ihr Resümee ist klar – und geht über den Einzelfall hinaus: "Oft überschätzen sich Männer, Frauen unterschätzen sich immer."

Der Prozess mag juristisch noch nicht abgeschlossen sein. Die Debatte über Verantwortung, Ehrgeiz und Ethik am Berg aber wird bleiben – gerade in einem Land, in dem der Gipfel oft näher scheint als die Umkehr.

(VOL.AT)

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