Die Olympischen Spiele sind vorbei, nun richtet sich der Blick auf die XIV. Winter-Paralympics. Von 6. bis 15. März stehen in Mailand und Cortina d’Ampezzo die Bewerbe auf dem Programm. Doch noch bevor die ersten Medaillen vergeben werden, ist die paralympische Bewegung tief gespalten, berichtet der STANDARD.
Boykott aus Protest gegen Russlands Rückkehr
Von einer geschlossenen "paralympischen Familie" kann heuer keine Rede sein. Die Ukraine sowie Estland, Lettland, Litauen, Polen, Finnland, Tschechien, Deutschland und die Niederlande haben angekündigt, der Eröffnungsfeier am Freitag im Amphitheater von Verona fernzubleiben. Weder Sportler noch Offizielle oder Politiker dieser Länder werden teilnehmen.
Der Hintergrund: Bereits Ende September 2025 beschloss das Internationale Paralympische Komitee (IPC) bei seiner Generalversammlung in Seoul, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 geltenden Sanktionen gegen Russland und Belarus aufzuheben. Beide nationalen Komitees wurden wieder als Vollmitglieder aufgenommen. Damit dürfen ihre Athletinnen und Athleten wieder regulär antreten – inklusive Flagge und Hymne.
Abstimmung mit knapper Mehrheit
Dass es so kam, ist Ergebnis einer demokratischen Abstimmung – und intensiver Lobbyarbeit. 91 der IPC-Mitglieder votierten für die Wiederzulassung, 77 dagegen. Stimmberechtigt waren nationale Komitees, internationale Sportverbände und Organisationen des Behindertensports.
Für eine sportliche Qualifikation war der Beschluss allerdings zu spät. Deshalb erhalten sechs russische sowie vier belarussische Athletinnen und Athleten Startplätze über eine Wildcard.
Das Österreichische Paralympische Committee (ÖPC) hatte sich im Vorfeld klar gegen eine Rückkehr ausgesprochen. Präsidentin Maria Rauch-Kallat betont gegenüber dem STANDARD: "Wir sind mit dieser Entscheidung nicht glücklich, wir haben bei allen Abstimmungen gegen eine Rückkehr gestimmt. Wir haben eine klare Position." Solange der Krieg andauere, halte man eine Teilnahme Russlands für "nicht vertretbar".
Österreich reist dennoch zur Eröffnung
Dem Boykott schließt sich Österreich dennoch nicht an. "Das war keine leichte Entscheidung", sagt Rauch-Kallat. Man habe die Frage intensiv diskutiert. "Aber der Sport geht vor. Wir wollen unsere Athleten und Athletinnen nicht in die Außenpolitik hineinziehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Boykotte dem Sport nicht dienen. Die Entscheidung bei der Abstimmung in der IPC-Generalversammlung bleibt schwer nachvollziehbar, dennoch müssen wir sie als Demokratinnen akzeptieren."
Vier Aktive und zwei Betreuer werden Österreich bei der Feier in Verona vertreten. Als Fahnen-Duo nominierte das ÖPC die zweifache Paralympics-Siegerin von Peking 2022, Veronika Aigner, sowie Markus Salcher, der insgesamt sieben Paralympics-Medaillen gewonnen hat. Da beide am Tag nach der Eröffnung in der Abfahrt starten, werden sie allerdings nicht vor Ort sein, sondern aus Cortina d’Ampezzo zugeschaltet.
Rauch-Kallat erinnert in diesem Zusammenhang an Sotschi 2014. Damals blieb sie nach eigenen Angaben einer Veranstaltung mit Russlands Präsident Wladimir Putin fern – offiziell aus terminlichen Gründen, inoffiziell als stiller Protest gegen die Annexion der Krim. Der damalige IPC-Präsident Philip Craven habe darauf "erbost" reagiert.
Scharfe Kritik aus der Ukraine
In der Ukraine sorgt die Rückkehr Russlands weiterhin für Empörung. Das IPC habe "mit seiner Entscheidung die Möglichkeit geschaffen, dieselbe Flagge, die mit ukrainischem Blut getränkt ist, auf dem Gelände der 14. Paralympischen Winterspiele zu hissen", erklärte das ukrainische Paralympische Komitee. 2022 sei der ukrainische Kampf für Frieden noch "unterstützt" worden, nun habe das IPC "seine Position geändert".
In einem offenen Brief an Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni wurde zudem behauptet, das IPC habe "aufgrund von persönlichem Druck Wladimir Putins auf Delegierte aus Afrika, Asien und Lateinamerika" die Vollmitgliedschaft Russlands und Belarus’ wiederhergestellt. Die italienische Regierung hatte bereits im Februar ihre "entschiedene Ablehnung" einer Rückkehr bekundet.
Streit um ukrainische Teamkleidung
Kurz vor der Eröffnung kam es zu einer weiteren Kontroverse. Wie am Dienstag bekannt wurde, dürfen ukrainische Athleten in Italien nicht in ihrer ursprünglich geplanten Teamkleidung antreten. Auf den Anzügen war eine Landkarte der Ukraine in den Grenzen von 1991 abgebildet – inklusive der Krim und jener Gebiete, die aktuell von Russland besetzt sind.
Da politische Botschaften laut IPC-Regularien untersagt sind, musste die Delegation eine Alternative einreichen, die mittlerweile genehmigt wurde. Ein Sprecher des IPC verwies darauf, dass gemäß den Regeln für Paralympics-Uniformen "Texte von Nationalhymnen, motivierende Worte, öffentliche/politische Botschaften oder Slogans, die sich auf die nationale Identität beziehen" verboten seien. Auch die Darstellung einer Landkarte falle unter diese Bestimmungen.
Der Fall erinnert an den ukrainischen Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch. Er war bei den Olympischen Spielen im Februar vor seinem Start disqualifiziert worden, weil er einen vom IOC untersagten Helm trug. Darauf abgebildet waren mehr als 20 Sportlerinnen und Sportler, die infolge des russischen Angriffskriegs ums Leben gekommen sind. Auf Instagram bezeichnete Heraskewytsch das Verbot der ukrainischen Teambekleidung nun als "beschämend".
Medaillenkandidaten aus Russland
Russland erhielt Quotenplätze in den Sportarten Ski alpin, Skilanglauf und Snowboard. Der 28-jährige Skirennläufer Alexej Bugaew, Paralympics-Sieger von Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018, gilt in Cortina in allen fünf alpinen Disziplinen (stehend) als ernst zu nehmender Medaillenkandidat. Auch die sehbeeinträchtigte Langläuferin Anastasija Bagijan reist mit einem Weltcupsieg im Gepäck an.
Es ist also keineswegs ausgeschlossen, dass bei diesen Winter-Paralympics die Hymne der Russischen Föderation erklingen wird – sehr zum Unmut jener Nationen, die in Verona ein Zeichen setzen wollen.
(VOL.AT)